IBIZA-Preis

VERBAND Filmregie & DOSSIER initiieren IBIZA-Preis

  • Der IBIZA-Preis 2020 geht an das Team der „Süddeutschen Zeitung“ für das Video über die Korruptionsphantasien von Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus
  • Der IBIZA-Preis würdigt jedes Jahr herausragende audiovisuelle Beiträge von öffentlichem Interesse, die Missstände und Skandale aufdecken
  • Der IBIZA-Preis ist eine zivilgesellschaftliche Initiative von Filmschaffenden und InvestigativjournalistInnen und wird erstmals in Wien vergeben

Der VERBAND Filmregie Österreich und die Rechercheplattform DOSSIER haben eine neue Auszeichnung ins Leben gerufen: den IBIZA-Preis. Damit werden jedes Jahr audiovisuelle Beiträge von herausragender öffentlicher Relevanz prämiert. Gesucht werden Videobeiträge, die sich auf Geschehnisse in Österreich beziehen. Mit dem IBIZA-Preis soll die Aufdeckung von öffentlich relevanten Missständen oder Ungerechtigkeiten gefördert werden. Zudem soll das öffentliche Bewusstsein bezüglich des Einflusses von Social Media auf die Lebensrealität geschärft werden.

Der Jury des IBIZA-Preises 2020 gehören an: Fabian Lang, Ashwien Sankholkar, Sahel Zarinfard (für DOSSIER) und Veronika Franz, Franz Novotny, Elisabeth Scharang (für den VERBAND Filmregie). Aus einer Shortlist von fünf Beiträgen kürte die Jury die siebenminütige Videoaufnahme von Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus zum Sieger. Das „Ibiza- Video“ wurde im Jahr 2017 heimlich gefilmt und am 17. Mai 2019 von „Süddeutscher Zeitung“ und „Spiegel“ veröffentlicht.

Das auf Ibiza gedrehte Gewinnervideo fungiert auch als Namensgeber für die neue Auszeichnung. Im Juni 2019, nach der Veröffentlichung des Videos und einem politischen Beben mit großen Folgen, hat Filmregisseur Franz Novotny den Gedanken für diese zivilgesellschaftliche Initiative gezündet. Mit dem IBIZA-Preis sollen Videos gewürdigt werden, die einen Beitrag zum demokratiepolitischen Diskurs leisten, eine positive Debatte zu einem öffentlich relevanten Thema auslösen oder ein gesellschaftspolitisches Tabu brechen. Das Sieger-Video erfüllt geradezu paradigmatisch alle Anforderungen der IBIZA-Preis-Statuten.

Elisabeth Scharang, Obfrau des VERBANDS Filmregie und Juryvorsitzende: „Der Preis geht prinzipiell an die UrheberInnen der ausgewählten Videobeiträge. Für den Fall, dass die nicht eindeutig identifizierbar sind, wählt die Jury eine Repräsentantin, die maßgeblich zur Verbreitung beigetragen und so den Impact erhöht hat. Wir wollen mit diesem Preis der politischen Kraft von Filmen und Videos einen besonderen Stellenwert geben.“ Prämiert werden Videoaufnahmen des abgelaufenen Jahres, die vor allem über Social Media und Youtube verbreitet und anschließend in klassischen Medien wie Fernsehen, Radio sowie in den Print- und Onlinemedien ausführlich diskutiert wurden. Die Statuten des IBIZA-Preises werden auf den Webseiten von DOSSIER und Regieverband veröffentlicht.

Der IBIZA-Preis 2020 geht an die Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“), die bei der publizistischen Verbreitung des Ibiza-Videos federführend war. Bastian Obermayer, Leiter des „SZ“-Investigativteams: „Die große Stärke des Mediums Film war im Fall des Ibiza- Videos, dass niemand das Verhalten von H.-C. Strache bestreiten konnte – seine unfassbaren Aussagen waren immer nur einen Klick weit weg und jederzeit abrufbar. Verbunden mit den forensischen Überprüfungen der Echtheit des Materials gab es so für die Betroffenen keinen anderen Ausweg, als die Fakten zu akzeptieren.“ Frederik Obermaier, leitender Redakteur im „SZ“-Investigativteam: „Das Ibiza-Video hat gezeigt, wie zwei hochrangige FPÖ-Politiker und angebliche Saubermänner reden, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Das Video illustriert, wie offen sich H.-C. Strache und Johann Gudenus gegenüber korrupten Deals gezeigt haben. Die Öffentlichkeit verdankt jenen Personen viel, die das Video der ,Süddeutschen Zeitung‘ und dem ,Spiegel‘ zugespielt haben.“ Der Filmemacher Franz Novotny gestaltete eigens für den IBIZA-Preis eine Bronzeskulptur, die von „SZ“-Journalistin Leila Al-Serori stellvertretend für das Investigativteam in Empfang genommen wurde.

Ashwien Sankholkar, DOSSIER-Chefreporter und Jurymitglied: „Das Ibiza-Video brachte Österreich eine Reihe beispielloser Premieren. Mit Herbert Kickl wurde erstmals ein Innenminister entlassen. Mit Sebastian Kurz wurde erstmals einem Regierungschef das Misstrauen ausgesprochen. Österreich erhielt seine erste Expertenregierung und mit Brigitte Bierlein die erste Bundeskanzlerin. Das Ibiza-Video hat Österreich verändert. Die Shortlist belegt eindrucksvoll, dass die Rolle von Social Media bei der Aufdeckung von Skandalen an Bedeutung gewinnt und tief in das traditionelle Mediengeschäft hineingewirkt. Der IBIZA- Preis soll auf dieses Phänomen aufmerksam machen.“

Franz Novotny, Mitglied des VERBANDS Filmregie und der Jury: „Mehrere Laufbilder wurden in Erwägung gezogen. Maßgeblich für die Entscheidung waren die Dynamik und die Nachhaltigkeit, die die Werke auslösten. Das Ibiza-Video hat außergewöhnlich wirkmächtig abgebildet und enthüllt, welche Absichten, Vorhaben und Hintergedanken sich bisweilen hinter öffentlicher Inszenierung, Marketing und Message-Control verbergen. Anhand ihrer eigenen Selbstinszenierung und der ungewohnt aufrichtigen Lautäußerungen konnten die tatsächlichen Absichten einer verworfenen Politikerkaste enttarnt werden. Die politischen Darsteller waren in dem Video von dem für die Allgemeinheit bestimmten NLP-Geschwätz befreit, und der sonst geschickt getäuschten Öffentlichkeit wurde die Wahrheit schonungslos vor Augen und Ohren geführt. Den freien Medien, die dies freilegten, ist zu danken.“

Auf der Shortlist der ersten IBIZA-Preis-Jury finden sich beispielsweise das von der Stadtzeitung „Falter“ veröffentlichte „Schreddergate“-Video, das die fragwürdige Zerstörung von Festplatten des Bundeskanzleramts zum Gegenstand hat, oder das von Marcus Hohenecker via Twitter verbreitete Video über Polizeigewalt bei einer Klimademo vor der Wiener Urania am 31. Mai 2019. Marcus Hohenecker: „Mein Video hat gezeigt, wie wichtig derartige Dokumentation ist. Da es in Zukunft zu weiterem, immer heftigerem zivilen Ungehorsam kommen wird, wenn der Klimakatastrophe nicht begegnet wird, ist diese Art der Dokumentation im Sinne der Sicherheit der Demonstranten von höchster Bedeutung. Die Polizei verhält sich seither deutlich zurückhaltender und hat sich zuletzt nicht mehr angeschickt, das Filmen zu behindern. Außerdem haben zwischenzeitlich Gerichtsverfahren die Rechtswidrigkeit der von mir dokumentierten Polizeigewalt ebenso festgestellt, dass auch das nachträgliche, gesetzlich vorgeschriebene Einsatzprotokoll der Polizei falsch war. Es wurde also gerichtlich festgestellt, dass die Polizei ihren Einsatz wahrheitswidrig dokumentiert hat.“ Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen die Polizisten wegen Missbrauch der Amtsgewalt. „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk: „Soziale Medien geben auch jenen eine Plattform, die wir Medienleute bislang überhört haben. Uns Journalistinnen und Journalisten erschließen sich neue Erkenntnisquellen. Wir müssen distanziert, aber mit Interesse an Ihnen schöpfen, um auch unbequemen Wahrheiten näher zu kommen“.

Auf der Website von DOSSIER und Regieverband werden die gesamte Shortlist der Jury mit den nominierten Videobeiträgen sowie die IBIZA-Preis-Statuten veröffentlicht.


Rückfragehinweis:

Ashwien Sankholkar, Chefreporter DOSSIER: Die Rechercheplattform DOSSIER ist Österreichs einziges investigatives und werbefreies Medium und wurde 2012 gegründet. Die DOSSIER-Recherchen handeln von Korruption in Politik und Wirtschaft, von der Ausbeutung Schwächerer, vom Missbrauch durch Stärkere, vom Versagen Einzelner und ganzer Systeme.

Email: office(at)dossier.at
Website:   www.dossier.at

Elisabeth Scharang, Obfrau VERBAND Filmregie Österreich: Der überparteiliche Verband Filmregie vertritt mehr als 130 KinofilmregisseurInnen und damit nahezu alle den neueren österreichischen Kinofilm prägenden FilmemacherInnen. Der Verband gilt als kritisches Sprachrohr und Interessenvertretung der Filmschaffenden gegenüber Politik und Wirtschaft und feierte 2019 sein 30-jähriges Bestehen.

Email: office(at)austrian-directors.com
Website: www.austrian-directors.com/ibiza-preis-downloads