Ausschaltung freier Berichterstattung, Gleichschaltung öffentlich-rechtlicher Medien und Einschränkung der Pressefreiheit – das waren wesentliche Voraussetzungen für den Machterhalt der Partei Fidesz unter Viktor Orbán. Wenn man zur systematischen Zerschlagung kritischer Medien in Ungarn recherchiert, stößt man überraschenderweise auf den Namen eines Österreichers: Heinrich Pecina.
Doch wer ist dieser Mann eigentlich? Mit dieser Frage begann eine Recherche, die über eine klassische Spurensuche hinausging – und uns zwei Anwaltsbriefe und einen Gerichtstermin bescheren sollte.
Heinrich Pecina ist ein 75-jähriger Investmentbanker, der das mediale Scheinwerferlicht meidet. Trotzdem war er wegen seines schillernden Lebensstils und spektakulärer Deals immer wieder in den Medien.
»Teils wirkt er wie ein ungarischer Gutsherr, teils wie der Wall-Street-Hai Gordon Gekko«, so der Standard. »Bei öffentlichen Veranstaltungen, in der Bussi-Bussi-Gesellschaft wird man ihn vergebens suchen«, schreibt die Presse und nennt ihn den »Landlord von Maria Ellend«. Haslau-Maria Ellend heißt die niederösterreichische Gemeinde, in der Pecina wohnt.
Aber wie nähert man sich einem Mann, der gern im Verborgenen agiert und Medien meidet wie der Teufel das Weihwasser?
Schritt 1: Interviewanfrage
Zunächst auf offiziellem Weg. Das Ersuchen um einen Interviewtermin beantwortete Pecinas Assistentin ausweichend: »Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Herr Pecina sich derzeit im Ausland befindet.«
Wenig später rief dann Pecinas PR-Berater an und wollte mehr über die Themen des Interviews wissen. Wir machten kein Geheimnis daraus: Es geht um Ungarn und Viktor Orbán. Wir möchten Pecina als Person porträtieren und seine Rolle bei der Einschränkung der Medienlandschaft in Ungarn beleuchten.
Der PR-Berater spielt die Sache herunter. Das sei doch alles schon bekannt. Alter Wein in neuen Schläuchen. Wir sollten uns keine großen Hoffnungen auf ein Interview machen. Pecina sei aktuell im Ausland, aber mal sehen. Er werde sich melden, wenn der Boss wieder in Österreich sei. Die Zeit bis zum Interviewtermin wollten wir nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Schritt 2: Vor-Ort-Recherche
Mit dem Notizblock und einer Portion Neugier fuhren wir nach Haslau-Maria Ellend, wo Pecina ein prächtiges Anwesen umgeben von viel Wald besitzt. Vom Wiener Hauptbahnhof ist der kleine Ort im Bezirk Bruck an der Leitha in weniger als einer Stunde zu erreichen. Pecinas Villa liegt ganz in der Nähe des historischen, bei Monarchist·innen bekannten Ellender Hofs.
Heinrich Pecinas Großvater Ludwig war der Gutsverwalter beziehungsweise »Domän-Direktor« von Erzherzog Franz Ferdinand, dem 1914 einem Attentat in Sarajevo zum Opfer gefallenen Thronfolger. Das Faible für Land- und Forstwirtschaft dürfte der Enkel geerbt haben. Denn über seine Stiftung und deren Gesellschaften besitzt Pecina eine Jagd- und Forstwirtschaft sowie Grund und Boden in Niederösterreich, wie wir beim Lokalaugenschein erfahren haben.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Ellender Hof beziehungsweise eine in der Nähe errichtete Kapelle nicht Heinrich Pecina persönlich gehört. Diese eigentumsrechtliche Abgrenzung scheint Pecina wichtig zu sein. Wer das nur andeutet, dem schickt er einen Anwaltsbrief, wie DOSSIER erfahren musste. Doch dazu später mehr.
Rund um den Ellender Hof sahen wir keine Absperrungen. »Zutritt verboten«-Schilder waren auch keine sichtbar. Nur ein Hinweis auf der Zufahrtsstraße in Richtung Ellender Hof vermittelte, dass wir uns in videoüberwachtem Gebiet befinden. Obwohl das Anwesen auf der Laufstrecke lokaler Jogger·innen liegt, wollten wir das Grundstück ohne ausdrückliches Okay nicht betreten. Vorsicht ist besser als Nachsicht, wie wir 2021 gelernt haben.
Was war 2021 passiert? Für eine Red-Bull-Recherche in Vorarlberg ließen wir uns die geplante Erweiterung des Werks des Red-Bull-Abfüllers zeigen. Aus der Ferne. Das Betriebsgelände wurde nicht betreten, aber ein Parkplatz. Dieser lag zwar außerhalb der eingezäunten Anlage, gehörte aber dem Red-Bull-Abfüller. Im Red-Bull-TV-Sender wurde uns illegales Eindringen vorgeworfen. Viel Lärm um nichts. Mehr über den Vorfall lesen Sie hier.
Wir klingelten also bei Heinrich Pecina. Vielleicht sagt uns jemand, wen wir um Erlaubnis fragen können, um den Ellender Hof zu besichtigen? Wir stellten uns vor und erklärten unser Ansinnen über die Gegensprechanlage. »Da muss ich den Chef fragen«, war die Antwort. Wenige Minuten später trat ein Mann vor die Tür, mit dem wir nicht gerechnet hatten: Heinrich Pecina.
Schritt 3: Das persönliche Gespräch
Anders als uns noch vor wenigen Tagen mitgeteilt worden war, war Pecina wieder im Lande. Die Interviewanfrage habe er erhalten, bestätigte er buchstäblich zwischen Tür und Angel. Es folgte Smalltalk, bei dem wir auch über den Ellender Hof plauderten. Pecina selbst hatte Gäste zu Besuch. Er versprach uns einen Rückruf. Die Chancen für ein Interview waren intakt, so schien es.
Unser Fokus änderte sich nach dem Zufallstreffen rasch, der Ellender Hof geriet in den Hintergrund. Nun galt es, Informationen vor Ort zu sammeln, exklusiven Stoff für das Interview. Deshalb waren wir da. Wir führten viele Gespräche mit Einwohner·innen der Gemeinde, die wir vorab kontaktiert hatten oder die uns zufällig über den Weg liefen: »Kennen Sie Heinrich Pecina? Was wissen Sie über ihn?«
Es waren erst wenige Stunden Feldforschung vergangen, da meldete sich der »Landlord« am Handy. Das Gespräch war freundlich. Gleich zu Beginn kam aber die schlechte Nachricht: Eigentlich wolle er kein Interview geben. Aber er habe sich noch nicht endgültig entschieden. Pecina war neugierig und bohrte nach: Was wir zu schreiben gedenken? Das gab Hoffnung.
Wie wir schon seinem PR-Berater mitgeteilt hatten, sollte es um Orbán, Medien und Ungarn gehen. Über neue Infos, die wir in der Zwischenzeit zusammengetragen hatten, wollten wir ebenfalls reden. Am Ende des Gesprächs schien ein Treffen in den Büroräumen der Vienna Capital Partners in der Nähe der Wiener Albertina im Bereich des Möglichen. Nur der Termin stand noch nicht fest.
Viele spannende Gesprächspartner·innen und die realistische Chance auf ein Interview mit dem öffentlichkeitsscheuen Orbánisierer – was will man mehr? Die Stippvisite in Maria Ellend hatte sich ausgezahlt.
Schritt 4: Aktenstudium
Zurück in Wien ging die Recherche weiter. Akten wurden studiert und das Telefonbuch nach länger zurückliegenden Pecina-Bekanntschaften durchstöbert: Insider aus der ehemaligen Kärntner Hypo Group Alpe-Adria, Medienleute aus Budapest und Wien, ehemalige Geschäftspartner·innen und Ex-Kolleg·innen von Heinrich Pecina sowie die Mediensprecherinnen der Staatsanwaltschaft Korneuburg und des Handelsgerichts Wien.
Wenige wollten on record sprechen, viele pochten auf Anonymität, manche gaben wertvolle Hinweise auf verschlüsselten Kanälen. Das Aktenstudium wurde zur Detektivarbeit: Firmenregister, Grundbuch und Panama Papers sowie ein mysteriöser Einbruch in Maria Ellend, in dem nach wie vor grenzüberschreitend ermittelt wird – fürs Interview gab’s genug Stoff. Wir waren ready!
Doch Pecina meldete sich nicht. Keine E-Mail. Kein Anruf. Kein Termin.
Also riefen wir ihn an und fragten nach. Er war wieder höflich, vermittelte aber weniger Interesse an einem Interview. Vielleicht hatte ihm sein PR-Berater davon abgeraten? Nochmals der Versuch, ihn zu überzeugen: Das Interview sei wichtig, um seine Sicht der Dinge wiederzugeben und seine Position zu verstehen. Ein Gespräch biete die Möglichkeit, etwaige Vorwürfe zu entkräften beziehungsweise Missverständnisse aufzuklären.
Wir skizzierten ihm, was wir in den vergangenen Wochen über ihn in Erfahrung gebracht hatten: Berufliches wie Privates. Pecina hörte aufmerksam zu. Er werde zurückrufen. Doch auch diesmal: wochenlang keine Rückmeldung.
Schritt 5: Die Veröffentlichung und Pecinas erste Reaktion
Auch nach Erscheinen des Porträts »Österreichs Orbánisierer« blieb es zunächst still. Dann erreichte uns ein Brief von Michael Rami, dem Medienanwalt und Verfassungsrichter. Darin fand sich ein Gegendarstellungsbegehren im Namen von Heinrich Pecina, in dem er die medienrechtliche Forderung erhob, dass wir gewisse Inhalte in dem Porträt korrigieren.
Aus DOSSIER-Sicht handelte es sich um Nebenaspekte: die Eigentumsverhältnisse des Ellender Hofs, den Bildtext zu einem Foto, auf dem ein Hinweisschild zu sehen ist, und eine Textpassage, in der es um den Staatsbesuch von Viktor Orbán im Jahr 2018 geht. Das Begehren auf Gegendarstellung hätte Pecina DOSSIER auch via E-Mail oder Telefon mitteilen können, das wäre billiger gewesen und hätte denselben Effekt gehabt. Denn: Bei berechtigter Kritik korrigieren wir unsere Texte und weisen darauf hin. Zu einer Verhandlung am Straflandesgericht kam es nicht, weil wir Pecinas Gegendarstellung brachten.
Schritt 6: Pecina schlägt zurück
Doch Pecina wollte uns offenbar unbedingt vor Gericht bringen. Denn kurze Zeit später kam die nächste Attacke. Pecina beauftragte Michael Rami mit einem neuen medienrechtlichen Antrag. Diesmal monierte er, dass DOSSIER gegen Paragraf 7a Mediengesetz verstoßen habe. Indem wir über seine gerichtlich aufgearbeitete Rolle in der Affäre Hypo Group Alpe-Adria berichtet haben, hätten wir seine ungestörte Resozialisierung gefährdet. Pecina fordert von DOSSIER »die Zahlung einer Entschädigung« und »Ersatz der Kosten des Verfahrens«.
Warum dieser Schritt? Wir rätseln: Ist Pecina schlecht beraten? Wohl kaum – die renommierte Kanzlei Gheneff-Rami-Sommer-Sauerschnig vertritt ihn. Oder ist es der Versuch, weitere Recherchen – und damit kritische Berichterstattung – zu unterbinden? Möglich. Es ist unübersehbar: Investigativer Journalismus bleibt dem Prinzip diskreter Macht ein Dorn im Auge.
Schritt 7: Wir halten dagegen
Die Inhalte, deren Veröffentlichung uns Pecina vorwirft, sind für jedermann auf Wikipedia einsehbar. Aus unserer Sicht hat Pecina mit seinem medienrechtlichen Antrag den Bogen überspannt. Es entsteht der Eindruck, dass es ihm nicht um die Sache geht, sondern darum, DOSSIER unter Druck zu setzen – und so Recherchen über ihn beziehungsweise die Geschäfte seiner Vienna Capital Partners im Keim zu ersticken. Er macht das, womit er in Ungarn ziemlich erfolgreich war: Er versucht, die Medienfreiheit einzuschränken.
Was bedeutet das für uns? Die rechtliche Reaktion von Heinrich Pecina ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch für das Klima, das entsteht, wenn wirtschaftliche oder politische Macht mit juristischen Drohgebärden gepaart wird. Gerade das bestärkt uns darin, die Hintergründe sorgfältig, faktenbasiert und unerschrocken weiter zu beleuchten. Was der Fall Pecina versus DOSSIER zeigt: Recherche endet nicht bei Veröffentlichung – und landet manchmal vor Gericht.
