Mozart calling

An Lis* Zimmerwand hängt eine Karikatur von Wolfgang Amadeus Mozart. Darauf hockt der Komponist mit heruntergelassener Hose und grinst schelmisch. Eine Mozartkugel ist ihm gerade aus dem Hintern gefallen. 

Li findet das lustig. Mozart sei ein Idol für ihn, sagt der Musikstudent aus China. Seit knapp zwei Jahren studiert er Gesang an einem Wiener Musikkonservatorium, im Nebenfach Klavier. Li spricht kein Deutsch, Englisch nur gebrochen. Wiens Ruf als „Weltstadt der Klassik“ hat den Anfang Zwanzigjährigen trotzdem erreicht.             

Von Peking bis Teheran träumen junge Menschen von einem Musikstudium in der Stadt der Sängerknaben und Philharmoniker. Die Studienplätze, etwa an der öffentlichen Universität für Musik und darstellende Kunst (MDW) in Wien, sind begehrt und begrenzt. Schon bei der Aufnahmeprüfung wird hohes Niveau erwartet. Für jene, die daran scheitern oder es gar nicht erst versuchen, gibt es eine Alternative.

Sie können sich wie Li an einem Musikkonservatorium einschreiben. Sieben gibt es davon in Wien zurzeit, gemeinsam bilden die privat geführten Schulen 1.709 Studierende aus. Das heißt auch, dass die privaten Eigentümer selbst die Lehrpläne und die Höhe der Studiengebühren festlegen.

Bis zu 11.250 Euro im Jahr

Die Ausbildung kann teils beträchtliche Summen kosten. Li etwa hat für sein erstes Studienjahr am Prayner-Konservatorium 11.250 Euro ausgegeben. Im Preis inbegriffen: Studiengebühren, Hilfe beim Visum und eine Wohnung für die ersten drei Monate in Wien.

Mit der Qualität des Unterrichts, sagt er, war er nicht zufrieden. Seine Vorlesungen zählt er an einer Hand auf: „Im ersten Semester hatte ich zweimal in der Woche Einzelunterricht und manchmal auch Deutschkurse. Im zweiten Semester hatte ich Chor und ein wenig Theorie.“

Neben Li beklagen zahlreiche andere Studierende die mangelnde Anzahl der Lehreinheiten und die schlechte Qualität des Unterrichts. Und auch der Wiener Stadtschulrat kritisiert seit Jahren den Unterricht am Vienna- und am Prayner-Konservatorium, den beiden größten Musikschulen ihrer Art. Jüngst wurde dem Vienna-Konservatorium das Öffentlichkeitsrecht entzogen. Die Schule ging dagegen in Berufung.

Website trotzt Chinas Zensur

Für ausländische Musikstudierende ist ein Diplom aus Wien viel Wert, wie Eva Maria Schmid, Leiterin des Vienna-Konservatoriums, sagt: „Wir wissen von etlichen Chinesen, dass sie sich dort sehr gut mit eigenen Musikschulen oder mit Opernauftritten etablieren können. Sehr viele kommen mit der Absicht her, sich im eigenen Land zu etablieren.“

Illustration: S. R. Ayers

Das Vienna- und das Prayner-Konservatorium werden vom Ehepaar Josef und Eva Maria Schmid geführt – an beiden Schulen ist der Anteil ausländischer Studenten besonders hoch: Am Vienna-Konservatorium kommen zwei Drittel der Studierenden aus dem Ausland, am Prayner-Konservatorium sind es neun von zehn.

Sie werden eifrig umworben: Das Prayner-Konservatorium lädt auf dem Videoportal youku.com, Chinas Youtube, Filme von Konzertabenden und Vorlesungen aus Wien hoch. Schulleiter Josef Schmid erzählt im Gespräch mit DOSSIER, dass er eigens eine Website programmieren ließ, die trotz Internetzensur in China abrufbar ist.

Für Interessenten aus dem Iran hat er einen Gruppenchat im Nachrichtendienst Telegram erstellt. Hier wird auf Farsi auch über bevorstehende Aufnahmeprüfungen in Teheran informiert.

Das Ehepaar Schmid kann kein Chinesisch, auch Farsi spricht es nicht. Für Bewerbungen im Ausland haben die Konservatorienbetreiber ein Netzwerk aus Kontaktpersonen und Agenturen um sich gespannt, das bei der Abwicklung chinesischer und iranischer Studierender hilft.

Zur Aufnahme nach Asien

Um Studierende wie Li hat sich ein Geschäftszweig gebildet, der Overseas Student Market. Visa-Agenturen und Privatschulen arbeiten eng zusammen, sogenannte Agents dienen als Kontaktpersonen, die Studierende aus dem Ausland vermitteln.

Inzwischen bieten fünf von sieben Wiener Konservatorien Aufnahmeprüfungen in den Herkunftsländern der Studierenden an. Lehrpersonen fliegen nach Peking, Schanghai, Hongkong und Teheran, um über die musikalische Eignung der Bewerber zu urteilen. Oftmals sitzt der Schulleiter in der Jury – jene Person, für die jeder Studierende ein zahlender Kunde ist.

„An sich ist es noch nichts Unseriöses, im Ausland eine Aufnahme durchzuführen“, sagt Ferdinand Breitschopf, Fachinspektor für Musikschulen und Konservatorien im Wiener Stadtschulrat. „Es gibt kein Gesetz, das das verbietet.“

Dennoch empfiehlt Breitschopf, Aufnahmeprüfungen einzig an der Schule abzuhalten, „um nicht in den Geruch zu kommen, dass sie vielleicht unseriös arbeiten“.

Illustration: S.R. Ayers

Nach zwei Liedern: Bestanden!

Auch Li hat die Aufnahmeprüfung für das Prayner-Konservatorium in seiner Heimatstadt Peking abgelegt. Er hat dafür umgerechnet 200 Euro bezahlt. Zwei Lieder musste er vorsingen, einen musiktheoretischen Test gab es nicht. Die Prüfung habe etwa eine Viertelstunde gedauert, sagt er. Unmittelbar danach hat er erfahren, dass er bestanden hat.

„Es wird eh jeder genommen, also fast jeder“, sagt Musiklehrer Georg Golser, der bisher an drei Konservatorien unterrichtet hat. „Problemfälle sind die Talentfreien, die man aber trotzdem nimmt, um die Schule zu finanzieren. Man steckt viel mehr Energie in diese Leute, dass sie halbwegs die Jahresprüfungen schaffen“, sagt er. 

Schulleiter Josef Schmid sieht das anders: „Aufnahmeprüfungen für unser Konservatorium erfordern ein relativ hohes Niveau.“ Die Prüfer könnten zwar Fragen aus Theorie und Musikgeschichte stellen, aber „das braucht man vorher nicht können. Die Studenten haben alles, was sie brauchen, im Laufe des Studiums.“

Visum, Studium, Wohnung, wenn nötig Obsorge

Studierende des Prayner-Konservatoriums bekommen neben ihrer Ausbildung eine Reihe weiterer Leistungen: Als Li im Herbst 2016 nach Wien kommt, um sein Studium zu beginnen, war für ihn vieles organisiert. Sein sogenanntes Vorstudium kostete 8.000 Euro. Dabei handelt es sich um eine einjährige Ausbildung, die der Vorbereitung auf das eigentliche Hauptstudium dient. 

Für weitere 1.200 Euro hat er Hilfe beim Visumsprozess bekommen: Eine Ansprechperson – eine der vielen Kontaktpersonen der Schule – holte Li vom Flughafen ab, ging mit ihm zum Meldeamt und eröffnete bei der Bank ein österreichisches Konto. 

Für 750 Euro konnte Li eine organisierte Wohnung für drei Monate beziehen, eine von mehreren Unterkünften, die das Vienna- und das Prayner-Konservatorium in zwei Zinshäusern im 15. Wiener Gemeindebezirk verwalten.

Manchmal werden auch Lehrer des Konservatoriums für die Betreuung der Studierenden eingespannt. Sie sind Ansprechpersonen, und wenn nötig, eine Art Elternersatz: Eine Lehrerin erzählt, sie habe die Obsorge von einem minderjährigen Studenten übernommen.

„Josef Schmid hat mich gefragt, ob ich die Obsorge übernehmen möchte, und hat mir dafür 1.000 Euro gegeben“, sagt die Musiklehrerin, die anonym bleiben möchte. „Ich konnte das Geld damals sehr gut gebrauchen. Das war eine einmalige Zahlung.“

„Für hochbegabte Studierende, die zwischen 15 und 18 Jahre alt sind, werden manche Lehrer zu ,Guardians‘. Natürlich mit der schriftlichen Einwilligung der Eltern“, sagt Schulleiter Schmid. „Das Geld, das die Lehrer dafür bekommen, wird von den Eltern bezahlt.“

Zumindest für die Obsorge mussten Lis Eltern nicht in die Tasche greifen. Ihr Sohn war 19 Jahre alt, als er für sein Studium nach Wien zog. Dennoch kamen immer wieder unerwartete Mehrkosten auf ihn und seine Familie zu. Li, der später mal Musical-Darsteller werden möchte, studiert inzwischen an einem anderen Konservatorium in Wien. Die alte Schule hätte ihm nicht viel beigebracht, sagt er: „Ich habe Geld und Zeit verloren.“ 

*Name von der Redaktion geändert