Zehn Fakten zu Wiener Wohnen

1) Sozialer Wohnbau als Errungenschaft

Die Stadt Wien ist der größte Immobilienbesitzer Europas. Als die Sozialdemokraten vor bald hundert Jahren erstmals den Bürgermeister stellten, setzten sie ein bahnbrechendes Wohnbauprogramm in Gang. Die öffentliche Hand baute Wohnungen für Menschen mit wenig Geld. Doch längst leben dort nicht mehr bloß die Bedürftigen: Mit einer Einkommensobergrenze von mehr als 3.000 Euro netto steht der günstige, weil mit Steuergeldern üppig geförderte Gemeindebau auch der gehobenen Mittelschicht offen.

2) Mieterinnen und Mieter zahlen für die Skandale

Wiener Wohnen ist ein Konzern mit rund einer Milliarde Euro Umsatz und tausenden Mitarbeitern. Unregelmäßigkeiten sind bei dieser Größenordnung unvermeidbar. Allerdings häuften sich die Fehler in den vergangenen Jahren. Immer wieder wurde die Gemeindebau-Unternehmung von Skandalen erschüttert: Baukartelle witterten schnelles Geld und erleichterten Wiener Wohnen um viele Millionen Euro. Bei Sanierungen und Neubauten versickerte Geld in undurchsichtigen Kanälen. Zahlen mussten dafür die Mieterinnen und Mieter.

3) Wiener Wohnen mauert

Die Gemeindebau-Unternehmung reagiert auf Kritik nicht mit Transparenz. Die politische Opposition, Mietervertreter oder Journalistinnen und Journalisten bekommen nur schwer Einblick in die Geschäfte. Selbst der Rechnungshof blickte bei den Abrechnungen nicht völlig durch. Anfragen von NZZ.at und Dossier blieben größtenteils unbeantwortet, die Verantwortlichen bei Wiener Wohnen und im Rathaus verweigerten bisher das Gespräch.

4) Mitsprache? Unerwünscht

Die ohnehin rigide Informationspolitik wurde im Wahljahr noch verschärft: Im Jänner 2015 peitschte der Direktor von Wiener Wohnen gemeinsam mit Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) ein neues Statut durch, das die Mitbestimmung der Mieterinnen und Mieter beschränkt. Die gewählten Mietervertreter können nun noch weniger mitreden und sind praktisch entmachtet. Etliche Mieterbeiräte legten daraufhin ihre Funktion aus Protest zurück.

5) Top – bei den Betriebskosten

Nicht alle wollen sich den Mund verbieten lassen. Wir haben mit etlichen Mieterinnen und Mietern gesprochen; darunter auch zwei Gemeindebau-Rebellen, die seit Jahren unbequeme Fragen zu Abrechnungsfehlern stellen und alles penibel dokumentieren. Laut Statistik Austria sind die durchschnittlichen Betriebskosten nirgendwo in Österreich so hoch wie in Wiener Gemeindebauten.

6) Lauter Einzelfälle...

Wir haben dutzende Abrechnungen von Wiener Wohnen durchgesehen und dabei einige Fehler gefunden. Die Frage ist: Steckt dahinter Schlamperei oder hat die Unschärfe System? Wir sind bei unseren Recherchen auf die Mithilfe von Mieterinnen und Mietern angewiesen und haben viele wichtige Hinweise erhalten. Wenn auch Sie unsere Arbeit unterstützen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf. Selbstverständlich behandeln wir alle Informationen vertraulich.

7) Wer sich nicht wehrt, zahlt verkehrt

Derzeit stehen Mieterinnen und Mieter oft alleine da, wenn sie bei ihren Abrechnungen Fehler entdecken. Von der städtischen Wohnbaugesellschaft werden sie an die städtische Magistratsabteilung 50 verwiesen – die Schlichtungsstelle. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Wiener Wohnen auf Zeit spielt: Unrechtmäßige Kosten werden nur jenen rückerstattet, die massiv Stunk machen. Freiwillig gibt Wiener Wohnen kaum Fehler zu.

8) Die Nicht-Vermessung des Gemeindebaus

Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Unsere Recherchen zeigen, dass jede dritte Wohnung eine exakte Quadratmetergröße hat. Die statistische Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 1:100. Ein falscher Quadratmeter kann pro Monat einige Euro mehr oder weniger an Miete und an Betriebskosten verursachen – oder einige hundert Euro im Jahr. Auch bei der Frage, wie viele und welche Gemeindebauten noch nicht ordentlich vermessen sind, verweigert Wiener Wohnen die Auskunft.

9) Der Gärtner war’s

In nur sieben Jahren verdoppelten sich die Kosten für die Gartenpflege im Gemeindebau. Was sich in dieser Zeit verändert hat? Früher waren ausschließlich externe Firmen für das Rasenmähen zuständig. Nun pflegt eine Tochterfirma von Wiener Wohnen einen großen Teil der Grünflächen – um das doppelte Geld. Nach unseren Berechnungen entstanden seither Mehrkosten von rund 21 Millionen Euro.

10) „Vergessene“ Garagen

In drei Gemeindebauten verrechnete Wiener Wohnen den Bewohnern insgesamt eine Million Euro zu viel. Der Fehler flog erst auf, als ein junger Mieter die Betriebskosten selbst überprüfte. Wiener Wohnen hatte zwölf Jahre lang die Garagenflächen nicht zu den Nutzflächen der Wohnhausanlagen dazugerechnet – wider besseren Wissens und zu Lasten der Mieter. Die Bewohner erhielten einen Teil der zu viel bezahlten Betriebskosten erst zurück, als der Mieter diese reklamierte.