Im Netz der Gratiszeitung

Eine Zeitung begeht ihr Jubiläum. Am 6. September 2014 wird Heute zehn Jahre alt. Ihre Macher haben allen Grund zu feiern. Heute ist die erfolgreichste Gratistageszeitung des Landes. In einer Zeit, in der die Auflagen der Konkurrenz stagnieren oder zurückgehen und manche Zeitungen sogar eingestellt werden, gelingt es Heute zu wachsen. Seit 2010 ist Heute die meistgelesene Zeitung Wiens. Österreichweit liegt das Gratisblatt laut Media-Analyse hinter dem größten Kleinformat des Landes, der Kronen Zeitung, auf Platz 2.

Quellen: VRM & Media Analyse; * Heute 1. Ausgabe: 06.09.2004; * Österreich 1. Ausgabe: 01.09.2006

Der rasante Aufstieg spiegelt sich auch in den Kennzahlen des Unternehmens hinter Heute wider, der AHVV Verlags GmbH. Schon im zweiten Geschäftsjahr (2005) bilanziert die Firma AHVV positiv. Über die vergangenen zehn Jahre können sich die Gesellschafter rund 38,5 Millionen an Gewinnen ausschütten. Eine Erfolgsgeschichte.

Doch da ist mehr. Noch bevor die erste Ausgabe am 6. September 2004 zur Entnahme in den roten Boxen aufliegt, helfen bis heute unbekannte Hintermänner bei der Gründung nach. Knoten für Knoten knüpfen sie ein Netz aus Treuhändern und Privatstiftungen, um ihre Identitäten zu verschleiern. So kommt es, dass in der Republik Österreich Millionen Euro öffentliche Gelder in Form von Inseraten und Medienkooperationen an eine Gratiszeitung fließen und nach wie vor unklar ist, wer letztlich profitiert.

Willkommen in der Welt von Heute, einer Welt der Widersprüche. Einer Welt, in der ehemalige Mitarbeiter aus Angst nur unter dem Mantel der Anonymität reden wollen. Einer Welt, in der Heute-Herausgeberin Eva Dichand wiederholt mit Klagen droht, wenn Journalistinnen und Journalisten über Verbindungen zur Politik recherchieren.

Bereits vor Veröffentlichung des ersten DOSSIERs zu den Inseratenschaltungen der Stadt Wien und stadteigener Unternehmen in Heute erhielt die Redaktion Post von Eva Dichand.

Sollten Sie unwahre Behauptungen publizieren wie etwa: eine Nähe zur SPÖ/Finanzierung durch SPÖ oder SPÖ nahe Personen/ Gesellschaften (...) werden wir das sofort klagen! Diese Behauptungen sind einfach FALSCH!

Eva Dichand, E-Mail vom 26. April 2012

Sollten Sie dies oder ähnliches behaupten, oder auch nur suggerieren, kommt das einer dezidiert gewollten Rufschädigung gleich und wir werden rechtliche Schritte ergreifen. (...) Das Unternehmen wurde und wird stark von Dr. Eva Dichand als Herausgeberin geprägt. Eine besondere Nähe kann man ihr wohl kaum unterstellen.

Eva Dichand, E-Mail vom 29. August 2014

„Eine Nähe zur SPÖ“, wie Eva Dichand schreibt, ist gerade wegen der involvierten Personen offensichtlich: Wolfgang Jansky etwa, Dichands Partner in der Heute-Geschäftsführung, war vor seinem Job ein Jahrzehnt lang Pressesprecher des einstigen SPÖ-Wohnbaustadtrats und heutigen Bundeskanzlers Werner Faymann. Oder Günther Havranek, von Beruf Steuerberater und Treuhänder und ein Heute-Stiftungsrat, der laut Firmenbuch jahrelang indirekt auch als Eigentümer an der Zeitung beteiligt war. Havranek genießt in der SPÖ so viel Vertrauen, dass er im Jahr 2010 zur Sanierung der Parteifinanzen gerufen wird. Im Heute-Netz spielt er eine zentrale Rolle. Mehrmals hatte Havranek – auch bei Gericht unter Wahrheitspflicht – ausgesagt, er halte Anteile an der Gratiszeitung „im eigenen Namen, auf eigene Rechnung“. Einer von vielen Widersprüchen: Denn 2012 wurde publik, dass Havranek nur der Treuhänder für eine Stiftung, die Eva Dichand gegründet hatte, war.

„Eine Finanzierung durch die SPÖ“, die Eva Dichand stets abstreitet, ist – zumindest indirekt – nicht zu überblättern: Wie DOSSIER-Erhebungen sämtlicher Anzeigen der Jahre 2004 bis 2014 in Heute zeigen, ist die bis Ende 2010 von der SPÖ allein regierte Stadt Wien gemeinsam mit ihren Unternehmen der größte Anzeigenkunde der Gratiszeitung. Insgesamt schalteten sie – ohne mögliche Rabatte – Anzeigen  im Wert von rund 41,5 Millionen Euro in Heute. In den vergangenen zehn Jahren inserierten öffentliche Stellen bzw. Unternehmen um sogar rund 84 Millionen in der Gratiszeitung. Dabei handelt es sich um Steuergeld oder um Kapital aus öffentlichen Unternehmen, die in vielen Fällen mit Steuergeld subventioniert werden.

Ein undurchsichtiges Netz aus Treuhändern, satte Geldflüsse, Klagsdrohungen – was steckt dahinter? Seit Jahren versuchen Journalistinnen und Journalisten, die Geheimnisse hinter der Heute-Gründung zu lüften. Sogar in Deutschland sind die Besitzverhältnisse Thema. Im August 2011 schreibt etwa die Süddeutsche Zeitung: „Es ist bislang keinem Rechercheur gelungen, die Personen, die da auf offener Bühne spielen, durch die Tapetentüren zu begleiten, um zu sehen, wer da eigentlich im Hinterzimmer beieinanderhockt. Irgendeiner verdient immer.“ Nur wer?

DOSSIER hat die Gründung der Gratiszeitung untersucht und sich auf die Suche nach den Hintermännern gemacht. Bevor Sie ins Netz der Gratiszeitung eintauchen, eine Warnung und ein Tipp: Die Causa ist so brisant wie komplex; das Firmengeflecht augenscheinlich zur Verwirrung geschaffen. Manche Fragen bleiben unbeantwortet. Um den Lesefluss zu erleichtern, hat DOSSIER die wichtigsten Akteure in einem Glossar verankert. Mit der Funktion „Quellen anzeigen“ können Sie Einsicht in die Originaldokumente nehmen. Unter Daten legen wir die Methodik unserer Erhebungen und die Rohdaten offen.