
Als die Polizei am 8. September 2014 frühmorgens das Büro der gemeinnützigen Ökotárs-Stiftung stürmt, ist niemand da. Die Mitarbeiter·innen nicht und auch nicht die Direktorin Veronika Móra. Verdutzt greift ein Beamter zum Telefon und wählt Móras Telefonnummer. »Ich war noch zu Hause, als die Polizei anrief und fragte, wo ich sei. Ich habe gesagt, es gebe flexible Arbeitszeiten und ich bin da, wenn ich da bin«, erzählt Móra im Gespräch mit DOSSIER.
Bevor sie sich auf den Weg ins Büro macht, verständigt sie ihren Anwalt – und die Medien. Deswegen gibt es auch ein Foto von jenem Morgen, an dem Móra von der Polizei vor ihrem Büro empfangen und schnurstracks wieder nach Hause eskortiert wird. Denn in der Eile hat sie ihren Laptop zu Hause vergessen, sagt sie – und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Beschlagnahmung ihres Computers sowie der darauf gespeicherten Daten muss noch ein bisschen warten.
Seit Viktor Orbán die Geschicke des Landes lenkt, haben Ungarns Behörden schrittweise Maßnahmen gesetzt, um den Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft einzuschränken. Dabei werden kritische Stimmen, die etwa in Nichtregierungsorganisationen (NGOs) oder regierungsunabhängigen Medien vertreten sind, massiv eingeschüchtert und gesetzlich wie polizeilich verfolgt.
Für Schlagzeilen sorgte etwa jene großflächig angelegte Razzia im September 2014, bei der die Polizei die Büros von insgesamt 13 NGOs, teils auch die Wohnungen der Mitarbeiter·innen, durchsuchte – darunter die der Ökotárs-Stiftung.
Die NGO war in Orbáns Visier geraten, weil sie Geld aus dem Ausland bekommt, um ihre eigene und die Arbeit von anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen in Ungarn zu finanzieren. Für Orbán ein Zeichen der ausländischen Einflussnahme auf seine Politik sowie Finanzierung von »Agent·innen«, wie er regierungskritische Vereine und deren Vertreter·innen nennt.
Elf Jahre später ist Veronika Móra immer noch Direktorin von Ökotárs – und weit davon entfernt, dem Druck der Regierung nachzugeben. In ihrem Büro, das im sechsten Stock eines Wohnhauses im fünften Bezirk von Budapest liegt, erzählt sie, wie es damals zur Razzia gekommen war.
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