Gefallen

Red Bull macht mit lebensgefährlichen Stunts Werbung, immer wieder sterben dabei Menschen. Wie weit darf Vermarktung gehen?

Text: Georg Eckelsberger

Red Bull12.2.2021 

In diesem Artikel finden Sie Links zu Original-Dokumenten aus der Recherche.

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Risiko war das Geschäft des Versicherungsberaters Ueli Gegenschatz. Gegen eine Prämie nahm er es seinen Kunden ab. Risiko war auch seine Leidenschaft. Als »Sputnik« stürzte er sich tausende Male aus Flugzeugen, Helikoptern oder von Bergklippen. Allein 1.500 »Objektsprünge« wagte der Schweizer, so heißt Basejumping in der biederen Fachsprache.

Sputnik sprang 2002 unter anderem vom damals mit 452 Metern höchsten Gebäude der Welt, den Petronas ­Towers in Malaysia. 22-mal hintereinander, wie es heißt. Am 11. November 2009 springt Gegenschatz für seinen Sponsor Red Bull vom Dach des nur 88 Meter hohen Sunrise Tower in Zürich. Niedriger, das heißt beim Basejumping gefährlicher. Diesmal geht es nicht nur um Adrenalin, es geht ­darum, den Start des Mobilfunkangebots Red Bull Mobile zu bewerben.

Sputnik springt ab, öffnet sofort den weißen Red-Bull-Schirm, doch auf dem Weg nach unten bleibt er mit dem Bein an einem niedrigeren Teil des Gebäudes hängen und verliert die Kontrolle. Er stürzt ab, verletzt sich schwer. Zwei Tage später verstirbt der 38-­Jährige im Krankenhaus.

Gegenschatz wird posthum zur Symbolfigur der Kritiker von Red Bulls halsbrecherischem Eventmarketing. Immer wieder fordert es Opfer: ­DOSSIER stieß auf zehn Sportler und eine Sportlerin, die über die Jahre bei Red-Bull-Veranstaltungen verstorben sind.

Schon früh beginnt Dietrich Mateschitz, Extremsportler zu sponsern. Im Gegenzug tragen diese das Red-Bull-Logo, während sie den Kick suchen und manche dabei den Tod finden. Ulrich Grill zählte zu den Pionieren. 1995 gründet er gemeinsam mit Hannes Arch und Andreas Hediger das Red Bull Acro Team: »Wir waren alle Freaks. Hannes und Andy im Paragleitkunstflug, ich im Hängegleiterkunstflug.« ­Mateschitz finanziert das Kunstflugteam. Bald stößt Ueli »Sputnik« Gegenschatz dazu. Drachenflieger Guido Gehrmann und Felix Baumgartner (Stratos) fliegen auch für Acro.

Heute ist die Hälfte des genannten Teams tot: Vier Jahre nach Gegenschatz stürzt Gehrmann, im Zivilleben zunächst Lufthansa-, dann Flying-Bulls-Pilot, auf dem Rückflug von einer Red-Bull-Flugshow im Zillertal in den Tod. Hannes Arch drei Jahre später: Sein tödlicher Helikopterabsturz im Großglocknergebiet im September 2016 hat mit Red Bull nichts zu tun.

Trotzdem reagiert der Konzern denkbar unglücklich. DOSSIER liegt eine E-Mail vor, die tags darauf die Runde macht. Beim Red-Bull-Sender Servus TV will man sich von Arch, der vor seinem Tod mehr als zwanzig Jahre lang Aushängeschild der Marke gewesen ist, distanzieren: »Sollte (sic!) ihr in naher Zukunft etwas zu Hannes auf euren Privatseiten oder den STV-Profilen veröffentlichen, dann bitte Hannes Arch immer als Air-Race-Piloten und nicht als Red-Bull-Sportler bezeichnen«, so die Anweisung an die Mitarbeiter.

Red Bull stand zuvor für seinen Umgang mit dem Tod von Sportlern auch öffentlich in der Kritik. Nachdem der Basejumper und Freeskier Shane McConkey 2009 in den Dolomiten bei Red-Bull-Dreharbeiten stirbt, veröffentlicht das Red Bull Media House die Kinodoku McConkey. You Have Only One Life. Live It. und klappert damit Filmfestivals ab. Die Einnahmen gehen an die Hinterbliebenen, die kontroverse Diskussion über den Film heizt das Interesse weiter an.

Red Bull verdient Geld damit, dass andere ihr Leben riskieren – doch trägt der Konzern auch eine Verantwortung, wenn etwas schiefgeht? »Der Mensch ist ein Individuum. Jeder muss selbst entscheiden, welches Risiko er eingeht«, sagt Ulrich Grill und bringt es aus Sicht von Red Bull auf den Punkt. Dagegen lässt sich wenig sagen.

Ebenso unbestritten: Das massive Sponsoring von Red Bull, die Heldenmythen, die Videos haben Extremsport wie Basejumping immer populärer gemacht ­– damit stieg die Zahl der Todesfälle. Insgesamt 374 tödliche Abstürze listet das Basejumping-Magazin BLiNC aktuell in seiner Datenbank – die meisten davon im Wingsuit: 167 Springer trugen Flügel, als sie starben.