
Schon 1920 erscheint Everett Dean Martins Buch The Behavior of Crowds, das Verhalten der Massen. Darin stellt Martin das seiner Ansicht nach größte Dilemma der Moderne dar: eine technologische Informationsrevolution, die es in Ermangelung eines damals angemessenen Bildungssystems ermöglicht, unwissende Menschen mit Halbwahrheiten und Propaganda zu beeinflussen.
1929, kurz nach Erscheinen von Bernays’ Werk, tragen die beiden ihre diametral entgegengesetzten Sichtweisen auf die Gefahren und Möglichkeiten der Propaganda in der Streitschrift Are We Victims of Propaganda? aus. Wenig überraschend sieht Bernays Propaganda auch in einer Demokratie als unvermeidliches und oft sinnvolles Mittel zur Lenkung der Gesellschaft.
Da die meisten Menschen gar nicht die Zeit oder das Wissen hätten, sich mit allen gesellschaftlich relevanten Themen tiefgehend zu befassen, seien »unsichtbare« Meinungsführer·innen, die Propagandist·innen, erforderlich, um die öffentliche Meinung zu formen und zu lenken.
Einspruch!, entgegnet Martin. »Welche Qualifikationen besitzen diese unsichtbaren Regierenden? Wer sind sie, dass sie befehligen sollten? Welche Tugend oder Weisheit besitzen sie? Damit es in der Gesellschaft Stabilität oder Ordnung geben kann, müssen die Regierenden zumindest bekannt sein und gewisse Anforderungen an sie gestellt werden; sonst ist ihre Herrschaft reine Unverschämtheit. Wann waren die wenigen Regierenden zuvor so unbekannt und daher so verantwortungslos?«
Martin verweist darauf, dass die Methoden der Propaganda einst im Krieg entwickelt wurden und diese »Kriegspsychologie« nun angewendet werde, »um beliebige Ziele zu erreichen«.
Dabei würden »Vorurteile, Leidenschaften und fixe Ideen des Pöbels« für die jeweils passenden Zwecke eingesetzt. Auch deswegen sieht Martin die Gefahr, dass Propaganda das kritische Denken zerstöre und die Demokratie in eine manipulative Herrschaft der Wenigen verwandle. Denn Propaganda sei »niemals uneigennützige Information«.
Der Propagandist verfolgt einen Hintergedanken. Er nutzt Informationen oder Fehlinformationen für andere Zwecke. Ihm gehe es nicht »um die Erlangung oder Verbreitung von Wissen«. Selbst Verfechter·innen von Propaganda würden offen zugeben, dass diese auch »für böse Zwecke eingesetzt« würde. Daher gebe es je nach den verfolgten Zielen gute und schlechte Propaganda.