Moskau–London–Gänserndorf

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Was in Moskau begonnen hat, hört in Gänserndorf auf. In 16 Tranchen fließt das Geld in die niederösterreichische Gemeinde rund eine Autostunde nordöstlich von Wien. An jenem Tag mitten im Februar endet die Spur der Überweisungen am Ortsrand, in einem unscheinbaren Einfamilienhaus. Thujen im Garten, ein Mittelklasseauto in der Einfahrt, ein Schild, das vor dem Hund warnt. Es ist das Haus von Anna und Rudolf J.

Die Kontonummern des Ehepaars sind zwei von 32 österreichischen Bankverbindungen in der Datenbank, den das Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) und die russische Zeitung Novaya Gazeta vergangenes Jahr von anonymen Quellen erhalten haben. Den Unterlagen zufolge flossen 4,1 Millionen Euro an mutmaßlichem Schwarzgeld aus Russland nach Österreich – über ein Netz aus korrupten Richtern in Moldawien, eine inzwischen geschlossene Bank in Lettland und Briefkastenfirmen. 

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Auf der Liste stehen kleine und große Unternehmen, vorwiegend aus der Bau-, Elektronik- und Textilbranche. Des Weiteren ein Vier-Sterne-Hotel in Lech am Arlberg, eine Wiener Privatschule, ein Gericht – und wenige Privatleute, wie das Ehepaar J. aus Gänserndorf. Warum scheinen sie in der Datenbank auf? Mit wem haben sie Geschäfte gemacht? Und welche Leistung stand hinter dem Geschäft?

Im Fall von Anna und Rudolf J. lautet die Antwort auf die letzte Frage: eher keine. In mehreren Überweisungen erhält Ehepaar J. genau 52.716 Euro – für „Beratungsleistungen“, wie im Überweisungszweck steht. Doch welche Beratungen hatten sie zum Zeitpunkt der Überweisungen im Jahr 2013 durchgeführt? Beide waren damals bereits in Pension, Rudolf nach seinem Job bei einem Autoreifenhersteller – und Anna, die war einst Krankenschwester.

Für die „Beratungen“ bezahlte eine gewisse Crystalord Limited, eine Briefkastenfirma mit Sitz auf Zypern. Wie etliche andere Unternehmen, die im Netz der Russischen Waschmaschine auftauchen, ist auch Crystalord ein Phantom ohne erkennbaren Geschäftszweck. 

Gute russische Geschäfte

Im Vergleich mit anderen Ländern sind die Summen, die in Österreich gelandet sind, eher klein. Mit exakt 1.589.546,9 Euro, verteilt auf 25 Tranchen, ging die größte Summe an ein Unternehmen aus St. Johann im Tirol: die Frivent GmbH. Sie stellt Lüftungsanlagen und Klimageräte her und macht den Großteil ihres Geschäfts im Ausland. Der Exportanteil liege bei 85 Prozent, sagte Geschäftsführer und Mehrheitseigentümer Andreas F. im Interview mit einem Branchenmagazin im Jahr 2014. Neben Deutschland sei Russland der wichtigste Exportmarkt.

Auf ihrer Website listet die Frivent GmbH Referenzprojekte auf, etwa das „weltgrößte Delphinarium in Moskau“ oder einen Hochgeschwindigkeitszug zwischen Moskau und St. Petersburg. Stehen die Überweisungen von 2013 in Zusammenhang mit einem dieser Projekte? Von Frivent gibt es keine Antworten auf diese Fragen: Der Geschäftsführer wollte nicht zu den Transaktionen Stellung nehmen.

Update, 4.4.2017: Rund eine Woche nach Veröffentlichung erreicht die Redaktion ein Schreiben der Rechtsvertretung der Frivent GmbH. Darin legt man Wert darauf, dass „sämtlichen eingehenden Zahlungen entsprechende Bestellungen, Lieferscheine, Rechnungen, Ausfuhrpapiere und Ausfuhrnachweise gegenüber“ stehen. Frivent fehle jegliche Möglichkeit, die Mittelherkunft zu überprüfen, wozu auch keine gesetzliche Verpflichtung bestehe. Demzufolge fehle jeglicher Bezug zu irgendeinem Geldwäschetatbestand – Frivent steht „mit diesen Malversationen in keinem wie immer gearteten Zusammenhang.“

„Kein Kommentar“

Ebenfalls keinen Kommentar gibt es von der VA Intertrading (VAIT): Der börsennotierte Rohstoffhändler mit Sitz in Linz erhielt im Dezember 2013 eine Zahlung über 380.000 Euro von der Westburn Enterprises Limited mit Sitz in Edinburgh, einer weiteren Briefkastenfirma aus dem Netz der Russischen Waschmaschine. Kurz zuvor hatte die Voestalpine ihre Anteile an der VA Intertrading an ein Unternehmen des ukrainischen Oligarchen Kostyantin Zhevago verkauft.

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Die meisten der 32 Empfänger beantworteten die Anfragen. Der Tenor: Die Transaktionen hätten stattgefunden, es handle sich aber um legitime Geschäfte. Von jenen Briefkastenfirmen, die ihnen zum Teil sechsstellige Beträge überwiesen hatten, habe man aber nie etwas gehört. Entweder sei das nicht aufgefallen oder man habe es ignoriert, ganz nach dem Motto: Solange das Geld pünktlich auf dem Konto landet, warum unangenehme Fragen stellen?

So auch bei Wolfgang Karner. Der Burgenländer stellt Massivholzmöbel her und exportiert sie in alle Welt. Dass er nicht wissen durfte, für wen die 50.000 Euro teure Holzküche bestimmt war, die er nach Moskau lieferte, sei ihm noch nie untergekommen. Bei dem Architekturbüro, das die Maßanfertigung damals in Auftrag gegeben hat, ist heute niemand zu erreichen. Beglichen wurde die Rechnung einmal mehr von Crystalord Limited. Das Geld floss über vier Banken in zwei Ländern, bevor es auf Karners Konto bei der Volksbank eintraf. 

Sergey-Two-Percent

Kaum ein Unternehmen legte auf DOSSIER-Anfrage die betroffenen Kunden offen. Manche betonten, dass es sich um langjährige, vertrauenswürdige Geschäftspartner handle. Dass Firmen ihre Kunden nicht immer so gut kennen, wie sie glauben, zeigt der Fall einer internationalen Firma, die DOSSIER gegenüber sämtliche Transferdokumente offengelegt hat.

Die Firma, die anonym bleiben will, hielt ihren russischen Kunden auch für vertrauenswürdig. Wie DOSSIER-Recherchen zeigen, wurde der Geschäftspartner, den der Konzern auf die erste Anfrage hin noch als „seinen größten russischen Kunden“ bezeichnete, von einem mittlerweile verurteilten Geldwäscher geleitet.

Auf Anfrage verweist das Unternehmen zunächst auf völlig übliche Exportgeschäfte: Ein Sprecher legt Originaldokumente offen; Lieferscheine, die den Export von Elektrogeräten dokumentieren. Das Problem: Der Auftraggeber, eine Firma mit Sitz in London, existiert laut Firmenbuch bereits seit 2007 nicht mehr – die fragwürdigen Überweisungen stammen jedoch aus dem Jahr 2012. Und es wird noch rätselhafter: Ein Russe Namens Sergey Magin scheint als ehemaliger Geschäftsführer auf.

Sergey Magin wurde vor wenigen Monaten in Russland zu einer Haftstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt – wegen Geldwäsche. Sein Spitzname „Sergey-Two-Percent“, schreiben russische Zeitungen, sei eine Anspielung auf den Anteil, den er üblicherweise bei der Geldwäsche einbehalte.

Sergey Magins Gerichtsakte mit der Nummer 142081

Dubiose Geldflüsse

Ähnlich rätselhaft sind jene 19.473 Euro, die am 25. Oktober 2013 auf dem Konto der American International School Vienna landen. An der Privatschule im 19. Wiener Gemeindebezirk werden laut Website 775 Schülerinnen und Schüler aus 50 Ländern auf Englisch unterrichtet – neben US-Amerikanern und Österreichern stellen Russinnen und Russen die drittgrößte Gruppe. Der Zweck der Überweisung in diesem Fall: „Bekleidung“. Der Betrag entspricht jedoch fast exakt der Schulgebühr für die siebte oder achte Oberstufe. Vonseiten der Schule wollte man trotz mehrfacher Anfragen nicht zu der Transaktion Stellung nehmen.

Am selben Tag scheint eine weitere Transaktion in den Daten auf: 1.792 Euro – ebenfalls „für Bekleidung“, diesmal auf ein Konto bei der Bawag. Es ist der kleinste Betrag, den die Russische Waschmaschine nach Österreich gespült hat. Der vermeintliche Empfänger ist brisant: Das Handelsgericht Wien scheint als Kontoinhaber auf. Auf Anfrage gibt ein Sprecher des Gerichts an, die Kontonummer nicht zu kennen, folglich könne er die Transaktion nicht kommentieren.

Zur Untermauerung legt er eine andere Kontonummer vor – die offizielle Bankverbindung des Handelsgerichts Wien. Aufgrund des Bankgeheimnisses lassen sich die Angaben des Gerichts nicht überprüfen. Es ist der einzige Fall in Österreich, in dem ein Empfänger aus der Laundromat-Datenbank die Kontonummer und damit die Überweisung abstreitet.

Warum und wofür Rechnungen tatsächlich gestellt wurden, bleibt häufig im Dunkeln. So auch im Fall aus Gänserndorf, wo DOSSIER Ende November 2016 zum ersten Mal versucht hat, mit dem Ehepaar J. in Kontakt zu treten. Anna J. öffnete damals die Tür – sobald klar war, worum es ging, beendete sie das Gespräch sofort: „Ich will damit nichts mehr zu tun haben, das ist alles passé für mich“, sagte sie und verschwand hinter der Tür.

Teaser-Fotos: Thomas Depenbusch, Pablo Cabezos, Stanislav Doronenko; flickr
Montage: DOSSIER