Nicht einmal 7.000 Menschen wohnen in Neuhofen an der Krems im Bezirk Linz-Land in Oberösterreich – doch im Frühjahr 2026 wird die Kleinstadtidylle plötzlich gestört. »Achtung – Vandalismus«, heißt es Mitte April auf der Website der Ortschaft. Und weiter: »Im Bereich der Sportallee wurden in den vergangenen Nächten mehrere Auto-Heckscheiben eingeschlagen.«
Nur eine Woche später der nächste Vorfall: »Voller Wahnsinn, Bombendrohung bei unserer Schule«, vermeldet der SPÖ-Vizebürgermeister der Gemeinde in einem Video auf Instagram. So etwas habe es noch nie gegeben, es sei die erste Bombendrohung in der Ortschaft gewesen, so der Gemeindevertreter. Er versucht zu beruhigen: Wahrscheinlich sei es eine »leere Bombendrohung« gewesen, von »irgendjemand Lustigem«. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, wer tatsächlich hinter den Taten steckt. Und es gibt keine Hinweise auf ein Motiv.
DOSSIER-Recherchen in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Organisation Cemas zeigen, dass hinter den Taten eine neue Form des Online-Extremismus steckt: die sogenannte nihilistische Gewalt. Und dass sich eine führende Figur der auch als »Com«-Netzwerk bekannten Szene in Oberösterreich niedergelassen hat.
Aufgrund der Brutalität der Täter·innen warnen Europol und das US-amerikanische FBI seit einiger Zeit eindringlich vor der Gefahr, die von dieser Szene ausgeht. Vor allem junge Menschen vernetzen sich in sozialen Medien, meist Telegram oder Discord, um schwerste Gewalt auszuüben. Auch wenn es Überschneidungen zum Rechtsextremismus gibt, lässt sich kein klarer ideologischer Hintergrund erkennen. Die Taten werden wohl aus purem Hass auf die Gesellschaft durchgeführt – und um Anerkennung in den Online-Gruppen zu bekommen.

(Screenshots von Vandalismusvideos aus Neuhofen, die auf Telegram geteilt wurden.)
So auch im Fall Neuhofen. Während Medien im ganzen Land über die Bombendrohung in der Gemeinde berichten, wird die öffentliche Aufregung von einem ominösen Telegram-Kanal, den DOSSIER im Zuge der Recherche zusammen mit Cemas auswerten konnte, gefeiert: »We had some fun« (»Wir hatten ein bisschen Spaß«), schreibt ein User und postet einen langen Thread mit Links zu Medienberichten zu der Bombendrohung. Es folgt ein Bekennerschreiben – »What did I do« (»Was habe ich getan«) – als Kommentar zu einem Video des Polizeieinsatzes an der Schule.
Auch der Vandalismus an den geparkten Autos wird auf Telegram dokumentiert: In einem Video verdeckt zunächst ein Zettel die Sicht, auf dem unter anderem Hakenkreuze zu sehen sind. Dann wird der Zettel weggezogen, und die Person hinter der Kamera schlägt die Heckscheibe eines Pkws mit einem Hammer ein. Die Nummerntafel ist sichtbar: Neben dem oberösterreichischen Wappen steht »LL«, also Linz-Land – zu dem Bezirk gehört auch Neuhofen an der Krems.
Die Hintermänner der Gewalt-Chatgruppen
Warum ereignen sich diese beiden Fälle gerade in einer kleinen oberösterreichischen Gemeinde? DOSSIER-Recherchen weisen darauf hin, dass ein 23-jähriger Mann etwas damit zu tun haben könnte, der in der gewaltbereiten Online-Szene kein Unbekannter ist: ein User, der sich »Riley« nennt.
Da er Missbrauchsdarstellungen von seinen minderjährigen Opfern beschaffte, verbreitete und verkaufte, saß er bis vergangenes Jahr in der Strafanstalt in Codlea, rund 200 Kilometer nördlich von Bukarest. Er wurde vorzeitig entlassen und ist mittlerweile in Österreich ansässig – und zwar in Neuhofen an der Krems. Anhand einer Meldebestätigung konnte DOSSIER seinen Wohnort feststellen: Er ist nur wenige Gehminuten von einem der Tatorte entfernt.
Hilfe im Krisenfall
Berichte über (mögliche) Suizide können bei Personen, die sich in einer Krise befinden, die Situation verschlimmern. Es gibt österreichweite und bundesländerspezifische Anlaufstellen, die Rat und Unterstützung im Krisenfall anbieten. Die österreichweite Telefonseelsorge ist jederzeit unter 142 gratis zu erreichen. Hilfe für junge Menschen bietet auch Rat auf Draht unter der Nummer 147.
»Riley« gehört einer Gruppierung an, die sich »764« nennt und Teil eines Netzwerks ist, in dem auch der bislang bekannteste Täter »White Tiger« operierte. Hinter dem Pseudonym steckt Shahriar J. aus Hamburg, der Mitte Juni 2025 im Alter von 20 Jahren verhaftet wurde. Ihm wird vorgeworfen, über mehrere Jahre hinweg mehr als 30 Kinder und Jugendliche im Alter von elf bis 15 Jahren zu Selbstverletzungen angestiftet und ihnen teils schwere sexuelle Gewalt zugefügt zu haben, darunter sogenannte Cybervergewaltigungen. Eines seiner Opfer soll er gar in den Suizid getrieben haben, weshalb Shahriar J. auch wegen Mordes angeklagt ist.
Typisch für die Vorgangsweise des »White Tiger«-Netzwerks ist das sogenannte Grooming. Dabei täuschen die Täter·innen ein Vertrauensverhältnis vor und versuchen, private Details oder intime Fotos der Opfer zu erlangen, womit diese in weiterer Folge mitunter erpresst werden. Häufig suchen Täter·innen gezielt nach psychisch labilen Jugendlichen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen für psychische Probleme.
Auch »Riley« hat in der Vergangenheit durch die Anwendung von Grooming Minderjährige dazu bewegt, sexuelle Handlungen vor der Kamera durchzuführen – während er zusah und den Bildschirm abfilmte. DOSSIER liegen hunderte Nachrichten aus den letzten acht Monaten vor, die mit dem Alias »Riley« verfasst wurden. Die Informationen in den Nachrichten weisen darauf hin, dass der nun in Neuhofen an der Krems ansässige Mann hinter den Accounts steckt und wieder aktiv im Aufbau von »764«-Gruppen auf Telegram ist.
Der Einblick in die Chats ist erschreckend: Darin finden sich neben gewaltverherrlichenden Postings auch Bilder und Videos von Selbstverletzungen, insbesondere junger Frauen. »Riley« entscheidet als Admin in Gruppen, über die nur mit Einladungslink beigetreten werden kann, wer etwas schreiben darf. Mit seiner Bekanntheit in der Szene lockt er zudem über öffentliche Kanäle neue Mitglieder an.
Seine Sprache ist vulgär. Ständig verwendet er das N-Wort, nennt sich selbst einen Pädophilen und schreibt davon, bald wieder Missbrauchsdarstellungen von Kindern verkaufen zu wollen. Erst kürzlich, am 19. Juni, wird ein Video in einen Kanal gepostet, den DOSSIER »Riley« zuordnet. Es zeigt mehrere unbekleidete, junge Frauen, die sich teilweise am ganzen Körper selbst verletzt haben. Einige haben sich »Riley« in die Haut geritzt. Ob er bereits neue Opfer gefunden hat, seit er aus dem Gefängnis entlassen wurde, oder es sich um alte Aufnahmen handelt, bleibt unklar. Es heißt, dass die Aufnahmen »neu und alt« seien.
Ob »Riley« auch hinter dem Telegram-Kanal steht, auf dem die Videos zum Vandalismus in Neuhofen geteilt wurden, ist unklar. Offiziell wird er nicht als Anführer des Kanals genannt, doch es gibt Verbindungen: In einem Chat, der DOSSIER vorliegt, gibt ein mutmaßlich führendes Mitglied des Kanals an, »Riley« persönlich getroffen zu haben. Auch das Kürzel »764« ist in Videos in der Gruppe zu sehen.
Die direkteste Verbindung zwischen »Riley« und den Vorfällen in Neuhofen ist aber die örtliche Nähe zwischen Wohn- und Tatort: Wer in der Szene Bombendrohungen ausspricht oder Vandalismusakte initiiert, möchte in der Regel in der Nähe sein, um die Reaktionen der Polizei und der Passant·innen zu dokumentieren. Nur so kann die Anerkennung für die Taten eingeholt werden.
Schwer fassbare Abgründe
Cemas gilt im deutschsprachigen Raum als Vorreiterin bei der wissenschaftlichen Untersuchung des neuartigen Phänomens, das sie »Nihilistic Violent Extremism« nennt. In einem Bericht von Ende Mai wird die »Gewalteskalation als System« beschrieben. Während einzelne Community-Mitglieder die Gewalt online ausüben – die ersten Taten von »White Tiger« und »Riley« wurden noch gänzlich vom Computer aus durchgeführt –, scheint die Gewalt nun auch vermehrt offline begangen zu werden.
Bereits bei der ersten Festnahme von »Riley« fanden rumänische Behörden auf seinem Computer Dateien, die zeigen, wie man Bomben, Drogen und Waffen herstellen kann. Neben Grooming, Bombendrohungen und Vandalismus zählen auch körperliche Übergriffe zum Spektrum der gewaltbereiten Szene.
Die scheinbare Willkür der Taten stellt Behörden und Forschungsinstitute vor zahlreiche offene Fragen. »Die Entstehung dieser Communitys hat sich schon vor zehn Jahren abgezeichnet. Insbesondere in den letzten Jahren ist daraus ein Netzwerk hervorgegangen, das nur schwer zu erfassen ist und zu dem es bisher kaum Forschung gibt. Die Gewalteskalation, die bis zur Planung von Terroranschlägen reicht, wird maßgeblich durch den Hass auf die Gesellschaft und die Community-Dynamik beeinflusst«, sagt der Extremismusexperte Thilo Manemann von Cemas im Gespräch mit DOSSIER.
Österreichs Behörden reagierten spät

International wird die Bedrohung durch die Gewaltnetzwerke ernst genommen: Im Jänner 2025 warnte Europol vor der Ausbreitung von internetbasierten Gruppierungen, die sich durch den gewalttätigen Missbrauch von Kindern auszeichnen.
Auch das FBI warnte wiederholt vor der Gefahr – zum ersten Mal bereits 2023. In Deutschland ist die Öffentlichkeit spätestens seit der Festnahme von »White Tiger« im Juni 2025 alarmiert. In Österreich wurden die Behörden allem Anschein nach aber erst vor kurzem tätig.
Bereits Anfang Mai stellte DOSSIER eine erste Anfrage an die Sicherheitsbehörden, mit dem Hinweis, dass der Redaktion »Informationen zu konkreten Fällen in Österreich« vorliegen. Doch ein Gesprächstermin wurde vom zuständigen Bundeskriminalamt (BKA) erst für Mitte Juni zugesagt, rund fünf Wochen später. Vor der DOSSIER-Anfrage hatte Österreichs Polizei zumindest nach außen hin noch keine Schritte zur Aufklärung über die Bedrohungslage gesetzt – erst seit Anfang Juni informiert das BKA auf einer eigenen Website über die Gefahr.
Auf einen schriftlichen Fragenkatalog bekommt DOSSIER lediglich eine allgemeine Antwort per E-Mail zurück. Das BKA habe im März 2026 eine Arbeitsgruppe mit dem Namen »The Com« eingerichtet, heißt es darin. Derzeit werde eine Analyse durchgeführt, um ein »möglichst umfassendes bundesweites Lagebild zu diesem Phänomen in Österreich zu erstellen«.
Auf das Angebot von DOSSIER, die Recherchen mit ihnen vor der Veröffentlichung zu teilen, gehen die Behörden nicht ein. Wie viel dem BKA über die Fälle in Oberösterreich und den Aufenthalt von »Riley« bekannt ist, bleibt unklar. »Wir ersuchen um Verständnis, dass zu laufenden Ermittlungsverfahren keine Auskünfte erteilt werden können«, heißt es am Ende der E-Mail.
Europol hat im Jänner 2025 eine Arbeitsgruppe eingerichtet, bei der Sicherheitsbehörden weltweit vernetzt werden – von den USA bis Österreich. Im Rahmen des sogenannten Project Compass konnten bereits 30 Täter·innen festgenommen werden. Die Überwachung von Verdächtigen und Täter·innen liege im Zuständigkeitsbereich der nationalen Behörden, schreibt eine Europol-Sprecherin auf DOSSIER-Anfrage. Zu konkreten Fällen gibt es von Europol keine Auskunft.
Unklarheit über Aufenthaltsort von »Riley«
Wo sich »Riley« aktuell befindet, ist unklar. Laut Justizquellen aus Rumänien hat er über die vergangenen Monate hinweg Belege dafür vorgelegt, dass er sich in Italien aufhält und dort arbeitet. Die vorliegenden Chats und die Meldebestätigung deuten hingegen darauf hin, dass er sich in Österreich befindet.
DOSSIER hat »Riley« auf Telegram angeschrieben, ihn mit den Recherchen konfrontiert und eine knappe Antwort erhalten: Er streitet die Vorwürfe nicht ab, behauptet jedoch, er sei in keine illegalen Aktivitäten involviert. Fragen beantwortet er nicht. Ein Interview gebe er nur gegen Bezahlung, schreibt er uns auf Telegram zurück.
