Das Vermächtnis des Ölprinzen

In der OMV sorgt ein bisher geheimer Sideletter für Aufruhr. Ex-Vorstandschef Rainer Seele gönnte seinem Compliance-Chef ein teures Zuckerl – ohne Einbindung des Aufsichtsrats. Wurden interne Richtlinien verletzt? Eine deutsche Anwaltskanzlei prüft die Vorwürfe.

Von: Ashwien Sankholkar

OMV29.4.2022 

Aufmacherfoto:  Herbert P. Oczeret / APA / picturedesk.com

Wladimir Putins Lieblingsfußballklub ist Zenit St. Petersburg– und genau dieser erhielt viel Geld aus Österreich. Ab 2018 zahlte die teilstaatliche OMV AG fünf Millionen Euro pro Jahr an den Klub. Üblicherweise werden Sponsorings an die große Glocke gehängt, immerhin ist das der Zweck von Werbung. Doch der damalige OMV-CEO Rainer Seele bevorzugte es in diesem Fall, den Ball flachzuhalten. 

Dass die OMV dem Nachwuchsteam von Zenit St. Petersburg 25 Millionen Euro über fünf Jahre zugesagt hatte, wurde von DOSSIER im Mai 2020 enthüllt, ebenso wie das Luxusleben des Ölprinzen samt teurer Privatjetreisen. 

Seele kam unter Druck, und der Aufsichtsrat rätselte: Warum wurde die Zenit-Jugend finanziert, nicht die Kampfmannschaft? Wurden Seeles private Abstecher auf sein Anwesen in Irland von der OMV bezahlt? Und sind Privatjets gemäß Reiserichtlinie nicht tabu?

Diese und andere heikle Fragen sollte Robert Eichler klären. Der Aufsichtsrat beauftragte ihn mit einem Compliance-Check. Als Senior Vice President Internal Audit & Compliance war er für die Einhaltung der Wohlverhaltensregeln im Konzern zuständig. 

In der börsennotierten OMV Group verfügte er über enorme Autorität. Als Compliance-Chef setzte er moralische Maßstäbe für konzernweit rund 22.400 Mitarbeiter·innen. Gefürchtet war er, weil ein von ihm festgestellter Bruch der Benimmregeln zum Rauswurf führen konnte.

Bis Ende Juni 2020 sollte Eichler Ergebnisse zu Zenit und Co liefern, wie DOSSIER berichtete. Üblicherweise dauern Aufträge in Vorstandsangelegenheiten Monate. Eichler war bereits zwei Wochen nach Auftragserteilung fertig – und meldete dem Aufsichtsrat: alles sauber.

Die Konsequenz einer Skandalserie

Zwei Jahre später wird die Ära Seele in der OMV erneut kritisch hinterfragt. Immerhin musste der 61-jährige Deutsche, der von 2015 bis 2021 über den Öl-, Gas- und Chemiekonzern herrschte, im April der Vorjahres zurücktreten. Eine DOSSIER-Artikelserie war der Auslöser. 

Die Überwachung von Umweltaktivist·innen und Konflikte mit dem Betriebsrat brachten Seele schließlich zu Fall. Dass Mitarbeiter·innen überwacht wurden, alarmierte sogar die Datenschutzbehörde, die in einem Bescheid Gesetzesverstöße feststellte. 

Dass Seeles Russland-Deals der OMV zwei Milliarden Euro an Wertberichtigungen einbrachten, wie beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung im April 2022 berichtete, rundet das Bild ab.

Seeles Nachfolger an der Spitze, Alfred Stern, betreibt seit Jobantritt im September 2021 vor allem Vergangenheitsbewältigung. Dabei entdeckte er eine juristische Leiche im Keller. Das Vermächtnis des Ölprinzen Rainer Seele versetzte sogar den Aufsichtsrat in Aufruhr: nämlich eine teure Zusatzvereinbarung zum Dienstvertrag von Robert Eichler. Die vorweihnachtliche Enthüllung bewirkte eine Kettenreaktion, die Seele nun in Erklärungsnot bringt.

Der Aufsichtsrat der OMV beauftragte zu Jahresbeginn die auf Compliance spezialisierte Frankfurter Anwaltskanzlei Gleiss Lutz. Sie sollte Eichlers Vertrag und Arbeit prüfen. Dabei geht es um zivil- und strafrechtliche Abklärung. 

Welche Schritte haben Stern und sein neues Vorstandsteam nun gesetzt, um die OMV im schlimmsten Fall schad- und klaglos zu halten? 

»Sie sprechen hier ein Thema an, zu dem es interne Gespräche gibt, die noch nicht abgeschlossen sind«, sagt OMV-Pressesprecher Andreas Rinofner gegenüber DOSSIER. »Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir nicht zuletzt aus diesem Grund keine Details nennen können.«

Der goldene Fallschirm

Bis Herbst 2021 war der Dienstvertrag von Robert Eichler ein wohlgehütetes Geheimnis. Aufgedeckt wurde er im Rahmen einer personellen Reorganisation. Der neue CEO Alfred Stern wollte frischen Wind in die OMV bringen und Topjobs neu ausschreiben. Dabei stieß er auf Widerstand der mächtigen Senior Vice Presidents (SVP), also der Ebene unter dem Vorstand, vor allem Seele-nahe Führungskräfte fletschten die Zähne.

Im Rahmen des Screenings wurden auch SVP-Personalakten genau studiert. Isabell Hametner – die Seele-freundliche Konzernpersonalchefin – räumte das Feld freiwillig. Revisionschef Eichler wehrte sich jedoch gegen seine Abberufung und präsentierte dem OMV-Aufsichtsrat eine Zusatzvereinbarung zu seinem Dienstvertrag.

Eichlers Sideletter enthielt eine Art goldenen Fallschirm. So werden spezielle Vereinbarungen genannt, die den unfreiwilligen Abgang eines Managers mit sehr viel Geld versüßen. Der Fallschirm soll eine üppige Entgeltfortzahlung bis zum Pensionsantrittsalter garantieren. Stimmt das so?

»Aufgrund Ihrer Fragen vermute ich, dass Sie nicht richtig über den Inhalt des Sideletters, vor allem wann dieser zur Anwendung gekommen wäre, informiert wurden«, schreibt Eichler in einer Stellungnahme gegenüber DOSSIER. Er selbst trägt wenig zur Aufklärung bei.

Eichler: »Selbstverständlich habe ich ein Interesse an einer objektiven und sachlichen Berichterstattung, insbesondere was die Gründe für den Sideletter waren. Dazu kann ich aber aufgrund meiner arbeitsrechtlichen und vertraglichen Verschwiegenheitsverpflichtung nicht Stellung nehmen.«

Der Grund für das vertragliche Zuckerl bleibt somit ein Rätsel.

Solche Sideletter wirken häufig wie eine Art Jobversicherung, weil sie die Ablöse von Schlüsselkräften erheblich verteuert. Doch im Fall Eichler war das Gegenteil der Fall: Die Vertrauensbasis war offenbar wegen des Sideletters erschüttert, es kam zur Trennung, und Geld spielte keine Rolle.

»Die Gesamtkosten werden auf beinahe zwei Millionen Euro geschätzt«, berichtete der Kurier am 27. Dezember 2021. »Das ist selbst für großzügige OMV-Verhältnisse eine stolze Summe für einen Manager unterhalb der Vorstandsebene.« Der Eichler-Sideletter soll im August 2020 von Seele und Hametner unterzeichnet worden sein. 

Mit der Unterschrift eines Vorstands (Seele) und einer Prokuristin (Hametner) sei ein rechtsverbindlicher Vertrag zustande gekommen, heißt es. Eichlers Ansprüche müssen erfüllt werden, lautet die firmeninterne Rechtsmeinung. Doch wie kam es überhaupt zu diesem Millionenvertrag? 

Der Vorgang, dass ein Vorstand dem Compliance-Chef einen Vertrag heimlich zuschanzt, gilt als unüblich. Ablösesumme und Zustandekommen des Sideletters will die OMV nicht kommentieren.

Robert Eichler arbeitet derzeit als externer Lehrbeauftragter am Institut für Unternehmensrecht von Susanne Kalss. Eichler und Kalss kennen sich gut. Die OMV zog die WU-Professorin immer wieder als Gutachterin heran. 

»Ich ersuche Sie um Verständnis, dass die mit der OMV abgeschlossenen Vereinbarungen der Verschwiegenheit unterliegen«, schreibt Eichler. »Fragen, die sich auf die internen Genehmigungsabläufe in der OMV beziehen, könnte ich schon deshalb nicht beantworten, da ich dafür weder zuständig noch verantwortlich war.«

Gegen die Geschäftsordnung

Elegant spielt Eichler den Ball an Vorstand und Aufsichtsrat zurück. Dort dürfte nicht alles regelkonform abgelaufen sein. »Der vorherigen Beschlussfassung durch den Gesamtvorstand unterliegen (...) alle Angelegenheiten, die der Zustimmung des Aufsichtsrats bedürfen«, heißt es in der DOSSIER exklusiv vorliegenden Geschäftsordnung für den Vorstand der OMV AG (OMV-GO). 

Die Zustimmung des Aufsichtsrats sei bei Maßnahmen erforderlich, die »die Funktion des Leiters des Bereichs Internal Audit und Compliance« betreffen, steht in Paragraf 8 OMV-GO. Dazu zählen: »Abschluss, Änderung und Auflösung des Dienstvertrags (einschließlich etwaiger Gehaltserhöhungen) des Leiters des Bereichs Internal Audit & Compliance.« Die Regel hat einen Zweck: Vorstände sollen sich nicht heimlich die Gunst des Prüfers erkaufen dürfen.

»Der gesamte Vorstand sowie der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates (hätten) die Vereinbarung bewilligen müssen. Was aber nicht passierte«, berichtete der Kurier. Die Compliance-Experten von Gleiss Lutz sollen deswegen darin einen Verstoß gegen interne Vorstandsrichtlinien erkennen. OMV-Prüfungsausschussvorsitzende Gertrude Tumpel-Gugerell will Seeles Verhalten gegenüber DOSSIER nicht kommentieren. 

Die »Sorgfaltspflicht und Verantwortlichkeit der Vorstandsmitglieder« normiert das Aktiengesetz (AktG). Demnach muss ein Vorstand stets »zum Wohle der Gesellschaft handeln« und darf sich nicht von »sachfremden Interessen« leiten lassen. 

»Vorstandsmitglieder, die ihre Obliegenheiten verletzen, sind der Gesellschaft zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens als Gesamtschuldner verpflichtet«, heißt es im Paragraf 84 AktG. »Sie können sich von der Schadenersatzpflicht durch den Gegenbeweis befreien, dass sie die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters angewendet haben.«

Hat sich Seele von »sachfremden Interessen« leiten lassen? Wieso war der Sideletter »zum Wohl der Gesellschaft«? Und warum wurde der Dienstvertrag des Chefs von Internal Audit & Compliance ohne Einbindung des Aufsichtsrats abgeändert? »Ich werde Herrn Seele mitteilen, dass er sie anrufen soll«, sagt OMV-Sprecher Rinofner gegenüber DOSSIER. Rainer Seele hat bis Redaktionsschluss nicht zurückgerufen.

Das Schweigen der Männer

Der Sideletter könnte mit Eichlers Arbeit betreffend Rainer Seele zu tun haben. Wenige Wochen vor Paraphierung des Sideletters wurden nicht nur Zenit-Sponsoring und Seeles Privatjetreisen geprüft, sondern auch zur Jagd auf Whistleblower geblasen. Eichler weist diesen Verdacht als »unrichtig« zurück.

Auffällig an Eichlers Arbeit war, wie gesagt, dass die Vorwürfe gegen Seele blitzschnell vom Tisch gewischt wurden. Merkwürdig war, dass der Prüfzeitraum so eng gefasst wurde, dass einige Privatjetflüge unberücksichtigt blieben. Wie aussagekräftig sind also Eichlers Ergebnisse? »Kein Kommentar«, sagt OMV-Sprecher Rinofner. 

Mehr Zeit und Ressourcen gab es für die Maulwurfsuche. Ermittelt wurde vorrangig gegen Betriebsräte im OMV-Aufsichtsrat, die etwa Seeles teure Russland-Expansion kritisiert hatten. Computer, E-Mail-Accounts und Diensthandys ausgewählter Betriebsratsmitglieder sollen auf Eichlers Anordnung untersucht worden sein. 

Es wäre nicht das erste Mal, dass die OMV wegen der Bespitzelung der eigenen Leute für Schlagzeilen sorgt. Das Unternehmen muss sich aktuell vor dem Bundesverwaltungsgericht wegen Datenschutzverletzungen bei der Überwachung von Mitarbeiter·innen im Jahr 2021 verantworten, berichtete DOSSIER. Auch diese Aktion trägt Eichlers Handschrift. 

Die Rasterfahndung im Sommer 2020 war umfassend: So sollen private E-Mails von Betriebsratsmitgliedern durchleuchtet worden sein. Um etwa Konzernbetriebsratschefin Christine Asperger zu Fall zu bringen, sollen ihre engsten Mitarbeiter·innen psychisch unter Druck gesetzt worden sein. Asperger will gegenüber DOSSIER keine Stellungnahme abgeben.

Zwar sollen die Ermittlungen keine belastbaren Beweise gegen Asperger und Co hervorgebracht haben. Doch das von Eichler und Co Zusammengetragene – wie etwa ein Gutachten von WU-Professorin Susanne Kalss – reichte aus, um das eigentliche Ziel zu erreichen: Asperger legte ihr Aufsichtsratsmandat zurück. 

Auch der streitbare Betriebsrat Alfred Redlich, der mit Asperger im mächtigen Präsidial- und Nominierungsausschuss (PNA) saß, wurde im Herbst 2020 rausgekickt. Es war Personalchefin Hametner, die Redlich die böse Nachricht übermittelte. Warum der Aufwand?

Der PNA ist das höchste Aufsichtsratsgremium, wo die »Nachfolgeplanung für den Vorstand erörtert« wird. Zwar kämpfte sich Redlich im März 2021 gerichtlich an die Spitze des Konzernbetriebsrats zurück, berichtete der Standard. Doch die Rückkehr in den Aufsichtsrat blieb ihm verwehrt. Redlich will gegenüber DOSSIER keine Stellungnahme abgeben. 

So entledigte sich Seele 2020 zweier gefährlicher Kritiker·innen im sechsköpfigen PNA – und das mithilfe von Eichler und Hametner.

Aufklärung auf der Hauptversammlung

Eichlers Ermittlungen gegen die unliebsamen Betriebsräte erreichten im August 2020 ihren Höhepunkt. War es ein Zufall, dass der Sideletter zeitnah aufgesetzt wurde? Was war Eichlers Gegenleistung für den Geheimvertrag?

»Ich ersuche Sie um Verständnis, dass die mit der OMV abgeschlossenen Vereinbarungen der Verschwiegenheit unterliegen«, so Eichler. »Festhalten kann ich aber, dass es keine Gegenleistung für den Sideletter gab.« Nachsatz: »Zweck des Sideletters war die Sicherung meiner Unabhängigkeit vor dem Hintergrund sensibler Prüfungen.«

Warum und wogegen musste sich Eichler absichern? Welche »sensiblen Prüfungen« sind gemeint? Und was sagen Vorstand und Aufsichtsrat dazu? 

Die OMV will den Fall Robert Eichler und die Verantwortung von Rainer Seele bis zur Hauptversammlung am 3. Juni 2022 nicht öffentlich kommentieren. 

Der Aufsichtsrat reagierte sofort nach Kenntnis des Sideletters. Das war im Dezember 2021. Dienstlaptop, Firmenhandy und Zugangskarte wurden Eichler abgenommen.

»Robert Eichler, Senior Vice President Internal Audit & Compliance, hat sich entschlossen, seine Funktion zurückzulegen, um seine Karriere außerhalb der OMV fortzusetzen«, so OMV-Pressesprecher Andreas Rinofner trocken: »Eine sofortige Dienstfreistellung ist in einem solchen Fall vorgesehen.«

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