„Ein letzter Ausweg“

Walter Seierl hat mehr als 50 Sanierungen nach Paragraf 18 betreut. Warum er diese nur als Notlösung sieht, erklärt er im Gespräch mit DOSSIER und NZZ.at.

DOSSIER: Die Sanierung nach Paragraf 18 des Mietrechtsgesetzes ist eine der wenigen Möglichkeiten, die Mieten auch ohne die Zustimmung der Bewohner und Bewohnerinnen anzuheben. In welchen Fällen stellen Sie einen Antrag auf eine Paragraf-18-Sanierung bei der Schlichtungsstelle?

Walter Seierl: Nur dann, wenn wir in einem Bau viele Altmieter mit niedrigen Mietzinsen haben. Dann ist die Sanierung nicht refinanzierbar. Diese Art der Sanierung verwenden wir aber nur, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt, sie ist ein letzter Ausweg.

Walter Seierl ist Prokurist bei der Rustler Gruppe, einer international tätigen, privaten Gebäudeverwaltung. Der 61-jährige Gerichtssachverständige ist seit mehr als 30 Jahren in der Immobilienbranche tätig und Experte für geförderte Sanierungen.

Wie oft beantragen Sie eine Sanierung nach Paragraf 18?

Jetzt fast gar nicht mehr. Paragraf-18-Sanierungen sind aus meiner Sicht gestorben.

Und früher öfter?

Ja. In meinen 30 Jahren in der Immobilienbranche waren es circa 50 bis 60 – die meisten liegen schon lange zurück. Früher ging das leichter. Da hat man es halt einmal probiert, ob die Sanierung bewilligt wird oder nicht. Heute ist die Schlichtungsstelle sorgsamer.

Stellen Sie deshalb nicht mehr so viele Anträge auf eine Paragraf-18-Sanierung?

Es ist einfach viel mühsamer geworden. Mittlerweile haben wir so wenige Altmieter mit niedrigen Mietzinsen, dass sich das fast nicht mehr auszahlt. Wenn wir heute nur noch zwei Altmieter in einem Bau haben, dann reden wir einfach mit ihnen und versuchen, die Mieten auf freiwilliger Basis anzuheben. So erspart man sich viel Verwaltungsaufwand. Der Paragraf 18 ist für uns nur eine Notlösung.

Bei Mietern und Mieterinnen von Wiener Wohnen gibt es immer wieder Proteste und auch Gerichtsverfahren. Ihre Mieter akzeptieren freiwillig Mietzinserhöhungen?

Gerade bei Generalsanierungen, einer der wenigen Fälle, in denen wir noch Paragraf-18-Sanierungen durchführen, werden die Mieter schon vorher eingebunden. Da gibt es Mieterversammlungen, und die Bewohner werden genau informiert. Wir holen die Mieter an Bord und machen sie zu Partnern. Die Meisten sind froh, wenn der Bau erneuert wird. Das einzige Risiko ist, wenn es einzelne Mieter gibt, die das mutwillig bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag verzögern wollen. Aber wir sind ja nicht auf Kriegspfad mit denen. Es geht größtenteils um die Stimmung, deshalb haben wir auch schon lange keine Einsprüche von Mietern mehr gehabt.

Es ist auffällig, dass es im sozialen Wohnbau öfter zu Paragraf-18-Sanierungen kommt als im privaten Bereich. Können Sie das erklären?

Das liegt daran, dass man nach einer solchen Sanierung circa 25 Jahre nichts verdient. Viele der Arbeiten, die im Rahmen einer Paragraf-18-Sanierung durchgeführt werden, werden gefördert. Eine Bedingung dieser Förderung ist, dass man eine gewisse Zeit keine Gewinne macht. Beim sozialen Wohnbau muss ja nichts überbleiben, vielleicht liegt es daran.