Auf der Spur des Pornhub-Phantoms

Sexualisierte Gewalt, pornografische Inhalte mit Minderjährigen und der Vorwurf, die Inhalte missbräuchlich im Netz zu verbreiten – seit Monaten ringt Pornhub mit Skandalen. Doch wer steht hinter der umstrittenen Website? Die Spur führt zu einem Oberösterreicher.

von Nikolai Atefie und Georg Eckelsberger

Aktuelles24.5.2021 

Eine Recherchekooperation mit Tortoise Media

Aufmacherbild: Tom Pilston für Tortoise Media

Letztlich ist es nur eine Minute, die Serena Fleites’ Leben für immer verändern wird. Als 14-jährige Schülerin im US-Bundesstaat Kalifornien drängt sie ihr damaliger Freund ein Video aufzunehmen. „Er hatte mir ein Video von Pornhub geschickt, in dem sich ein Mädchen auszog und sich vor der Kamera zeigte“, sagt Fleites.

„Er hat mich gebeten, das zu tun, und ich habe ihm gesagt, dass ich mich nicht wirklich wohl fühle. Deshalb hat er mich jeden Abend nach unserer Rückkehr von der Schule weiter gefragt“ – bis sie nachgibt und ihm ein Video schickt, auf dem sie nackt ist. Ein paar Tage geht ihr Leben noch weiter wie zuvor. Dann merkt sie, dass etwas nicht stimmt.

Mitschüler werfen ihr auffällige Blicke zu, machen spitze Bemerkungen über ihren Körper. Das intime Video war auf den Handys ihrer Schulkollegen gelandet – und es kommt noch schlimmer: Jemand stellt es ins Internet. „Es wurde auf Pornhub gepostet, mit dem Titel ‚13jährige Brünette posiert vor der Kamera‘“, sagt Fleites. Schock, Trauma, Absturz – ihr Leben gerät aus der Bahn.

„Ich bin depressiv geworden. Ich habe angefangen Drogen zu nehmen. Ich habe mehrmals versucht, mich umzubringen“, erinnert sich die heute 19-Jährige. Fleites schreibt Nachrichten an Pornhub, in denen sie sich als ihre eigene Mutter ausgibt, um das Video löschen zu lassen. „Ich habe gesagt: ‚Hey, das ist meine Tochter. Sie ist erst 14 Jahre alt. Das ist Kinderpornografie“, erzählt Fleites. Es dauert Wochen, bis Pornhub reagiert, das Video löscht. Doch kurz darauf war es wieder online, erneut hochgeladen.

Anfang Februar 2021 gibt Serena Fleites ihre Geschichte als Zeugin vor dem Ethikausschuss des kanadischen Parlaments zu Protokoll. Dort wollen es die Abgeordneten seit dem 11. Dezember 2020 genau wissen. Der Ausschuss untersucht „den Schutz der Privatsphäre und des Ansehens auf Plattformen wie Pornhub“. Auslöser für das parlamentarische Interesse war ein Bericht der New York Times, der eine Woche zuvor erschienen war.

Erstmals wird darin über Fleites’ und die Schicksale weiterer Frauen berichtet. Es geht um Videos, die mutmaßliche Übergriffe, sexuelle Gewalt oder sexuelle Handlungen mit Minderjährigen zeigten; und es geht um die Vorwürfe, dass Pornhub missbräuchlich Bilder über das Internet verbreitet beziehungsweise diese auch nach Bekanntwerden des Umstands nicht gleich entfernt. Solche Vorwürfe gibt es schon länger.

So veröffentlichte die BBC Anfang 2020 den Fall von Rose Kalemba, die als 14-Jährige vergewaltigt wurde. Das dabei gedrehte Video wurde auf Pornhub veröffentlicht. Eine Recherche der Sunday Times förderte 2019 mutmaßlich illegale Inhalte auf Pornhub zutage. Auch gegen Konkurrenten von Pornhub wurden in der Vergangenheit ähnliche Vorwürfe laut. Doch seit dem Artikel in der New York Times steht Pornhub, so etwas wie das Youtube der Pornowebsites, stärker im öffentlichen Fokus als je zuvor.

Dabei rückt die Frage nach der Verantwortung in den Mittelpunkt: Wem gehört Pornhub eigentlich? Wer profitiert letztlich von dem Milliardengeschäft? Und wie kann es sein, dass bisher so wenig über die Hintermänner einer der größten Websites der Welt bekannt ist? Eine Recherche des britischen Onlinemagazins Tortoise Media und DOSSIER gibt erstmals neue Einblicke in die Eigentumsverhältnisse der umstrittenen Website und des Konzerns dahinter – die Spur führt nach Österreich.

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Der Gigant hinter Pornhub

Pornhub ist längst eine der bekanntesten Marken im Pornogeschäft. Nach eigenen Angaben besuchen rund 130 Millionen Menschen die Website. Pro Tag. Zu Beginn der Pandemie war die Plattform noch mit gewitzten PR-Aktionen aufgefallen – etwa hatte man zum ersten Corona-Lockdown Gratis-Abos verschenkt. Nach dem Bericht der New York Times scheint jedoch Licht auf die dunkle Seite der Website. Der öffentliche Aufschrei ist groß. Kreditkartenunternehmen und Bezahlanbieter legen die Geschäftsbeziehungen auf Eis.

Pornhub reagiert und löscht im Dezember 2020 Millionen Videos von sogenannten „nicht verifizierten Usern“; man zieht neue Sicherheitsvorkehrungen ein und gelobt Besserung, insbesondere bei der Moderation der Inhalte. Doch etwas war in Bewegung geraten.

So auch in Kanada, wo der Ethikausschuss seine Arbeit aufnimmt. Dass sich gerade dort die Abgeordneten des Themas annehmen, hat einen Grund: Das Unternehmen hinter Pornhub hat seinen Sitz in Montreal – oder doch nicht? Hier wird es kompliziert.

Denn laut Website wird Pornhub von einer Firma auf Zypern betrieben, die wiederum zu einem Pornografie-Konglomerat mit mehr als 100 Websites, Produktionsfirmen und Marken gehört: Redtube, Youporn, Xtube, Spankwire, Extremetube, Men.com, My Dirty Hobby, Thumbzilla, PornMD, Brazzers, Gaytube und viele mehr zählen dazu. Und hinter all dem steht ein Konzern, der Wert auf Diskretion legt: Mindgeek.

So kommt auf der Mindgeek-Website das Wort Porno gar nicht erst vor. Man sieht sich als führende IT-Firma mit Expertisen in Big Data und Suchmaschinenmarketing. Wer hinter dem Unternehmen steht, blieb bisher ein wohlgehütetes Geheimnis. „Aufgrund der Struktur von Mindgeek ist derzeit unklar, ob das Unternehmen vollständig kanadisch ist oder nicht“, gibt ein Ermittler der Royal Canadian Mounted Police im Ausschuss zu Protokoll.

Intransparenz als Geschäftsmodell

Doch wie kann das sein? Hier geht es um eine der populärsten Websites der Welt, und niemand weiß, wer tatsächlich dahintersteckt und von dem Geschäft profitiert? Unvorstellbar, man wüsste nicht, wem Facebook oder Amazon gehört, hätte von Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos noch nie etwas gehört. Möglich macht das ein weitverzweigtes Firmennetz hinter Mindgeek, das über Kontinente und bis in Steuerparadiese reicht.

Serena Fleites’ Anwalt, Michael Bowe, der im Ausschuss auch als Zeuge geladen ist, beschreibt die Firmenkonstruktion hinter Mindgeek so: „Wenn Sie Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Abschirmung unterrichten würden, wäre das etwas, das Sie unterrichten würden.“ Das Firmennetz dient aber nicht nur dem offensichtlichen Zweck, Steuern zu sparen.

Es sei errichtet worden, um es schwieriger zu machen, herauszufinden, wo und wer zur Verantwortung zu ziehen ist, sagt Fleites’ Anwalt. Seit mehr als einem Jahr recherchiert die Manhattaner Kanzlei Brown Rudnick, bei der Bowe Partner ist, zu Pornhub und Mindgeek. Nach eigenen Angaben ist Bowe dabei auf hunderte Fälle wie jenen von Serena Fleites gestoßen: Videomaterial von Minderjährigen, Vergewaltigungen, Opfern von Menschenhandel.

Pornhub habe all das zugelassen, sagt Bowe und verweist auf das Geschäftsmodell der Seite. Das Videoportal speist sich aus von Nutzern hochgeladenen Videos, die – bis auf den Premiumbereich – kostenlos abgerufen werden können. Pornhub und seine Konkurrenten verdienen Geld mit Werbeclips vor den Videos, über Provisionen, wenn kostenpflichtige Abos abgeschlossen werden, oder durch Bannerwerbung. Der Pornohub-Motor läuft über Klicks und Suchmaschinenoptimierung – dabei kostet die Kontrolle der Inhalte Zeit.

Letztlich kostet das Geld, aber wen?

Der Mann im Hintergrund

Nun mussten erstmals Mindgeeks Geschäftsführer unter Wahrheitspflicht Rede und Antwort in Kanadas Parlament stehen: David Marmorstein Tassillo und Feras Antoon. Seit 2008 bei dem Unternehmen, zeichnen sie nicht nur für das operative Geschäft verantwortlich, sondern galten bisher auch als Eigentümer von Mindgeek. Bei ihrer Anhörung am 5. Februar 2021 machten sie aber einen Mann namhaft, der die Mehrheit an Mindgeek besitzen soll.

„Sein Name ist Bernard Bergemar, und er besitzt mehr als 50 Prozent. Er ist ein passiver Investor und ist nicht in das Tagesgeschäft eingebunden“, sagte Geschäftsführer Antoon laut Protokoll. Bernard Bergemar also – der geheime Pornhub-Eigentümer? Wer genau hinhört – und Deutsch spricht –, hört einen anderen Namen: Bernd Bergmair.

Ein Geist. Eine Google-Suche brachte bis vor kurzem lediglich drei Treffer. Seinen Namen, aber in einer anderen Schreibweise, nämlich Bernard Bergemar, berichtete die Financial Times erstmals im Dezember 2020. Doch mehr als den Namen gab es nicht.

Nun lieferte ausgerechnet Mindgeek-Chef und Minderheitseigentümer Feras Antoon neue Hinweise – und die Rechercheure des britischen Mediums Tortoise Media machten sich auf die Suche. Von Nordamerika aus verfolgten sie Bergmairs Spur schließlich zu seinem Wohnsitz in London – und nach Österreich. Hier kam DOSSIER in Spiel: Wir halfen Tortoise, zentrale Puzzleteile zusammenzufügen, um Bergmairs Identität zu bestätigen.

Pornokönig in Übersee, Großbauer zu Hause

Bergmairs Spuren führen nach Ansfelden, eine von Fachmarktzentren geprägte Kleinstadt im Speckgürtel von Linz. Wenige kennen hier seinen Namen, noch kleiner die Zahl derer, die über ihn sprechen wollen. Man raunt: Er sei ein reicher Geschäftsmann, der sich zwischen Hongkong, Brasilien und London bewege und nur selten zu Hause sei. Investmentbanker sei Bergmair, früher bei Goldman Sachs, in Amerika habe er studiert. Aber wie genau verdient er sein Geld? Das weiß niemand so recht. Wenn wir Bergmairs Pornoimperium erwähnen, reagieren die Ansfeldner ahnungslos und überrascht.

Bergmair, Jahrgang 1968, wuchs in einer Zeit auf, als die Gemeinde Ansfelden noch nicht zur Stadt erhoben wurde. Statt Ikea und Shoppingmeile gab es Felder, Felder und noch mehr Felder. Bergmair besuchte, für einen Bauernbub durchaus ungewöhnlich, das Gymnasium in Linz, schloss die 4. Klasse mit ausgezeichnetem Erfolg ab. Danach wechselte er auf die Landwirtschaftsschule. Schon als Jugendlicher, wird DOSSIER von alten Bekannten erzählt, sei Bergmair gerne Traktor gefahren, habe sich sein Taschengeld bei Ernten aufgebessert.

Heute ist Bergmair 52 Jahre alt, hat einen Abschluss von der Chicago Business School in der Tasche und ist nach Recherchen von Tortoise und DOSSIER Eigentümer eines Pornoimperiums. Im Hochsommer komme er nach wie vor zum Weizendreschen, die Maschinen fahre er selbst, in Jeans und einem weißen Hemd, erfahren wir in Ansfelden.

Bergmairs Weg vom Ansfeldner Bauernsohn zum Besitzer eines der größten Pornoimperien der Welt lässt sich nicht einfach, und schon gar nicht lückenlos, nachzeichnen. Schon in jungen Jahren dürfte Bergmair bei den Unternehmensberatern von McKinsey gearbeitet haben, bei der Investmentfirma Goldman Sachs in New York City wird er Partner. Danach verlaufen sich seine Spuren.

Stationen in Frankfurt, Hongkong und London werden von Menschen, die ihn kennen, bestätigt, was genau er dort macht bleibt ungewiss. 2006 startet Redtube.com, eine Website mit kostenlos abrufbaren Pornovideos, die in kürzester Zeit Millionen Menschen erreicht. Die Firma hat ihren Sitz in Wien und ist auf der Suche nach frischem Geld – und das kommt von Bergmair. Hier manifestiert sich sein Engagement in der Pornoindustrie zum ersten Mal.

In einem von einem Mitbewerber angestrengten Gerichtsverfahren von 2011 wird Bergmair fälschlicherweise schon damals als „Bernard Bergemar“ bezeichnet und als „Executive Officer“ der Mutterfirma von Redtube genannt. 2013 verkauft Bergmair seine Anteile an Manwin, ein Konzern, der mittlerweile Mindgeek heißt. Wie es dazu kam, dass er heute der klandestine Mehrheitseigentümer von Mindgeek ist, muss offen bleiben.

Diskretion auch beim Grunderwerb

Fakt ist: Mit Pornhub und den anderen Mindgeek-Websites hat Bergmair ein Vermögen verdient. Die britische Sunday Times schätzt es auf zumindest rund 1,4 Milliarden Euro. Einen Teil davon hat Bergmair in österreichischen Grund und Boden investiert. Laut Grundbuchunterlagen, die DOSSIER vorliegen, besitzt er zumindest 103 Hektar Land, vor allem landwirtschaftliche Flächen, aber auch einige Wälder. Zu seinen Liegenschaften gehören mehrere Häuser, eines davon ein prächtig renoviertes Bauernhaus mit mehreren Badezimmern, Privatsee und Privatstraße.

Doch auch hier gilt Diskretion als oberste Devise – denn als Grundeigentümer scheint der Name Bernd Bergmair offiziell nicht auf. Eingetragen ist die Pontarelli Holding S.A. mit Sitz auf den British Virgin Islands, eine Briefkastenfirma für steuerschonende und anonyme Geschäfte. Die Pontarelli Holding S.A. gehört der Online Incorporations Ltd, welche laut Dokumenten von 2015, die DOSSIER vorliegen, zwei Männern gehört. Auf dem Papier.

Es sind Strohmänner, die in den Offshore Leaks, den Recherchen von ICIJ, auftauchen. Den wahren Eigentümer findet man erst in einem Bescheid der Bezirksgrundverkehrskommission Linz-Land: Bernd Bergmair.

Bergmair ist mit seiner Pontarelli Holding S.A. nicht nur landwirtschaftlich aktiv, sondern auch in österreichische Immobilienprojekte involviert. Er ist an einer Tochterfirma eines großen Wiener Bauträgers beteiligt, Unternehmenszweck: Kauf und Verkauf von eigenen Grundstücken, Gebäuden und Wohnungen.

Vor etlichen Jahren war Bergmair im Vorstand mehrerer Privatstiftungen tätig, die einer bekannten Unternehmerfamilie aus dem Lebensmitteleinzelhandel zuzurechnen sind. Sonst findet sich über ihn im österreichischen Firmenbuch nichts.

Offene Fragen

Auf Anfrage wollte Bergmair keine Stellungnahme abgeben, die Reporter von Tortoise kontaktierten Mindgeek und bekamen ebenfalls keine Antwort. Doch die britischen Journalisten trafen Bergmair vor seinem Londoner Wohnsitz an, bekamen ihn vor das Mikrofon und die Kamera: Was sagt er zu den Vorwürfen gegen Pornhub? Möchte er etwas zu den betroffenen Frauen, den Opfern, sagen? Bergmair gab keine Antworten. Die „Jagd auf den Pornokönig“ hat Tortoise in einem Podcast veröffentlicht. Trotzdem müssen viele Fragen fürs Erste unbeantwortet bleiben.

Ist die Spur durch das weitverzweigte Firmennetzwerk von Mindgeek, das Kontinente überspannt und sich oft in Steuerparadiesen verliert, bei Bergmair zu Ende? Oder ist er lediglich ein großes Rädchen in der Welt der Pornoseiten – aber nicht das größte? Hat er wiederum finanzkräftige Hinterleute, die im Verborgenen agieren?

All das lässt sich nicht beantworten, denn Intransparenz und Diskretion gehören zum Geschäftsmodell. Ganz im Widerspruch zu den vielen Fällen, bei denen Fotos und Videos wie jenes von Serena Fleites gegen den Willen der gezeigten Personen veröffentlicht und millionenfach verbreitet wurden.