Prolog

Die fantastische Welt der Handelsriesen

Aktionen und Ausbeutung. Billig und Bio. Sparsamkeit und Verschwendung. In der Welt von Spar, Rewe und Hofer gehören Gegensätze zum Alltag. Einkäufer, Geizhälse, Wucherer: Im Irr­garten der Supermärkte tummeln sich viele seltsame Geschöpfe. Spannender Stoff aus einem Reich der Riesen.

Text: Georg Eckelsberger, Ashwien Sankholkar; Illustration: S. R. Ayers

Supermärkte26.9.2020 

Der märchenhafte Aufstieg der drei Riesen, um die es in diesem Magazin geht, begann vor langer, langer Zeit. Alles nahm seinen Ausgang mit ein paar Greißlern, die auszogen, um ihr Glück zu machen. Solche Persönlichkeiten – so sagt man gemeinhin – gibt es heute gar nicht mehr: den geizigen Karl Wlaschek etwa, der sich, ganz anders als Hans im Glück, vom fast mittellosen Barpianisten zum Milliardär hochgehandelt hat. Er begann damit, Seifen und Parfums zu verkaufen, und endete als Herr über das Billa-Reich – über dem die Sonne zwar täglich unterging, aber an dem niemand in Österreich mehr vorbeikonnte.

Oder das wehrhafte Spar-Trio: Hans Reisch, Luis Drexel und Friedrich Poppmeier, drei rebellische Kaufleute, die ihre Gilde um sich scharten, um sich der Gefahr aus dem Osten entgegenzustellen. Damit begründeten sie eine Dynastie, in der das Zepter bis zum heutigen Tag Generation für Generation weitergegeben wird.

Und da wären noch die fleißigen Aldi-Brüder, die ihre Waren billiger als alle anderen anboten und zu den reichsten Männern im ganzen Land wurden. Die Last ihres Reichtums spürten sie wohl, denn sie wurden misstrauisch und scheuten fortan die Öffentlichkeit – ihr Handelsimperium lenkten sie dennoch mit strenger Hand aus dem Verborgenen.

So unterschiedlich diese Männer waren, so haben sie doch alle etwas gemeinsam: Sie haben Riesen erschaffen, die sie selbst, ihre Schöpfer, überlebt haben – und die seither unaufhörlich weiterwachsen.

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Fabelhaft für die einen, bedrohlich für die anderen ist die Macht der drei Giganten, die heute die Lebensmittelversorgung in Österreich kontrollieren. Fast 90 Prozent Marktanteil vereinen die drei Handelskonzerne Spar, Rewe (Billa, Merkur, Penny) und Hofer auf sich. Angesichts dieser Marktmacht werden nicht nur Mitbewerber zu Zwergen, sondern auch Großbauern, Molkereien und Industriemagnaten – ja selbst wortgewaltige Politikerinnen und Politiker kommen ins Stottern, denn ohne die großen drei geht in Österreich nichts. Das hat die Corona-Krise deutlich gemacht.

Während das Land stillstand, blieben ihre Schiebetüren offen. »Systemrelevant« nannte man sie. Ein technischer Begriff für eine simple Tatsache: Die großen Supermärkte sind für Österreich überlebenswichtig. Dieser Verantwortung seien sie sich bewusst, sagen ihre Vertreter. Das wird gebetsmühlenartig betont: Fast demütig treten jene auf, deren Job es ist, für die Handels­riesen ins Licht der Öffentlichkeit zu treten. Jene, die tatsächlich etwas zu sagen haben, meiden dieses oft. Makellos soll das Bild nach außen sein. Am besten unsichtbar soll die gigantische Maschinerie bleiben, die hinter den Regalen und Feinkosttheken steckt.

»Gemeinsam für ein besseres Leben«, heißt es salbungsvoll in großen Lettern im gläsernen Eingangsbereich der Rewe-Konzernzentrale in Wiener Neudorf, Niederösterreich. Und: »Wir handeln für den Kunden.« Damit, das merkten wir bei unseren monatelangen Recherchen, lässt sich fast alles rechtfertigen: mit dem Wohl der Kunden.

Ihre Macht beziehen die Handelsriesen letztlich von den Konsumenten, die bei Rewe, Spar und Hofer in die Regale greifen. In ihrem Selbstbild dienen uns die großen Supermärkte. Sie sind unsere Anwälte, unsere Verhandlungsführer, unsere Interessenvertreter. Sie besorgen uns, was wir wollen. Sie handeln Deals für uns aus, achten auf die Qualität, schützen unsere Gesundheit, und natürlich: Sie drücken den Preis, damit wir nicht übervorteilt werden.

Verlangt ein Lieferant Wucherpreise, spürt er den Zorn der Riesen. Doch dieses Szenario gibt es nur noch in der Theorie: Kein Lieferant kann es sich heute leisten, einen der großen drei zu verärgern. Dass es in einem solchen Spiel nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer gibt, liegt auf der Hand. Doch der Handel achtet darauf, dass wir Konsumentinnen und Konsumenten zu Ersteren gehören. Ein gutes Gefühl, oder? So weit die Theorie.

Der Schatten der Handelsriesen

Vieles von dem, was Billa und Co erzählen, ist mit Vorsicht zu genießen: Es sind Werbebotschaften. Und Werbung schafft Scheinwelten. Sie kreiert Bedürfnisse – meist zu einem bestimmten Zweck: mehr Konsum, koste es, was es wolle. In Wahrheit leben die Supermarktgiganten in einer Märchenwelt, die sie sich geschaffen haben: das Spar-Börserl, der Billa-Hausverstand oder die Hofer-Rapper. Der Bauer mit dem sprechenden Schweinderl steht ebenso auf der Payroll der Konzernbosse wie der gemütliche Hofstädter-Fleischhauer mit dem Schnauzbart.

Hinterfragt wird all das zu selten. Das hat nicht nur damit zu tun, dass der Journalismus in Österreich am Werbetropf der drei Riesen hängt. Das liegt auch daran, dass wir, die Kundinnen und Kunden, es oft gar nicht so genau wissen wollen – denn wir haben uns gut eingelebt in der Märchenwelt, die uns die Handelsriesen vorgaukeln: Da ist billig und fair kein Widerspruch. Da wachsen exotische Früchte im Winter. Da flattern die Brathendln zum Spottpreis herum, als wären wir im Schlaraffenland.

Die großen Supermärkte tragen freilich nicht die alleinige Verantwortung, das wäre zu einfach. Trotzdem: Ohne sie sähe die Welt heute anders aus. Es begann vor ziemlich genau 70 Jahren. Damals eröffnete der erste Supermarkt des Landes – in der Wiener Straße in Linz. Es war der Beginn des Siegeszugs, der Emanzipation der Kundinnen und Kunden.

Die ersten Filialen wurden von Konsumgenossenschaften betrieben. In der jungen Republik war das ein mutiges Statement gegen das vorherrschende Diktat der bürgerlichen Kaufmannschaften. Zur Selbstermächtigung der Kunden gehörte auch, sich an den Regalen selbst zu bedienen, heute eine Selbstverständlichkeit.

Als Speerspitze dieser sprichwörtlich freien Marktwirtschaft fungierte ausgerechnet der gewerkschaftsnahe Konsum. Die Innovationen des »roten Riesen«, etwa gemeinsame Beschaffung oder die Errichtung von Großmärkten, holten die Bürgerlichen aus ihrem Dornröschenschlaf. Nicht nur im ländlichen Raum, wo selbstständige Kaufleute den Handel dominierten, sondern auch bei den städtischen Greißlern grassierte das Konsum-Virus. Sie mussten mitziehen: mit Aktionen, Sonderangeboten und größerem Produktsortiment. Die meisten konnten sich das nicht leisten. Darum ist der Konsolidierungspfad im Lebensmitteleinzelhandel vollgepflastert mit Opfern.

Hunderte Greißler, die Gourmetmärkte von Julius Meinl, der preisgünstige Zielpunkt und selbst der einst so mächtige Konsum sind in den Nebeln von Avalon verschwunden. Überlebt haben Spar, Rewe und Hofer und eine kleine Gruppe von Däumlingen. Letztere wurden von den Riesen verdrängt. Mit rund zehn Prozent Marktanteil bleibt ihnen derzeit ein Reservat im Märchenwald.

Die großen drei haben es ganz unterschiedlich nach oben geschafft. Ihr Weg war zwar steinig, aber für die Eigentümer lukrativ.

Milliardenschwer ist das Vermächtnis der Aldi-Brüder und von Billa-Gründer Wlaschek. Und selbst die weitverzweigte Spar-Dynastie, die aus der Not heraus entstanden ist, stellt mittlerweile eine einflussreiche Millionärskaste.

Der Antrieb für den rasanten Aufstieg der drei Riesen war und ist ihr unersättliches Streben nach mehr: mehr Auswahl, mehr Filialen, mehr Kunden – mehr Geld. Dass die Grenzen des Wachstums in Österreich längst erreicht sind, wie ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt, kümmert sie nicht.

Die Konzernstrategen suchen verbissen nach neuen Wegen, um Umsatz zu generieren – auch auf Kosten der Umwelt. Das Märchen vom Wolf mit den drei Schweinchen wird auf den Kopf gestellt. Ein kleiner Nahversorger nach dem anderen wird von Rewe, Spar und Hofer weggepustet. Und im Kampf um Markt­anteile wird das Land regelrecht zubetoniert: Neue, größere Filialen entstehen, alte Märkte bleiben als Mahnmal zurück. Die Politik agiert wie ein zahnloser Wolf: Anstatt kräftig zu beißen, wird tatenlos dabei zugeschaut, wie Steuergeld verschleudert und die Umwelt zerstört wird. Der Filialexpansion wird kein Einhalt geboten.

Mit zunehmender Machtkonzentration steigt die Gefahr des Missbrauchs. Besonders deutlich wird das nach Lektüre von Kartellgerichtsakten.

Die dunkle Seite der Macht des Lebensmittelhandels offenbarte sich nicht sofort, sondern nach intensiven Ermittlungen. Die Wettbewerbsbehörde deckte ein Sternkartell auf, mit dem Rewe und Spar über Jahre durch vertikale Preisabsprachen mit Lieferanten ihre Marktmacht missbraucht haben. Dafür hagelte es der Reihe nach millionenschwere Bußgelder. Während sich Rewe rasch mit den Kartellwächtern einigte und freiwillig Buße tat, suchte Spar-Imperator Gerhard Drexel den offenen Konflikt – und kassierte eine Rekordstrafe. Von der Kartellkeule haben sich die Wölfe zwar längst erholt, aber die Geißlein fürchten sich weiterhin.

Mitgehangen, mitgefangen. Im Krieg des Sternkartells wurden auch Lieferanten zu Geldstrafen verdonnert. Wenige Hersteller waren freiwillig dabei. Sie waren zum Mitmachen gezwungen, weil sie keine Wahl hatten, denn die Verhandlungsmacht ist ungleich verteilt. Wer den Vorstellungen des Handels nicht entspricht, muss um seine Existenz fürchten. Für viele Lebensmittelproduzenten ist der Dämon der Auslistung ein ständiger Begleiter, der vielen Meistern dient. Einmal im Jahr ist er bei den Jahresgesprächen dabei, wenn sich die Hersteller mit Vertretern der großen Ketten treffen. Da wird nicht nur über neue Produktideen gesprochen, sondern vor allem über Zahlen: die Umsatzentwicklung im letzten Jahr, die Aktionsangebote für die nächsten zwölf Monate und vor allem übers Geld.

Einkaufspreise, Marge, Listungsgebühren, Werbekostenzuschläge: Die Einkäufer haben viele Begehrlichkeiten und ziehen den Lieferanten oft das letzte Hemd aus.

Die Vorgaben für die Einkäufer sind klar und simpel: hohe Umsätze generieren, geringe Kosten verursachen. Umweltschutz und nachhaltiges Wirtschaften wird zwar in der Werbung gerne strapaziert. Schön und gut, die Werbemärchen. In der Realität sehen sich die Supermärkte nicht als Erziehungsanstalten für ökologische Bewusstseinsbildung oder eine ressourcenschonende Lebensweise. »Was der Kunde nicht nachfragt, das bieten wir nicht an ...« – da wäre sie wieder, die allgegenwärtige Zauberformel.

Man hört sie auch, wenn man versucht, einen Blick hinter die gigantischen Müllberge aus Lebensmitteln zu werfen, mit denen sich der Handel längst arrangiert hat – die er sogar einkalkuliert. Weil die Bilder von Brot und Obst im Mistkübel in einer vernetzten Welt gar nicht gut fürs Saubermann-Image von Billa und Spar sind, wird das Thema Lebensmittelverschwendung nur oberflächlich behandelt: Übrig gebliebene und noch nicht abgelaufene Produkte werden an Sozialmärkte oder karitative Einrichtungen gespendet oder kurz vor Ladenschluss verschleudert. So wird das Wegwerfproblem aus den Filialen exportiert. Das nachhaltige Problem der Überproduktion wird nicht behandelt. Wenn Mülltonnen vor den Filialen mit Schlössern versperrt oder von Sicherheitsleuten bewacht werden, um den Diebstahl weggeworfener Lebensmittel zu verhindern, dann wird deutlich: Die Supermarkt-Strategen leben noch im Traumland, wo das Regal immer voll sein muss. Die negativen Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft werden damit gerechtfertigt, dass nur Kundenwünsche erfüllt werden. Die alte Leier.

Im Narrativ der Supermärkte stehen die Menschen stets an erster Stelle. Tischlein, deck dich. Der Konsument wünscht sich tiefe Preise, endlose Regale und ein allumfassendes Sortiment. Wer die Wahl hat, hat die Qual – und wird auch immer wieder überrascht, wie eine Analyse des Online-Sortiments zeigt.

Oder wussten Sie, dass Sie in Österreich 50 Varianten von Reis und 30 Sorten Kuhmilch allein bei Billa und Interspar bestellen und sich nach Hause liefern lassen können? Das Produktangebot wächst seit Jahren. Was Konsumentinnen und Konsumenten nicht auf die Nase gebunden wird: der triste Alltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Im Umgang mit den mehr als 100.000 Beschäftigten des Lebensmitteleinzelhandels zeigen die Handelsriesen ihr wahres Gesicht. In der Corona-­Krise wurde zwar kurz ins Bergwerk hinein­geleuchtet. Gerade so weit, um die Heldinnen und Helden vor den Vorhang zu holen, aber nicht tief genug. Die Schachtanlagen und Schürfgruben, in denen vor allem Frauen zu niedrigen Löhnen und langen Arbeitszeiten schuften, wurden ausgespart: die ganz normale Ausbeutung.

Die moderne Knechtschaft, der Politik und Gewerkschaft oft tatenlos zuschauen, wird als gegeben hingenommen. Es klingt absurd: Die Legion der Superhelden im Handel ist schlechter organisiert als die Bediensteten der Wiener Müllabfuhr. Anders als Bauern und Beamte haben Kassiererinnen und Regalbetreuer keine starke Lobby hinter sich, weshalb ihre Anliegen kaum Gehör finden.

Tatsächlich hat bei den großen Ketten der Mammon immer das letzte Wort: Wenn der Handel Rabatte gewährt, dafür, dass man sich zum gläsernen Kunden macht, dann tut er das, weil es sich rechnet.

Doch Vorsicht. Ist der Geist einmal aus der Flasche, bekommt man ihn schwer wieder hinein. Ähnlich wie bei der grassierenden Aktio­­­­­­­n­itis – dabei versteckt sich hinter den unzähligen Aktionsschildern die bittere Tatsache, dass wir in Österreich mehr für dieselben Lebensmittel bezahlen als etwa in Deutschland.

Und damit ist noch nicht Schluss: Längst haben die Riesen ihre eigene goldene Gans entdeckt; ihre Eigenmarken, durch die sie vom Händler zum Produzenten geworden sind. Sie füllen ihre Regale mit unterschiedlich verpackten Waren, hinter denen ohnehin meist die gleichen Hersteller stehen.

Und wenn es Regeln oder Gesetze gibt, die nicht passen, dann werden sie einfach umgangen: Ganz ohne »Sesam, öffne dich« drangen die Riesen in die Tankstellenshops vor und trugen still und heimlich die Sonntagsruhe zu Grabe, während die hohe Politik mit der Gewerkschaft und den Geistlichen noch in ideologisch-philosophischen Grundsatzdiskussionen steckt.

Doch was anderes hätten Sie sich erwartet von Riesen, die Abbilder ihrer Schöpfer geblieben und mächtiger als je zuvor sind? Jene, die sich auskennen, die vielen Expertinnen und Experten, mit denen wir im Laufe der Recherche gesprochen haben, haben jedenfalls eine klare Empfehlung an uns alle: dass wir künftig genauer hinschauen, ein zweites Mal nachdenken, mehr hinterfragen.

In diesem Sinne laden wir Sie ein: Machen Sie sich gemeinsam mit uns auf die Suche nach der Moral von der Geschichte. Denn die meisten von uns sind ein wenig zu alt für Märchen.