Der mystische Abgrund

In Kooperation mit Hetq

Als uns im Herbst 2016 die armenische Rechercheplattform Hetq fragte, ob wir gemeinsam eine Wiener Musikschule untersuchen wollen, weckten die Kolleginnen und Kollegen unsere Neugier. Wir ahnten nicht, dass uns diese Recherche fast ein Jahr lang beschäftigen und wir dabei auf ein international agierendes und undurchsichtiges Netzwerk stoßen würden.

Ausgehend von Wien-Meidling, führte die Recherche nach Bosnien, Armenien, Russland, China und in die Schweiz. Rund um die Musikausbildung in Österreich haben sich Agenturen angesiedelt, die Geschäfte mit Aufenthaltsbewilligungen und Diplomen machen.

Wir stießen auf falsche akademische Abschlüsse, auf eine Stiftung, deren Eigentümer und Firmensitz in keiner Datenbank auftauchen; auf Geschäftsbeziehungen, die im Zuge unserer Nachforschungen von Firmenseiten verschwinden, und auf vermeintliche Geschäftspartner und Professoren, die auf Nachfrage jegliches Engagement an der Wiener Musikschule abstreiten.

Willkommen in der Welt des Richard-Wagner-Konservatoriums. Eine Welt der klassischen Musik – und der profitablen Geschäfte. Die Musik ist hier Mittel zum Zweck. Gemeinsam mit dem Investigativ-Team von Hetq haben wir akribisch jene Spuren verfolgt, die zu einer der einflussreichsten Familien in Armenien führen, zu Scheinfirmen, Geldwäscheaffären und seltenen Sammlerinstrumenten als Wertanlage.

Es ist wie im Bayreuther Festspielhaus, in dem das Orchester nicht zu sehen, aber zu hören ist. Der große Komponist Richard Wagner hatte sich das ausgedacht: Er wollte keine Pulte sehen, keine Instrumente und keine Musiker. So schuf er den „mystischen Abgrund“ im Orchestergraben, der bis heute als eines der Wahrzeichen des Festspielhauses gilt. Ähnlich verhält es sich mit den Geheimnissen dieser Wiener Musikschule.


Die Recherchen zum Richard-Wagner-Konservatorium in Kooperation mit der armenischen Rechercheplattform Hetq wurden von „Reporters in the Field“ der Robert-Bosch-Stiftung finanziell unterstützt.