
Bis 2030 will Viktor Orbán Ungarn nach China und Deutschland zum drittgrößten Hersteller von E-Auto-Batterien machen. Damit der Plan aufgeht, hat er mit China eine Allianz geschmiedet: Aktuell errichtet der chinesische E-Auto-Weltmarktführer BYD sein erstes Werk in Europa in der südungarischen Stadt Szeged. Auch der chinesische Konzern CATL baut für rund sieben Milliarden Euro ein Batteriewerk in der Nähe von Debrecen, der zweitgrößten Stadt Ungarns.
Was wie eine Investition in umweltfreundliche Technologie anmutet, ist alles andere als ökologisch. Die Folgen zeigen sich etwa in der ungarischen Stadt Göd, rund 40 Autominuten nördlich von Budapest: Dort ist seit 2017 ein Batteriewerk des südkoreanischen Konzerns Samsung in Betrieb – ebenso lang wird dagegen protestiert.
In unmittelbarer Nähe der riesigen Anlage wohnen rund 21.000 Menschen, die sich über Lärmbelästigung und schwerwiegende gesundheitliche Risiken beschweren. »Die Menschen wohnen nur 500 Meter oder einen Kilometer davon entfernt. Wie bei der Herstellung von Batterien üblich, wird auch hier mit hochgiftigen Materialien und Substanzen gearbeitet«, sagt Zsuzsanna Bodnár zu DOSSIER.
Die Literaturprofessorin lebt in Göd und ist Vertreterin der Bürger·inneninitiative Göd-Ért, die sich aus Anrainer·innen formiert hat. Bodnár ist seit einigen Jahren auch festangestellte Redakteurin der ungarischen Rechercheplattform Átlátszó. 2011 vom Journalisten Tamás Bodoky gegründet, arbeiten hier aktuell zwölf Journalist·innen – unabhängig von Orbáns Regierung, finanziert durch Leser·innen.
Im Besprechungszimmer der Redaktion hängt ein Poster. Darauf ist ein weißer Totenkopf auf schwarzem Hintergrund zu sehen, dazu die rote Aufschrift »Soros Army Budapest« – eine ironische Anspielung auf Orbáns Lieblingsfeind George Soros, der als Investor und Stifter der Open Society Foundations zivilgesellschaftliche Organisationen finanziert. Alle, die Förderungen von Soros erhalten, bezeichnet Orbán öffentlich als dessen Armee, die gegen die Interessen Ungarns agieren würde.
Im Gespräch mit DOSSIER erzählen die Journalist·innen Bodnár und Bodoky von einer ihrer umfangreichen Recherchen: jener zur Batteriefabrik in Göd.
Sie haben etwa über Auskunftsbegehren nach dem ungarischen Informationsfreiheitsgesetz herausgefunden, dass die Fabrik bereits 56 Mal wegen schwerwiegender Mängel beim Brandschutz und der Arbeitssicherheit mit Geldstrafen belegt wurde. 2022 wurde im örtlichen Brunnen die Chemikalie NMP nachgewiesen, ein in der Batterieproduktion gängiges Lösungsmittel, das Ungeborene im Mutterleib schädigen sowie die Atemwege reizen kann.
»Wir von Göd-Ért haben die Untersuchung in Auftrag gegeben«, sagt Zsuzsanna Bodnár. Doch mit ihren Ergebnissen stößt sie bei Ungarns Kommunal- und Bundespolitik auf taube Ohren. Nicht nur misstraut die Umweltbehörde der Untersuchung, sie »weigert sich auch, selbst den Ursprung der Wasserverschmutzung zu untersuchen, da dieser angeblich nicht herausgefunden werden könne. Im Grunde ignorierte man die Ergebnisse«, sagt sie.
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