Stelle keine Fragen. Beschwere dich nicht. Interessiere dich nicht für deine Rechte. Das, sagt Jakob, seien die Regeln. Wer sie befolge, bekomme schnell einen Job. Wer sie breche, verliere ihn. Mit diesen Regeln konfrontiert wird Jakob, der eigentlich anders heißt, in einem angesagten Burgerlokal: der Weinschenke am Karmelitermarkt im zweiten Wiener Gemeindebezirk.
Statt eines klassischen Arbeitsvertrags bekommt er einen Zettel, kaum größer als ein Post-it, vorgelegt. Darauf steht unter anderem die vereinbarte Wochenarbeitszeit: »35 Stunden«. Offiziell angemeldet sei Jakob allerdings nur für 20 Stunden. Seinen Lohn erhalte er bar. Weihnachts- und Urlaubsgeld, das ihm laut Kollektivvertrag zusteht, bekomme er nicht. Jakob stellt keine Fragen.
Was Jakob gegenüber DOSSIER beschreibt, sind klassische Muster von Schwarzarbeit. Genaue Zahlen zur sogenannten Schattenwirtschaft in Österreich fehlen zwar, die Gastro ist dafür allerdings strukturell anfällig: Menschen, die in diese Branche gehen, sind auf der Suche nach flexiblen Jobs und nehmen aus der Not heraus oftmals jede Beschäftigung an. Auf der anderen Seite kämpfen Unternehmer·innen mit hohem Kostendruck und geringen Margen. Das Ergebnis sind Arbeitsbedingungen im rechtlichen Graubereich – und nicht selten weit außerhalb des Erlaubten.
In Wien hat ein Gastronom das offenbar auf die Spitze getrieben. DOSSIER stieß bei Recherchen auf mutmaßlich illegale Beschäftigungsverhältnisse, möglichen Sozialabgabenbetrug und ein undurchsichtiges Firmennetzwerk hinter einigen der bekanntesten Lokale der Stadt. Im Mittelpunkt steht ein Mann, den kaum jemand kennt – obwohl seine Betriebe die Gastro-Szene prägen. Zu seinen Geschäftspraktiken ermittelt infolge von DOSSIER-Recherchen inzwischen das Amt für Betrugsbekämpfung.
Geheimer Gastro-Gigant
Als Geschäftsführer und Gesellschafter war Asher D. bis vor kurzem an mindestens zehn Lokal- und Hotelbetrieben in Wien beteiligt, öffentlich blieb der 50-Jährige aber quasi unsichtbar. So wurden etwa die Weinschenke am Karmelitermarkt, in der Jakob gearbeitet hat, sowie die mittlerweile geschlossene Filiale am Siebensternplatz laut Gewerberegister von Asher D. geführt. In der öffentlichen Kommunikation der Lokale spielte sein Name allerdings keine Rolle.
Ähnlich verhielt es sich beim traditionsreichen Café Drechsler: Als die Übernahme des Kaffeehauses 2019 Schlagzeilen machte, wurden andere Personen als Betreiber genannt. Dass Asher D. nach dem Eigentümerwechsel als gewerberechtlicher Geschäftsführer fungierte, blieb weitgehend unerwähnt.
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