Die Fidelis-Connection

Ein Inserat ist wie ein Geldschein. Beides ist bedrucktes Papier, beides repräsentiert einen Wert. Im Netz der Gratiszeitung geht dieser in die Millionen. Bei Inseratengeldern handelt es sich zu erheblichen Teilen um Steuergeld oder um Kapital aus öffentlichen Unternehmen, die zumeist mit Steuergeld subventioniert werden. Während private Firmen genau planen, in welchen Medien sie wie viele Anzeigen schalten, sind Vertreter öffentlicher Stellen bei der Verteilung freizügiger – wie freizügig es zugehen kann, zeigt sich in der Fidelis-Verbindung: Zwischen Februar 2004 und September 2005 fließen Inserate im Wert von rund eineinhalb Millionen Euro von stadteigenen Unternehmen, die im Einflussbereich des einstigen SPÖ-Wohnbaustadtrats und heutigen Bundeskanzlers Werner Faymann standen, an ein Magazin, das er kurz zuvor gestartet hatte. Besorgt hatte die Inserate: Josef Ostermayer, des Stadtrats rechte Hand. Dazu aber gleich.

Zur Erinnerung: 2004 ist das Jahr der Neuerscheinungen, das Jahr der Zeitung. Seit Februar wird Gemeindebaumietern ein neues Heft in die Wohnungen geliefert, Die Stadt – Das Wohnmagazin für Wien. Ab September 2004 bekommt die Bundeshauptstadt mit Heute auch einen Ersatz für den Ende März eingestellten U-Express, Wiens erste Gratistageszeitung. Im Netz der Gratiszeitung entsteht zwei Tage vor Weihnachten 2004 ein neues Unternehmen, das bald zum Bindeglied in der Firmenkonstruktion wird: die Fidelis Medien- und Zeitschriftenverlags GmbH. Eigentümer der Fidelis sind einmal mehr die Urbania Privatstiftung (49%), Herausgeberin von Die Stadt, und Günther Havranek (51%), der SPÖ-nahe Treuhänder im Heute-Netz.

Im Februar 2005 übernimmt die Fidelis das Magazin Die Stadt. Erstmals betritt Eva Dichand offiziell das Parkett der heimischen Verlagsszene. Im Hintergrund scheint sie schon früher ihre Finger im Spiel gehabt zu haben. Ihr Name taucht in einer internen Kontaktliste des Wohnmagazins, die DOSSIER vorliegt, auf. Darin gibt Dichand noch eine E-Mail-Adresse eines anderen Arbeitgebers an, der Unternehmens-Invest AG (UIAG), einer Firma, die sich an mittelständischen Unternehmen im In- und Ausland beteiligt. In der Kontaktliste finden sich noch: die Namen von etlichen Krone-Journalistinnen und Journalisten; von Mitarbeitern des Stadtratbüros – so auch jener von Werner Faymanns Büroleiter, Josef Ostermayer.

Eineinhalb Millionen in 14 Ausgaben

Dichands Start ist ein fliegender. Das Branchenmagazin Der österreichische Journalist kürt sie bald zur „Medienmanagerin des Jahres 2005“. Es läuft prima für die Quereinsteigerin. Dichand kann sich über die wirtschaftliche Lage des Verlags und über Anzeigen freuen. Wie DOSSIER-Erhebungen zeigen, spülen Inserate von stadteigenen Firmen, die dem Ressort von Wohnbaustadtrat Werner Faymann nachgeordnet sind, dem Wohnmagazin ein kleines Vermögen in die Kassen: Von der ersten Ausgabe im Februar 2004 bis inklusive September 2005 schalten das Wohnservice Wien 68 Seiten, die Unternehmen von Wiener Wohnen 56, die Gesiba 32 und die Stadt Wien rund sieben Seiten Werbung in dem Magazin.

Eva Dichand, seit 2002 mit Krone-Herausgeber Christoph Dichand verheiratet, leitet also seit Anfang 2005 offiziell die Agenden des Gemeindebaumagazins. Sie ist die Geschäftsführerin der Fidelis. Dem Wohnmagazin verpasst Eva Dichand einen Relaunch und einen neuen Namen, es heißt künftig Unsere Stadt. Gedruckt wird weiter bei Goldmann Druck in Tulln, den Vertrieb erledigt wie zuvor die feibra GmbH. Patricia Wallentin, die für das grafische Konzept von Heute verantwortlich zeichnet, scheint auch im Impressum des Gemeindebaumagazins als Layouterin auf. Im Blattinneren bekommt ihr Mann Tassilo Wallentin, ein Rechtsanwalt, der sich im September 2004 den Namen „Heute – Aktuell in den Tag“ schützen hat lassen, die Kolumne „Recht behalten“. Sie erscheint auf derselben Seite wie Eva Dichands Kolumne „Hinterfragt“.

Top-Anzeigenkunden im Wohnmagazin (Die Stadt/Unsere Stadt), Februar 2004 bis September 2005

Der Preis pro Seite beträgt genau 10.000 Euro, ohne Steuern und Werbeabgaben. Legt man diesen Preis ohne Rabatte um, heißt das: Aus Firmen, die Werner Faymann unterstellt sind, fließen in 14 Ausgaben rund eineinhalb Million Euro in das Wohnmagazin. Möglich gemacht hatte das zu großen Teilen Josef Ostermayer. Während er im Büro des Stadtrats arbeitet und ab Mai 2004 den wohnfonds_wien (früher: Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds) leitet, besorgt er als Vorstandsvorsitzender der Urbania Privatstiftung (von Oktober 2003 bis Oktober 2004) Inserate für ein privates Magazin, in Millionenhöhe. Wie Insider von Wiener Wohnen, die ihre Namen nicht im Internet lesen wollen, DOSSIER berichteten, soll die rechte Hand des Stadtrats – ähnlich wie Jahre später bei den Staatsbetrieben ÖBB und ASFINAG – bei den Unternehmen von Wiener Wohnen vorstellig geworden sein.

„Die Anzeigen waren natürlich dafür gedacht, das Magazin zu finanzieren“, erklärt Elvira Franta, Sprecherin von Josef Ostermayer auf eine entsprechende Anfrage im Jahr 2012. Ostermayer hatte 2012 das Amt des Staatssekretärs für Medien im Bundeskanzleramt inne. „Dass Staatssekretär Ostermayer bei den von Ihnen genannten Unternehmen war, kann er nach acht Jahren noch definitiv bestätigen. Als Vorstandsvorsitzender der Urbania hat er Leistungsverträge mit diesen Unternehmen abgeschlossen. Darin waren gewisse Mengen an Leistungen enthalten: etwa der Vertrieb oder die Mutationen für Gemeinde- bzw. Genossenschaftswohnungen.“

Bei einem der stadteigenen Unternehmen dürften die Vertragsverhandlungen besonders leicht ausgefallen sein – „der Stadt Wien – Wiener Wohnen Hausbetreuungs GmbH“ (heute: Wiener Wohnen Haus- & Außenbetreuungs GmbH). Diese schaltete ganze Inseratenstrecken im Wohnmagazin, Gegenwert: mehrere hunderttausend Euro. Nachdem die damalige ÖVP-FPÖ-Regierung das Hausbesorgergesetz abgeschafft hatte, wurde die Hausbetreuungs GmbH 2002 gegründet, um in Wiens Gemeindebauten als Hausmeisterersatz etwa die Reinigung der Stiegenhäuser zu übernehmen. Am 1. Jänner 2004 wird Herbert Jansky einer der Geschäftsführer.

Herbert ist der um zwei Jahre jüngere Bruder von Wolfgang Jansky, Werner Faymanns ehemaligem Pressesprecher, der ab 1. Juni 2004 die Geschäfte der AHVV Verlags GmbH, dem Verlag hinter Heute, führen wird. Wie Wolfgangs ist auch Herbert Janskys Karriere eng mit Werner Faymann verknüpft. In einem Artikel, der Anfang 2009 im Monatsmagazin Datum erscheint, wird Herbert Jansky von mehreren SPÖ-Mandataren hinter vorgehaltener Hand als „Faymanns Dobermann”, der Mann fürs Grobe beschrieben. Kurz nach Erscheinen der Datum-Geschichte „Wiener Gras” muss Herbert Jansky trotz seiner guten Kontakte den Sessel räumen: Datum hatte Missmanagement und Parteibuch- wie Vetternwirtschaft – Herbert Jansky hatte etwa seinem Schwager Aufträge zugeschanzt – aufgedeckt.

Fidelis als Drehscheibe?

Zurück ins Netz der Gratiszeitung. Ende März 2005 geht es dort an anderer Stelle weiter. Der SPÖ-nahe Treuhänder Gerhard Nidetzky übergibt alle Anteile an der AHVV Verlags GmbH an die Periodika Privatstiftung. Für die nächsten sechs Monate gehört Heute zu 100 Prozent der Periodika – bis im September 2005 das Verhältnis 74 zu 26 wieder auftaucht: Die Fidelis übernimmt 74 Prozent an der AHVV und ist sowohl an dem Wohnmagazin als auch an Heute beteiligt. Die Periodika Privatstiftung hält die restlichen 26 Prozent. Fortan ist Eva Dichand nicht nur Chefin des Wohnmagazins. Bis zum heutigen Tag leitet sie gemeinsam mit dem Faymann-Vertrauten Wolfgang Jansky die Geschäfte der Gratiszeitung.

Doch warum wurde diese Konstruktion gewählt? Warum braucht es die Treuhänder und Privatstiftungen? Warum verschmelzen das Wohnmagazin und die Gratiszeitung miteinander? Kann es sein, dass Gelder, die zuvor durch Anzeigen im Wohnmagazin lukriert worden sind, von der Urbania über die Fidelis an Heute weitergeflossen sind? Eva Dichand streitet das in einer Stellungnahme am 26. April 2012 ab: „Es gab keine wirtschaftliche Verflechtung zwischen ‚Unsere Stadt‘, die von Fidelis Medien GmbH herausgegeben wurde und ,Heute‘, das von der AHVV herausgegeben wird.“ Auch Josef Ostermayer schreibt in einer E-Mail Ende August 2014:

Die Einnahmen der Urbania Privatstiftung wurden ausschließlich kostendeckend für den Druck, den Vertrieb  und die Redaktion des Servicemagazins ,Die Stadt‘, die mit einer Auflage von 300.000 Stück Mieterinnen und Mietern in Gemeindewohnungen und geförderten Wohnungen zur Verfügung gestellt wurde, verwendet.

Die nächsten 14 Monate sind das Wohnmagazin und Heute über die Fidelis verbunden, bis im November 2006 die Urbania ihren Anteil gänzlich an die Periodika weitergibt. Nichts leichter als das: Da wie dort sitzen Wolfgang Jansky und Günther Havranek im Vorstand. Das Wohnmagazin erscheint danach nur noch einmal, im Dezember 2006 – obwohl es voller Inserate war und wirtschaftlich ein Erfolg gewesen sein muss. Warum dann die Einstellung? „Weil ich als Person nicht Kapazität für zwei Projekte hatte“, erklärt Eva Dichand im April 2012 knapp.

Wenige Tage nachdem das Wohnmagazin im Dezember 2006 zum letzten Mal erscheint, wechselt Werner Faymann vom Wiener Rathaus in die Bundesregierung. Am 11. Jänner 2007 wird der Wohnbaustadtrat zum Verkehrsminister unter SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und Josef Ostermayer wird des Ministers Kabinettschef. Rund zwei Wochen als Verkehrsminister im Amt – und das nächste Inseraten-Projekt ist auf Schiene: Gemeinsam mit der Kronen Zeitung läuft die Anzeigenserie „Unsere Bahn“ an. Ihren Start verkündet die Krone am 26. Jänner 2007 sogar auf der Titelseite. 

Im Zwei-Wochen-Takt erscheinen doppelseitige Anzeigen, die als „Reportagen“ ausgewiesen sind. Für die Serie werden die ÖBB schließlich 500.000 Euro bezahlen müssen. Dafür greift Krone-Mann Michael Pommer in die Tasten; jener Journalist, der schon beim Wohnmagazin „Stadt-Reporter“ war und über Werner Faymann und das „Abenteuer Spielplatz“ geschrieben hatte – Berichte, die ähnlich wie bei der ÖBB-Serie Schleichwerbung sind. Vier Jahre später werden es die ÖBB-Inserate sein, die im Fokus staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen stehen. Die Beschuldigten des Verfahrens mit der Geschäftszahl 037 32 St 41/11x: Werner Faymann und Josef Ostermayer.

Das Hans-Dichand-Gerücht

Erst Jahre später wird bekannt, dass die Fidelis eigentlich ein Treuhandvehikel von Eva Dichands Pluto Privatstiftung ist. Im Mai 2012 legen die Heute-Herausgeberin und ihr Geschäftspartner Wolfgang Jansky offen, wer ab diesem Zeitpunkt hinter Heute steht. Sie kommen damit einer Änderung des Mediengesetzes zuvor, die am 1. Juli 2012 in Kraft tritt: Seither müssen – wie in modernen westlichen Demokratien längst üblich – auch Medien in der Republik Österreich melden, wer ihre „direkten oder indirekten“ Eigentümer, oder im Fall von Stiftungen, wer „die Begünstigten der Stiftung“ sind. Was im Netz der Gratiszeitung nicht verhindert, dass zwei zentrale Stiftungen – die Urbania und die Periodika – als Begünstigte „die Allgemeinheit” führen. 

Bei ihrem Schritt zu mehr Transparenz stützen sich die Heute-Macher auf Ermittlungen der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB). Eine Prüferin der BWB hatte zuvor aufgrund einer anonymen Anzeige untersucht, ob ein weiteres Mitglied der Familie Dichand an der Gratiszeitung beteiligt und somit ein meldepflichtiger Medienzusammenschluss nach dem Kartellrecht vorgelegen sein könnte. Hartnäckig hatte sich das Gerücht gehalten, hinter Heute könne der 2010 verstorbene Gründer der Kronen Zeitung, Hans Dichand, stehen.

Hans Dichand, Eva Dichands Schwiegervater, hatte einst selbst Gratiszeitung gemacht. Als einer der Mediaprint-Partner war Dichand Miteigentümer von Wiens erster Gratiszeitung, dem U-Express. Im Gegensatz zu seinen Partnern, der deutschen WAZ-Gruppe (heute: Funke-Mediengruppe) und der Raiffeisen Niederösterreich/Wien, wollte Hans Dichand den U-Express damals weiterführen. Doch Dichand zieht den Kürzeren. Wie beim Start vereinbart, wird die Gratiszeitung am 31. März 2004 eingestellt.

Im Alleingang eine Nachfolgerin auf den Markt zu bringen bleibt Hans Dichand Zeit seines Lebens verwehrt. Die Spekulationen, der Krone-Gründer könne hinter Heute stehen, verstummen dennoch nicht. Christian Nienhaus, bis Anfang 2014 Geschäftsführer der Funke-Mediengruppe, erklärt in einem Interview im Juni 2011, warum:

Es gibt natürlich Ähnlichkeiten zwischen ,Heute‘ und der ,Kronen Zeitung‘, die darauf hindeuten: wie die Zeitung gemacht ist und die Journalisten, die einmal für die ,Krone‘, dann für ,Heute‘ schreiben. Wenn jemand nachweisen kann, dass Dichand Senior daran beteiligt war, würden wir den goldenen Recherchepreis verleihen. Das wäre ein Grund gewesen, um Herrn Dichand aus der ,Kronen Zeitung‘ auszuschließen, weil es die vertragliche Verpflichtung gibt, dass man nicht an einem Konkurrenzmedium beteiligt sein darf.

Nein, nicht Hans Dichand steckte dahinter, urteilt jedenfalls die Mitarbeiterin der BWB im Mai 2012. Es lag kein Zusammenschluss zwischen Heute und der „Gruppe Dichand“, wie sie es in einem Fax nennt, vor. Die Prüferin bescheinigt: „Vielmehr ist die Fidelis seit Dezember 2005 treuhändisch für die Pluto Privatstiftung tätig.“ Die „wahren Eigentümer von AHVV“, der Firma hinter Heute, seien somit seit 2005 die beiden Stiftungen Pluto und Periodika. Doch auch hier zeigt sich bei genauerem Hinsehen ein weiterer Widerspruch: Die Stiftungsurkunde der Pluto Privatstiftung wird erst am 19. Dezember 2005 aufgesetzt. Die Fidelis war aber laut Firmenbuch schon seit September 2005 an Heute beteiligt – es fehlen drei Monate.