In diesem Artikel finden Sie Links zu Original-Dokumenten aus der Recherche.
Der Titel sagt fast alles. »Positive Effekte des Red-Bull-Energydrinks auf die Fahrleistung bei längerem Fahren« heißt eine Studie aus dem Jahr 2010. Um herauszufinden, wie der Energydrink »Müdigkeit und Beeinträchtigungen bei längeren Autofahrten« entgegenwirkt, werden 24 Freiwillige in einen Simulator gesetzt und spielen Fahren. Die einen bekommen ein Red Bull dazu, die anderen ein Placebo.
Das Ergebnis: Schon eine Dose Red Bull soll die Fahrleistung »signifikant« verbessern und »die Müdigkeit des Fahrers bei längerem Fahren auf der Autobahn reduzieren«. Quod erat demonstrandum – zufällig unterstützt die Studie eine der Kernbotschaften von Red Bull: mehr Energie. Immerhin zählt auch der »Lkw-Fahrer, der von Küste zu Küste durch Amerika« fährt, zur Zielgruppe. Der Konzern stellte nicht nur echte wie Placebodosen zur Verfügung, man unterstützte die Studie finanziell, so die Offenlegung.
Studien wie diese fallen in den Aufgabenbereich der Wissenschaftsabteilung (»Science«), die eng mit den Konzernjuristen (»Legal«) zusammenarbeitet: »Unsere Science-Manager bestätigen die Sicherheit und die Wirksamkeit unserer Produkte und Inhaltsstoffe. Sie unterstützen das Regulierungsteam und das Geschäft, indem sie Wissenschaft in Volumen und Profit übersetzen und jede Art von Bedenken lindern, die Konsumenten, Medien oder andere Stakeholder gegenüber unseren Produkten haben«, liest man im Red-Bull-Legal-Kit des Jahres 2014.
Klare Worte, klare Mission. Also klar, mehr Studien. Zwei Jahre nach dem Placebotest läuft eine andere Arbeit vom Wissenschaftsband: »Energydrinks gemischt mit Alkohol: Irrglaube, Mythen, Fakten«. Drei Forscher, darunter der Niederländer Joris C. Verster, der auch zu den positiven Effekten beim Fahren geforscht hatte – er war für DOSSIER nicht zu erreichen –, gingen den Auswirkungen des Mischens von Alkohol mit Energydrinks nach. Eine heikle Sache. Denn Red Bull als Mischgetränk ist wichtig für den Absatz.
Dummerweise aber auch umstritten. Red Bull finanzierte erneut. Die Analyse von 23 wissenschaftlichen Publikationen kommt zum Ergebnis: Zwar wiesen die Beiträge darauf hin, dass Energydrinks zu verringertem Bewusstsein für Vergiftungen und zu erhöhtem Alkoholkonsum führen würden, jedoch könnten »diese Ansichten nicht durch direkte oder zuverlässige wissenschaftliche Beweise gestützt werden«.
Dem Konzern passt das ins Konzept. Die Auswertung fließt in Unterlagen ein, die Red Bull intern verteilt. Auch in Dokumenten des Interessenverbandes Energy Drinks Europe, in dem Red Bull das größte Mitglied ist, liefert sie fortan Argumente für Gespräche mit Behörden und der Politik.
Doch wie belastbar sind diese Ergebnisse? Schwer zu sagen. Sie haben aber noch einen Effekt. »Auf diese Weise werden Wissenschaftler eingesetzt, um Zweifel zu erzeugen«, sagt Peter Miller zu DOSSIER. Miller ist Professor an der School of Psychology der Deakin University in Australien, sein Spezialgebiet: alkoholbedingte Gewalt in Nachtclubs und Pubs.
Miller macht 2013 auf die Vorgehensweise der Industrie aufmerksam. Er veröffentlicht im British Medical Journal den Artikel »Energydrinks und Alkohol: Von der Industrie unterstützte Forschung könnte die Schäden herunterspielen«. Jahre zuvor hatten ihm Barbesitzer von Schäden erzählt, die der Konsum von Energydrinks verursachen würde. Das war der Ausgangspunkt für Millers Interesse.
Im Zuge seiner Arbeit trifft er immer wieder auf Wissenschaftler, die von Red Bull finanziert wurden, »um Studien durchzuführen und um auf Konferenzen aufzutauchen«. Für ihn offensichtlich: Sie versuchen, ihn und andere Kollegen mit ihren »Erkenntnissen« anzugreifen. Eine Taktik, die man sich von der Alkohol- und Tabakindustrie abgeschaut habe.
Das Muster: Eine Studie von unabhängigen Wissenschaftlern stellt fest, dass der Konsum von Energydrinks in Kombination mit Alkohol zu Gesundheitsschäden wie Vergiftungen führen kann. »Dann führt die Industrie eine sehr ähnliche Studie mit einer ausgewählten Stichprobe durch«, sagt Miller – und schon hat man ein Gegengewicht. Samt ähnlich positivem Effekt wie eine Dose Red Bull beim Autofahren.

