Das Verhältnis 74 zu 26

„Schon die Frage nach den Hintermännern einer Zeitung klingt seltsam“, schreibt die Süddeutsche Zeitung im August 2011. Noch seltsamer wird sie, wenn man sich die Geschichte der Gratistageszeitung Heute ansieht: Knoten für Knoten wird über Jahre ein Netz aus Treuhändern und Privatstiftungen geknüpft, das einen Zweck erfüllt – den Blick hinter die Kulissen unmöglich zu machen. Den Blick auf jene, die bei der Gründung ihre Finger im Spiel hatten, der Zeitung zu ihrem rasanten Erfolg verhalfen und auf jene, die damals wie heute profitieren.

Anfang September 2014 sieht im Firmenbuch alles recht einfach aus: Heute wird von der AHVV Verlags GmbH herausgegeben. Die AHVV gehört zu 100 Prozent der Ultimate Media Beteiligungs- und Management GmbH. Dahinter stehen zwei Stiftungen. Auf diese kommt es an.

Die Pluto Privatstiftung hält 74 Prozent der Anteile an Heute. Stifter der Pluto sind Eva Dichand und ihr Bruder, die Begünstigten die ehelichen Nachkommen von Eva und Christoph Dichand, dem Herausgeber der Kronen Zeitung. Laut Stiftungsurkunde kann von Eva Dichand ein Familienbeirat eingerichtet werden, der dem Vorstand Weisungen hinsichtlich der von der „Stiftung verwalteten Beteiligungen“ geben kann.

Die restlichen 26 Prozent der Heute-Anteile sind im Eigentum der Periodika Privatstiftung. Im Vergleich zur Pluto scheint sie unbedeutender. Wie der Gesellschaftsvertrag der AHVV Verlags GmbH zeigt, ist dem aber nicht so. Schon am Tag der Gründung wurde festgelegt, dass mindestens 75 Prozent der Stimmen in der Gesellschafterversammlung nötig sind, um wesentliche Geschäftsentscheidungen treffen zu können – wie zum Beispiel die „Teilung und Verpfändung von Geschäftsanteilen“; ein Umstand, der die 26 Prozent der Periodika erheblich aufwertet.

Die politische Brisanz steckt in der Periodika. Ihr sitzt Wolfang Jansky vor, Werner Faymanns einstiger Weggefährte. Auch der SPÖ-nahe Steuerberater und Treuhänder Günther Havranek ist im Stiftungsrat der Periodika vertreten. Weitere Mitglieder sind der Vizepräsident der SPÖ-nahen Mietervereinigung, Marjan Pavusek und Katja Deutsch. Deutsch löste im Juli 2014 Eva-Maria Stackl ab, Prokuristin der Vienna Insurance Group (früher Wiener Städtische Versicherung) und einstige Lebensgefährtin von Wiens Bürgermeister, Michael Häupl.

Im Gegensatz zur Pluto bleiben die Profiteure in der Stiftungsurkunde der Periodika unbestimmt. Stiftungszweck ist die „Förderung der Allgemeinheit durch die Herausgabe und den Vertrieb von periodisch erscheinenden und sonstigen Druckwerken“, begünstigt ist „die Allgemeinheit“. Fragen nach dem Zweck und den konkreten Begünstigten beantwortet Heute-Geschäftsführer Wolfgang Jansky in einer E-Mail vom 30. Juni 2011 so:

Die Begünstigten der Periodika Privatstiftung sind auch bei oberflächlicher Recherche seit sieben Jahren im Firmenbuch ersichtlich: soziale Organisationen wie ,der weiße Ring‘ bzw. ,Rettet den Stephansdom‘.

Der Geschäftsführer liegt falsch. Einzig im Fall der Auflösung der Stiftung bekämen die beiden von ihm angeführten Organisationen etwas – das in der Stiftung verbliebene Vermögen. Was mit den Gewinnen in Millionenhöhe, die bisher an die Periodika ausgeschüttet wurden, passierte, bleibt offen. Jansky sollte es aber wissen. Seit der Gründung der Periodika im September 2004 sitzt er ihr vor. Im Netz der Gratiszeitung ist niemand so verstrickt wie der Heute-Geschäftsführer. Fast niemand.

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Der Jansky-Havranek-Deal

Wäre da nicht Günther Havranek. Der SPÖ-nahe Steuerberater und Treuhänder ist Janskys Kompagnon in der Periodika. Gemeinsam sitzen die Zwei laut Firmenbuch in einer weiteren Stiftung, die einst Anteile an Heute hielt, der Urbania Privatstiftung. Zur Erinnerung: Auf Initiative von Wohnbaustadtrat Werner Faymann hatten Wiens Gemeindebaumieter seit Februar 2004 ein neues Magazin in die Wohnungen geliefert bekommen: Die Stadt – Das Wohnmagazin für Wien. Herausgeberin: die Urbania Privatstiftung. Josef Ostermayer, des Stadtrats rechte Hand, saß der Urbania damals vor und verhalf ihr – wie DOSSIER-Recherchen zeigen – zu Geld, viel Geld in Form von Inseraten.

Laut Firmenbuch sind das Wohnmagazin und die Gratiszeitung Heute von September 2005 bis November 2006 über ein zwischengeschaltetes Unternehmen miteinander verbunden. In diesem Zeitraum besitzen sowohl die Periodika als auch die Urbania Anteile an Heute. Dann passiert Kurioses: Die Urbania übergibt ihre Anteile an die Periodika, Jansky und Havranek verkaufen an Jansky und Havranek.

Am 14.11.2006 gehen die Anteile an der Fidelis von der Urbania an die Periodika.

Ein Vorgang, der weder Wolfang Jansky noch Eva Dichand in Erinnerung sein dürfte. Gemeinsam schreiben sie in einer Stellungnahme:

Es gibt nur zwei Eigentümer: Pluto Privatstiftung/Stifter Dr. Eva Dichand und Periodika Privatstiftung. Daher ist die Behauptung, die Urbania Privatstiftung hätte irgendwann Anteile an Heute / AHVV gehalten FALSCH.

Die Antwort hat einen weiteren Haken: Weder die Pluto noch die Periodika Privatstiftung existieren am 1. Juni 2004, dem Tag, an dem die Firma hinter Heute, die AHVV, gegründet wird. Die Stiftungsurkunde der Periodika wird am 29. September 2004 niedergeschrieben, jene der Pluto überhaupt erst am 19. Dezember 2005. Die einzige Stiftung, die im Netz der Gratiszeitung schon im Juni 2004 besteht, heißt: Urbania Privatstiftung.

Während zentrale Akteure die Fakten verdrehen oder wie Günther Havranek gar nichts dazu sagen, gibt es im Firmengeflecht eine Konstante: das Verhältnis 74 zu 26. Nach diesem sind die Anteile an der Gratistageszeitung heute verteilt. Schon am Tag der Gründung spielt es eine Rolle. Zurück in die Vergangenheit. Zurück zum 1. Juni 2004.

Der 1. Juni 2004

An diesem Tag treffen sich vier Personen in den Räumen der KPMG Wirtschafts- und Steuerberatungskanzlei. Ein Notar, ein Treuhänder, Wolfgang Jansky und Paul Slatin, ein Geschäftsmann, der an diesem Tag noch 100-Prozent der Anteile an einer Firma besitzt, die nur auf dem Papier existiert – eine sogenannte „GmbH-Hülle“ –, der Slatin Handels GmbH.

Paul Slatin macht drei Dinge:

  1. Er benennt die Firma „Slatin Handels GmbH“ in „AHVV Verlags GmbH“ um.
  2. Er ändert den Unternehmenszweck: von „Handel mit Waren aller Art“ auf „Herausgabe von periodischen Druckwerken“, also einen Verlag.
  3. Und er ändert die Mehrheitsbeschlussfähigkeit der Gesellschaft: von 100% auf 75%.

Für Paul Slatin ergibt es keinen Sinn, zu diesem Zeitpunkt eine Mehrheitsbeschlussfähigkeit von 75 Prozent aufzusetzen – er ist der alleinige Eigentümer der AHVV. Nun kommt der Treuhänder ins Spiel. Sein Name ist Gerhard Nidetzky, ein SPÖ-naher Treuhänder, dessen Karriere einst in der Kanzlei von Ex-Finanzminister Hannes Androsch (SPÖ) begonnen hat. Nidetzkys Firma, die ALTA Wirtschaftstreuhandgesellschaft, übernimmt für 16.000 Euro sämtliche Anteile an der AHVV. Paul Slatin scheidet als Gesellschafter aus, fortan spielt er im Netz der Gratiszeitung keine Rolle mehr.

Der vierte Mann

Wer steckt hinter dem Treuhänder und der AHVV? Es müssen zumindest zwei Personen sein – im Verhältnis 74 zu 26. Nur so macht die Beschlussfähigkeit, die der Geschäftsmann Paul Slatin noch vor seinem Abgang niedergeschrieben hat, Sinn. Weil es sich um ein Treuhandverhältnis handelt, sind die Personen nicht im Firmenbuch ersichtlich, einzig Nidetzkys ALTA scheint dort als alleinige Eigentümerin auf. Es gibt sie: die Hintermänner.

Die Spur führt weiter, zur vierten Person, die an jenem 1. Juni 2004, dem Gründungstag, noch im Raum ist – Wolfgang Jansky. Jansky wird an diesem Tag Geschäftsführer der AHVV Verlags GmbH. Erst am Tag zuvor ist sein Dienstverhältnis im Wiener Rathaus ausgelaufen. Zehn Jahre lang war Jansky Pressesprecher von Wohnbaustadtrat Werner Faymann (SPÖ). Die Karrieren der beiden sind eng miteinander verbunden. Schon in ihrer Jugend hatten sie sich kennengelernt, engagierten sich Anfang der 1980er-Jahre bei den Wiener Jungsozialisten und der SPÖ-Bezirksorganisation Liesing. Als Faymann 1988 Geschäftsführer der Mietervereinigung wird, einer SPÖ-nahen Interessenvertretung, die sich für die Rechte von Mieterinnen und Mieter einsetzt, wird Jansky sein Mitarbeiter. Faymann und Jansky sind auch privat gut befreundet.

Bei der Mietervereinigung trifft das Duo einen weiteren Weggefährten, der bald im Netz der Gratiszeitung auftauchen wird: Josef Ostermayer, seit 2013 Bundesminister und damals leitender Jurist der Mietervereinigung. Als Helmut Zilk 1994 das Bürgermeisteramt an Michael Häupl (beide SPÖ) übergibt, wechselt das Trio geschlossen ins Wiener Rathaus: Faymann wird Wohnbaustadtrat, Ostermayer sein Bürochef und Jansky Pressesprecher.

Noch einmal zurück zum 1. Juni 2004. Jansky ist Geschäftsführer jener Firma, die bald Österreichs erfolgreichste Zeitung herausgeben wird. Und Jansky kann sich auf Inserate aus den Ressorts des Stadtrats freuen – bereits im März hat sein Chef Werner Faymann 792.000 Euro für den Zeitraum August bis Oktober 2004 bereitstellen lassen. Ein Zufall, dass Heute just in dieser Zeit, am 6. September 2004, zum ersten Mal erscheint?

Im Juli 2004 berichten Zeitungen erstmals über einen Nachfolger des U-Express, Wiens erster Gratistageszeitung. Sie bringen die Urbania Privatstiftung ins Spiel. Josef Ostermayer, er sitzt dem Stiftungsrat der Urbania vor, dementiert sofort. Doch welche Stiftung soll es sonst sein? Weder Eva Dichands Pluto Privatstiftung noch die Periodika existieren zu dieser Zeit. Auch heute lässt Josef Ostermayer, der inzwischen Bundesminister für Kunst und Kultur geworden ist, dementieren: „Die Urbania Privatstiftung war während der Tätigkeit von Dr. Josef Ostermayer als ihrem Vorstandsvorsitzenden zu keinem Zeitpunkt an 'Heute' beteiligt“, schreibt des Ministers Pressesprecher Nedeljko Bilalic Ende August 2014 in einer E-Mail.

Kurz nachdem am 6. September 2004 die erste Heute-Ausgabe aufliegt, entsteht die Periodika Privatstiftung. Im Vorstand sitzen: Wolfgang Jansky und Günther Havranek. Ein halbes Jahr später übernimmt die Periodika alle AHVV-Anteile für 16.000 Euro von Nidetzkys ALTA. Genau eine Woche nach dem Start der Gratiszeitung erklärt Josef Ostermayer dem Stifter der Urbania, der Wiener Städtischen Versicherung, seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender. Im Oktober 2004 wird dieser im Firmenbuch vollzogen. Drei Monate später wird eine neue Firma gegründet, die Fidelis Medien und Zeitschriftenverlags GmbH; das Wohnmagazin und die Gratiszeitung sind bald miteinander verbunden – die Fidelis-Connection entsteht.