Das Jahr der Zeitung

Vor zehn Jahren war alles anders. Werner Faymann war noch nicht Bundeskanzler der Republik, sondern Stadtrat für Wohnen und Wohnbau in der Bundeshauptstadt Wien. Josef Ostermayer war nicht Bundesminister für Kunst und Kultur, sondern Faymanns Büroleiter. Und Wolfgang Jansky war nicht Geschäftsführer der aufstrebendsten Zeitung des Landes, sondern Faymanns Pressesprecher.

2004 arbeiten die drei Männer noch im Wiener Rathaus und machen gemeinsam Zeitung. SPÖ-Wohnbaustadtrat Werner Faymann initiiert Anfang des Jahres ein Magazin, das sich an Mieterinnen und Mieter der Wiener Gemeindewohnungen richten soll, Die Stadt – Das Wohnmagazin für Wien. Herausgeberin ist eine Stiftung, die Urbania Privatstiftung. Sie wird später im Netz der Gratiszeitung eine wichtige Rolle spielen. Die Wiener Städtische Versicherung hatte die Urbania bereits im Jahr 2000 gegründet, seit Oktober 2003 sitzen Faymanns Büroleiter Josef Ostermayer und der SPÖ-nahe Steuerberater und Treuhänder Günther Havranek im Stiftungsrat der Urbania.

Im Februar 2004 erscheint das Wohnmagazin zum ersten Mal, die Auflage beträgt 300.000 Stück. Die Zeitschrift wird zu großen Teilen von Krone-Journalisten gemacht, das Nachrichtenmagazin profil beschreibt es gar als „Krone Bunt für Gemeindebauten“. Inhaltlich ist das Wohnmagazin voller Lob für den Stadtrat. So verfasst etwa Krone-Journalist Michael Pommer den Artikel „Abenteuer Spielplatz“, in dem Werner Faymann zu seinem Engagement für Spielplätze in Wiener Wohnanlagen zu Wort kommt. Drei Jahre später schreibt Pommer wieder über Faymann. 2007 ist er für den redaktionellen Teil der Inseratenstrecke „Unsere Bahn“ in der Kronen Zeitung zuständig – jene Werbekampagne, die noch bis Ende 2013 Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen gegen den nunmehrigen Bundeskanzler Werner Faymann und seine rechte Hand, Josef Ostermayer, war.

Aber zurück ins Jahr 2004. Nur sechs Wochen nach Start des Wohnmagazins Die Stadt erhöht Werner Faymann das Werbebudget der Magistratsabteilung 50 („Wohnbauförderung“). Am 22. März 2004 beantragt die MA 50 1,2 Millionen Euro für die Informationskampagne „Zukunft der Wohnbauförderung“. Das Ziel: „Die Wiener Bevölkerung über die Aufgaben der Wohnbauförderung und ihre positiven Effekte“ mittels „Einschaltungen in verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen sowie Monatsmagazinen“ zu informieren. „Für Inserate und PR-Einschaltungen sowie die Belegung elektronischer Medien mit diesem Thema ist ein Betrag von insgesamt 792.000 Euro notwendig“, heißt es in dem Antrag. Schwerpunktmäßig soll die Kampagne in den Monaten „August bis Oktober 2004“ stattfinden. Im Vergleich zum Vorjahr steigen 2004 die Ausgaben der MA 50 für „Laufende Informationen über den geförderten Wohnbau“ um rund das Sechsfache, auf knapp 2,5 Millionen Euro. Rosige Zeiten für das Wohnmagazin – und den Wiener Zeitungsmarkt überhaupt.

Nach der Zeitung ist vor der Zeitung

Doch auf Wiens Zeitungsmarkt passiert etwas Kurioses. Nur eine Woche, nachdem Faymann knapp 800.000 Euro für Inseratenschaltungen beantragt hat, muss Wiens erste Gratistageszeitung zusperren. Am 31. März 2004 erscheint der U-Express das letzte Mal. Obwohl die Zeitung wirtschaftlich erfolgreich läuft, verschwindet sie. Für Insider kommt die Einstellung von Wiens erster Gratiszeitung nicht überraschend. Der U-Express hatte seinen Zweck erfüllt: Der Markt für Gratistageszeitungen wurde drei Jahre lang dicht gehalten.

2001 war Wiens erste Gratiszeitung von der Mediaprint gestartet worden. Schnell musste es damals gehen, Konkurrenz aus Skandinavien sondierte bereits den Wiener Markt. Das SPÖ-regierte Rathaus packte mit an. Der stellvertretende Leiter des Presse- und Informationsdienstes (PID) der Stadt Wien, Rudolf Mathias, baute in seiner Karenz die U-Express-Redaktion auf. Die Geschäfte leitete mit Josef Kalina ebenfalls ein SPÖ-Mann – zwischen 2007 und 2008 wird Kalina SPÖ-Bundesgeschäftsführer sein. Bei der Gründung hatten die Mediaprint-Eigentümer aber vereinbart, U-Express nach drei Jahren einzustellen. So passiert es Ende März 2004. Die Zeitung ist weg, doch die Macher wissen: Gratiszeitung funktioniert!

Wie ein ehemaliger Mitarbeiter des U-Express DOSSIER berichtet, wird ihm noch vor dem Aus gesagt, er solle sich keinen neuen Job suchen. Denn bald ginge es weiter; und bald geht es weiter. Es beginnt eine Zeit, über die involvierte Akteure bis heute nicht offen sprechen. Die Vorbereitungen laufen an, im Verborgenen wird an einer neuen Gratiszeitung gebastelt. Wie die Namen der Hinterleute ist alles: streng geheim.