Notiz aus Kapstadt

Die Mitschrift eines FIS-Funktionärs gibt Hinweise auf Absprachen vor der Vergabe der Ski-WM 2013 – zentrale Figur: der ÖSV-Präsident.

von Johann Skocek und Florian Skrabal

ÖSV19.2.2019 

Kapstadt, Südafrika. Am 25. Mai 2008 treffen einander vier Männer in einem Nobelhotel, um eine delikate Angelegenheit zu besprechen: den größten Dopingskandal in Österreichs Geschichte.

Zwei Jahre zuvor hatten während der Olympischen Winterspielen in Turin Carabinieri die Privatquartiere der ÖSV-Langläufer und -Biathleten gestürmt und verbotene Apparaturen sowie Blutbeutel beschlagnahmt.

Nach den Winterspielen von Salt Lake City 2002 war es der zweite olympische Dopingskandal, in den Athleten, Betreuer und Ärzte des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) verwickelt waren. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel kommentierte die Turiner Vorgänge mit dem Satz: „Austria is a too small country to do good doping.“

Schladmings dritter Anlauf

Die Sache hatte Konsequenzen: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verdonnerte das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) wegen der Dopingaffäre zur Zahlung einer Strafe in Höhe von einer Million Dollar.

Das ÖOC hielt sich am Verursacher des Skandals, dem ÖSV, schadlos und gab das Geld an das IOC weiter. ÖOC-Vizepräsident Schröcksnadel legte seine Funktion zurück, bevor er suspendiert worden wäre.

Auch der Internationale Skiverband (FIS) musste 2008 entscheiden, wie mit der Dopingaffäre seines Mitgliedsverbandes umgegangen werden sollte. Und da war noch etwas: Schladmings dritte Bewerbung in Folge um die Alpine WM, diesmal für das Jahr 2013, lag auf dem Tisch.

Schon 2004 hatte sich der steirische Wintersportort für die WM 2009 beworben, die schließlich in Val d’Isère stattfand. Auch die Bewerbung für 2011 (Garmisch-Partenkirchen) schlug fehl. Die Entscheidung dafür war im Mai 2006, drei Monate nach dem Turiner Skandal, gefallen.

Im dritten Anlauf sollte es für die Schladminger endlich klappen. Dazu musste der Turiner Dopingskandal ad acta gelegt werden. Denn es ist zwar der Ort, der sich um eine WM bewirbt, den Auftrag zur Ausrichtung bekommt jedoch der jeweilige nationale Verband, im Falle Österreichs der ÖSV, zugesprochen. Und anschließend beginnt das Geld der FIS zu fließen.

Am 25. Mai 2008, dem Tag, bevor der 46. FIS-Kongress in Kapstadt offiziell eröffnet wurde, legten vier Männer die Linie in puncto ÖSV auf einem Block des Nobelhotels „Westin Grand Cape Town Arabella Quays“ fest.

FIS-Präsident Gian Franco Kasper, FIS-Vorstand und ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, ÖSV-Anwalt Karl Heinz Klee (verstorben) und Patrick Smith, Kanadier und Vorsitzender des FIS-Doping-Komitees.

Das, was fehlt

Smith führte in Kapstadt Protokoll, er unterzeichnete es zumindest. Von den anderen Teilnehmern finden sich deren Initialen darunter. Smith hielt auf zwei Seiten fest, wie man mit der Dopingaffäre des ÖSV umzugehen gedachte.

Vier von sechs Punkten aus Smiths Notiz werden sich wortwörtlich im offiziellen Protokoll des FIS-Kongresses wiederfinden:

  • Peter Schröcksnadel trägt nach Ansicht des FIS-Vorstands für die Vorfälle von Turin „keine persönliche Verantwortung“.
  • Markus Gandler, Langlauf-Chef des ÖSV, räumt seinen Sitz im FIS-Fachkomitee.
  • Der ÖSV übernimmt „etwas Verantwortung“ („some responsibility“) für die Turin-Affäre.
  • Der ÖSV zahlt eine Strafe von 1.000 Schweizer Franken für jeden Sportler und Betreuer, der einer Übertretung der Anti-Doping-Bestimmungen für schuldig befunden wird. Die FIS nimmt zur Kenntnis, dass der ÖSV bereits eine Strafe von einer Million Dollar im Zusammenhang mit dieser Sache ans IOC gezahlt hat.

Nun zu dem, was bisher nicht öffentlich bekannt war, dem ersten Satz, der es nicht ins offizielle Protokoll geschafft hat, Punkt 2 in Smiths Notiz: „Peter S. has agreed to step aside as a candidate for FIS council“ – „Peter S. erklärte sich einverstanden, nicht als Kandidat für den FIS-Vorstand anzutreten“.

Der Punkt wurde durchgestrichen, so auch Punkt 5.

„The ASF will renominate another candidate for council for the 2008 FIS congress“ – „Der ÖSV wird einen anderen Kandidaten für den Vorstand beim FIS-Kongress 2008 aufstellen“. Wurde über Personalia diskutiert? Sollte Peter Schröcksnadel gar raus aus dem FIS-Vorstand?

Zumindest auf dem Papier stand schon, dass jemand anderer aus den Reihen des ÖSV in den FIS-Vorstand sollte. Schriftführer Patrick Smith wollte trotz mehrfacher DOSSIER-Anfragen nicht zu der Angelegenheit Stellung beziehen, die Authentizität der Notiz hat er nicht bestritten.

Auch die beiden am 25. Mai 2008 anwesenden Präsidenten Peter Schröcksnadel vom ÖSV und Gian Franco Kasper von der FIS streiten das Gespräch nicht ab. FIS-Präsident Kasper verweist auf seinen dichten Terminkalender, er stünde nach der Nordischen Ski-WM in Seefeld, also nach dem 3. März für ein Interview zur Verfügung.

Von Seiten des ÖSV heißt es auf DOSSIER-Anfrage, dass es bei dem Treffen in Kapstadt „in erster Linie“ darum gegangen sei, „die FIS von der Unschuld der ÖSV-Sportler und Verantwortlichen zu überzeugen.“

In Smiths Notiz finden sich noch zwei Sätze von besonderer Brisanz: „Peter S. agreed that, upon Schladming winning the bid he will announce that he is not standing for election to council.“ Auf Deutsch: „Peter S. stimmte zu, falls Schladming die Bewerbung gewinnt, wird er sich nicht für den Vorstand bewerben.“

Und weiter: „This is not part of any agreement or joint submission“ – „Das ist nicht Teil eines Übereinkommens oder einer gemeinsamen Vorlage“, sprich bekommt Schladming den Zuschlag, kandidiert Schröcksnadel nicht für den FIS-Vorstand.

And the winner is Schladming!

Beim ÖSV kommentiert man den Zusammenhang zwischen Präsident Schröcksnadels Einwilligung, nicht mehr als FIS-Vorstand zu kandidieren, und der Vergabe der WM an Schladming so: „Das Angebot von Präsident Schröcksnadel, sich gegebenenfalls aus der FIS zurückzuziehen, stand ebenso in diesem Kontext (nämlich man sei hinsichtlich des Dopings unschuldig, Anm.), um Österreich und die Bewerbung für Schladming nicht weiter zu belasten.“ 

Schladming hätte den Zuschlag „mit breiter Mehrheit erhalten, weil es die mit Abstand beste Bewerbung war.“ Man behalte sich rechtliche Schritte vor, so ein Schreiben an DOSSIER, sollte es eine „andere Darstellung in der Öffentlichkeit geben“.

Es kam freilich so, wie es Patrick Smith am 25. Mai 2008 niedergeschrieben hatte.

Vier Tage nach der inoffiziellen Viererrunde, am 29. Mai 2008, setzt sich Schladming im FIS-Vorstand offiziell mit zehn Stimmen gegen die Konkurrenz Beaver Creek/Vail (USA, vier Stimmen) St. Moritz (Schweiz, eine Stimme) und Cortina d’Ampezzo (Italien, eine Stimme) durch.

Peter Schröcksnadel gibt seinen Rückzug aus dem FIS-Vorstand bekannt. „Bauernopfer“ habe er keines für Schladming bringen müssen, verkündet Schröcksnadel später vor österreichischen Medien. Er hätte sich aus persönlichen Gründen von seinen FIS-Funktionen zurückgezogen.

Schröcksnadels Mitbringsel: 46 Millionen Franken

Schröcksnadel, damals 66 Jahre alt, reist als der große Gewinner aus Kapstadt ab. Der ÖSV hatte mit einem Schlag zwei Fliegen erwischt: die Alpine Ski-WM nach Österreich geholt und die Verdrängung des Turiner Dopingskandals in die Geschichtsbücher erreicht. Und der Präsident hatte es schwarz auf weiß im FIS-Protokoll stehen: An der Affäre in Turin trage er „keine persönliche Verantwortung“.

In Österreich folgte auf den Dopingskandal ein Finanzskandal.

Die Ski-WM 2013 sollte die Steuerzahler insgesamt 248 Millionen Euro kosten, für sportliche Bauten und Infrastrukturmaßnahmen. Nur an „WM-relevanten“ Subventionen machten das Land Steiermark rund 62 Millionen, der Bund rund 24 Millionen Euro locker.

Der Rechnungshof wird später neben der mangelhaften Bauaufsicht die Willfährigkeit der Gebietskörperschaften kritisieren, die viele Investitionen nur aufgrund von ÖSV-Forderungen genehmigten und teilweise Vorhaben bezahlten, für die bereits die FIS aufgekommen war.

Bis heute war geheim gehalten worden, wie hoch der finanzielle Zuschuss der FIS an den ÖSV war – selbst für die Prüfer des Rechnungshofes waren die entsprechenden Stellen im Vertrag geschwärzt.

Wie aus einem Auszug des sogenannten Host-City-Vertrages, der DOSSIER vorliegt, hervorgeht, erhielt der ÖSV insgesamt 46.250.000 Schweizer Franken in fünf Tranchen von der FIS, umgerechnet rund 37 Millionen Euro.

Als die WM 2013 in Schladming lief, war Peter Schröcksnadel längst wieder FIS-Vorstand. Er hatte nur in der Periode von 2008 bis 2010 pausiert. Bis heute dient er der FIS als Vizepräsident und lobbyiert derzeit für eine für den ÖSV lukrative Alpine WM in Österreich, 2025 soll sie in Saalbach steigen.