Historie

Der Ursaft aus Thailand

Die Red-Bull-Story beginnt nicht in Österreich, sondern in Thailand, wo ein Gemüsehändler ein Getränk aus Japan kopiert und ­damit zum Dagobert Duck wird.

Text: Florian Skrabal; Recherche: Somsakul Phaochindamuk

Red Bull12.2.2021 

In diesem Artikel finden Sie Links zu Original-Dokumenten aus der Recherche.

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Wenn man’s ganz genau wissen will, steht man schon ganz zu Beginn vor gewissen Schwierigkeiten. Datierungsschwierigkeiten nämlich. Kein Mensch kann heute noch genau sagen, wann die Red-Bull-Story ihren Anfang nahm. War’s der August 1923, war es ein Jahr früher, zwei ­Jahre später, oder überhaupt erst 1933, dass in der ­siamesischen Provinz Phetchaburi, im heutigen Thailand, Chaleo Yoovidhya zur Welt kam?

Was sich mit Sicherheit sagen lässt: Als der ­medienscheue Mann 2012 stirbt, hat er eine eindrucksvolle Karriere auf dem Businessparkett hinter sich, es zu weltweitem Ruhm und unvorstellbarem Reichtum gebracht. Die Details ­seines Aufstiegs muss man sich zwar mit den ­herumliegenden Teilen aus dem Biografiebaukasten des Multimilliardärs selbst zusammenbauen. Aber egal, mit welchen biografischen Puzzlesteinen hantiert wird, es kommt immer eine Selfmade-Story wie aus dem Bilderbuch heraus. Deren Kernaussage: Von ganz unten hat sich ­einer nach ganz oben durchgebissen. 

Yoovidhyas Eltern sind bitterarm. Der Vater ist ein chinesischer Einwanderer, die Mutter eine Thai. Sie leben von traditioneller Entenzucht und bringen die fünf Kinder, die alle früh anpacken müssen, mit Ach und Krach durch. Chaleo, der Drittgeborene, wird zu einem Arzt geschickt, um im Austausch für Hausarbeit die Mittelschule besuchen zu können. In der 5. Klasse verlässt er die Bildungsanstalt wieder, um seine Eltern bei der Entenzucht zu unterstützen.

Später verschafft ihm sein Bruder eine Stelle als Verkäufer. Als dann die Firma pleitegeht, macht sich der junge Mann – der Zweite Weltkrieg ist endlich vorbei – auf nach Bangkok. In der Millionenmetropole beweist Chaleo erstmals seinen Riecher fürs Geld.

Die in Thailand beliebte Jackfrucht wurde in Bangkok sehr teuer verkauft, kostete in der Provinz allerdings nur einen Pappenstiel. Eine verlockende Gewinnspanne winkt. Chaleo erntet ohne jegliches Vorwissen die Früchte selbst, pflückt sie, einfach der Größe nach, und verfrachtet sie per Zug nach Bangkok.

Gute Idee, blöd nur, dass die Ladung, dort angekommen, unverkäuflich ist. Ein Teil der Früchte ist ­über-,­ der andere unreif. Ein Verlustgeschäft, das zu einer seiner wichtigsten betriebswirtschaftlichen Lektionen wird, wie er dem thailändischen Executive Magazine in einem seiner raren Interviews gesteht: »Führe kein Geschäft, wenn du keinen Hintergrund oder nicht genug Erfahrung darin hast. Immer, wenn du in ein Geschäft einsteigen willst, studiere es in jeder Dimension, sonst bist du verloren.« 

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