Ultimatum für den Vorstand

Nach DOSSIER-Berichten geriet OMV-Boss Rainer Seele schwer in die Kritik. Am Montag verkündete die OMV sein Ende als Vorstand. Zuvor musste Seele zum Rapport und der OMV-Betriebsrat lieferte sich einen Schlagabtausch: über die Hintergründe von Seeles Abgang.

Text: Ashwien Sankholkar

OMV27.4.2021 

Aufmacherbild: Hans Punz / APA / picturedesk.com

Plötzlich ging es ganz schnell. Eine knappe Presseaussendung, schon war das Ende der Ära Seele bei der OMV eingeläutet. Vorstandsvorsitzender Rainer Seele räumt mit Ende Juni 2022 sein Büro. Eine Option auf eine einjährige Verlängerung seines Vertrages ist damit vom Tisch.

Seit zwei Wochen steht Seele in der öffentlichen Kritik. Die OMV soll unter seiner Führung Fridays-for-Future-Klimaschützer und Greenpeace-Umweltaktivistinnen überwacht haben. Zudem ermittelt die Datenschutzbehörde wegen möglicher Datenschutzverstöße bei der Untersuchung von E-Mail-Accounts und Diensthandys von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Als öffentlich bekannt wurde, dass die OMV DOSSIER nach kritischen Berichten verklagt hatte, folgte der nächste öffentliche Aufschrei – Seele solle sich nicht damit beschäftigen Medien zu klagen, sondern die Vorwürfe aufklären, so etwa Infrastrukturministerin Leonore Gewessler (Grüne). Auch hinter den Kulissen wurde der Druck einstweilen immer größer.

Am Wochenende eskalierte der interne Konflikt an zwei Fronten: Zum einen kam es zum Kräftemessen innerhalb der Belegschaftsvertretung, zum anderen zwischen Betriebsrat und dem Boss. Der Höhepunkt: Die Betriebsräte forderten Auskunft über die mutmaßlichen Überwachungsaktivitäten des Vorstands und stellten Seele ein Ultimatum.

Sollte der Konzernboss bis Montag, 9 Uhr nichts auf den Tisch legen, würden die Betriebsräte ihre Auskunftsrechte einklagen.

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Schlagabtausch am Samstag

Bis zum Wochenende war die Kritik an Seele so laut geworden, dass OMV-Aufsichtsratsvorsitzender Mark Garrett den Vorstandsvorsitzenden zum Rapport bat.

Im Vorfeld des sonntäglichen Gipfeltreffens ging es darum, den Rückhalt der Belegschaft zu sichern. Aufseiten Seeles stand Raffinerie-Betriebsrat Herbert Lindner, auf der anderen die frischgebackene Konzernvertretung der OMV-Borealis-Gruppe unter dem Vorsitz von Alfred Redlich.

Mit offenen Briefen an die Belegschaft führten die Betriebsräte das Hickhack. Lindner – er sitzt auch im Aufsichtsrat der Staatsholding Öbag – versuchte die verunsicherte Belegschaft von Seele zu überzeugen.

„Aufgrund der letzten Pressemeldungen, vor allem der letzten Artikel auf Dossier.at, habe ich eine unüblich große Anzahl von besorgten Anfragen bekommen“, schreibt Herbert Lindner in seinem offenen Brief. „Kolleginnen und Kollegen machen sich Sorgen und verstehen nicht warum interne Diskussionen nicht wie in der OMV-Kultur üblich, intern, sondern über diverse Medien ausgetragen werden.“ Lindner verteidigte den Vorstand und attackierte stattdessen kritische Betriebsräte. Eines der Themen: der Sozial- und Wohlfahrtsfonds der OMV.

Zur Erinnerung: Seele hatte die Betriebsvereinbarung zum Fonds zu Jahresbeginn gekündigt. Sie war die rechtliche Basis dafür, dass in Not geratene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit vom Betriebsrat unterstützt werden dürfen. Weil die angekündigte Neuaufsetzung des Fonds noch immer auf sich warten ließ, hatte es Verunsicherung und Kritik am Vorstand gegeben.

Der Streit eskalierte beim zweiten großen Thema des Schlagabtauschs: den möglichen Datenschutzverstößen gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

„Herbert Lindner vertritt als Zentralbetriebsratschef die Belegschaft der Downstream GmbH. In seinen Bereich fallen daher auch die mutmaßlich unrechtmäßigen Mitarbeiteruntersuchungen, die mittlerweile zu Ermittlungen der Datenschutzbehörde und medialer Aufmerksamkeit geführt haben“, heißt es in der Replik des Konzernbetriebsratschefs Alfred Redlich. „Statt sich gegen die skandalöse Vorgehensweise des Unternehmens und vor die Mitarbeiterinnen der Downstream GmbH zu stellen, verwendet Herr Lindner seine Zeit leider lieber dafür, die Agenda des – stark in die Kritik gekommenen – Generaldirektors Seele zu vertreten.“

Sowohl im Ö1-Mittagsjournal als auch gegenüber der Nachrichtenagentur APA hatte Lindner den angeschlagenen Vorstandsboss wortgewaltig verteidigt. Das ging Redlich zu weit: „Wir als Belegschaftsvertretung des Gesamtkonzerns haben keine unbotmäßige Nahebeziehung zu Herrn Seele und können stolz behaupten, unabhängig von Einflussnahmen des Managements oder anderer Gruppen ausschließlich im Interesse der Belegschaft zu agieren.“

Ultimatum für das Auskunftsbegehren

Die Konzernbetriebsräte rund um Redlich wollten es wissen: „Deswegen haben wir auch ein dringendes Auskunftsersuchen an den Vorstand beziehungsweise Compliance und Human Ressource geschickt, um endlich sämtliche Informationen und Unterlagen zu den – schon wegen der Nichteinbeziehung des Betriebsrats – rechtswidrigen Screenings von Handys und E-Mails von zahlreichen Mitarbeiterinnen zu erlangen.“

Eine frühere Auskunft sei unbefriedigend gewesen, deshalb habe man Vorstandschef Rainer Seele ein Ultimatum bis Montag, 26. April 2021, 9 Uhr gesetzt. „Sollten dann nicht sämtliche Auskünfte und Unterlagen vorliegen, werden wir leider – wieder – in Absprache mit den Gewerkschaften und der Arbeiterkammer rechtliche Schritte einleiten müssen“, steht in dem offenen Brief von Alfred Redlich.

Auf DOSSIER-Anfrage geben sich beide Seiten der Belegschaftsvertretung zurückhaltend. Den Inhalt seines offenen Briefes will Lindner nicht kommentieren. Auch Redlich übt sich in Zurückhaltung: „Gegenüber der Belegschaft haben wir gesagt, was zu sagen ist.“

Ohne Rückendeckung zum Rapport

Besiegelt wurde Seeles Schicksal nach einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). „Für den Vorstandsvorsitzenden kommen die Themen zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Schließlich strebt Seele eine Verlängerung seines 2022 auslaufenden Vertrages an, über die im Juni entschieden wird“, so die FAZ am Wochenende. „Der Erwerb von Borealis erregt nun manche Gemüter. Bei der Hauptversammlung im Juni könnten eventuell geschädigte Aktionäre Haftungsansprüche im Zusammenhang mit der Transaktion geltend machen.“

Noch am Sonntag musste sich Seele – ohne Rückendeckung der Belegschaft – dem Gespräch mit Aufsichtsratsvorsitzenden Garrett stellen.

Gegenüber DOSSIER wollte Garrett keine Stellungnahme abgeben. Das Ergebnis der Aussprache wurde am Montag in einer Pressemitteilung ausgesendet: „Vorstandsvorsitzender und CEO Rainer Seele wird Verlängerungsoption nicht in Anspruch nehmen.“