Missbrauch mit Kultur

Ob Festspiele Erl, Burgtheater oder das Belvedere – die Kulturskandale der vergangenen Jahre sind geprägt von Fehlverhalten und systematischem Machtmissbrauch. Doch langsam bricht das Schweigen.

Rund 10.000 Euro für seine private Heizölrechnung stellte der 2018 entlassene Intendant Gustav Kuhn den Festspielen Erl in Rechnung. Der ehemalige Direktor des Kunsthistorischen Museums, Wilfried Seipel verkaufte dem Bundesmuseum seinen gebrauchten Privatwagen – und das bei einem Jahresgehalt von 260.000 Euro. Und Agnes Husslein-Arco, bis 2016 Belvedere-Chefin, soll Angestellte angewiesen haben, in ihrer Privatwohnung Gemälde aufzuhängen, den Abfluss zu reparieren und Druckerpatronen zu tauschen. Die Liste an Fehlverhalten, Misswirtschaft bis hin zu persönlichen Übergriffen in Österreichs Kulturbetrieb lässt sich mühelos fortsetzen. Ein gemeinsamer Nenner: Viel Geld trifft auf große Egos, autoritäre Führung auf fehlende Transparenz. Der Kulturbetrieb bietet den idealen Nährboden für Korruption: gebündelte Macht, autoritäre Führungsstrukturen, fast eine Milliarde Euro Förderungen, mangelnde Kontrolle – und nicht zuletzt die Freiheit der Kunst, mit der Misswirtschaft und Übergriffe oftmals gerechtfertigt werden. Lange galt die Branche als unantastbar, seit kurzem dringen aber immer mehr Geschichten von Machtmissbrauch und Geldgier an die Öffentlichkeit. Künstlerinnen und Künstler brechen ihr Schweigen, zuletzt die Eleven der Wiener Staatsoper im Frühjahr 2019. Die Schülerinnen und Schüler der berühmten Ballettakademie berichteten von öffentlichen Demütigungen und Gewalt bis hin zu sexuellem Missbrauch durch einen Lehrer.

2018 platzte die Bombe bei den Festspielen Erl in Tirol. Der Fall ist plakativ, weil er viele Elemente vereint: sorglosen Umgang mit Fördergeld, Ausnutzen des Machtgefälles, jahrelanges Wegschauen der Politik. Von Ausbeutung des Ensembles war die Rede, von »Schandlöhnen« und einer Atmosphäre der Angst. Blogger Markus Wilhelm veröffentlichte 2018 auf dietiwag.org zahlreiche anonyme Vorwürfe und legte Honorarnoten vor: Manche Musikerinnen und Musiker erhielten Tagesgagen von 38 Euro – brutto. Wer aus Osteuropa kam, musste sich mit noch weniger begnügen. Dabei sind die Festspiele finanziell gut aufgestellt: Seit 2012 unterstützte sie das Land Tirol mit bisher insgesamt rund 15 Millionen Euro, dazu kommen seit 2017 die Kulturförderung vom Bund mit 1,15 Millionen Euro pro Jahr sowie private Unterstützung durch Festspielpräsident und Baumäzen Hans Peter Haselsteiner. 

Als im Sommer 2018 fünf Künstlerinnen mit ihren Namen an die Öffentlichkeit gehen und von sexuellen Übergriffen durch Intendant Kuhn berichten, ist die Empörung groß. Von »unerwünschtem Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrapschen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine et cetera, von obszöner verbaler Anmache ganz zu schweigen« schreiben sie in einem offenen Brief an Festspielpräsident Haselseiner. Weitere Mitarbeiter bestätigten die Schilderungen, der Verein »art but fair« erstattete Anzeige. Trotz des offenen Hilferufs geschieht lange nichts. Im Gegenteil – die Politik und Haselsteiner stellen sich schützend vor Kuhn. Der Landesrechnungshof kritisiert 2019 die finanzielle Praxis der Festspielleitung. Kuhn habe Spesen »überwiegend nicht nachvollziehbar dokumentiert«. Wegen Verstößen gegen das Ausländerbeschäftigungs- und Sozialversicherungsgesetz wurden mehr als hundert Strafverfahren von der Bezirkshauptmannschaft Kufstein eingeleitet. Die Ermittlungen zu den Festspielen waren bei Redaktionsschluss nicht abgeschlossen.

Seit langem bekannte Übergriffe

Publizist Wilhelm erzählt DOSSIER, er habe das erste Mal bereits 2013 von Übergriffen gehört. Auch andere Interviewpartner bestätigen das. Christian Sist, Vorsitzender des Vereins »art but fair«, der sich international für faire Arbeitsbedingungen für Künstler einsetzt, erzählt, dass der Verein die Missbrauchsberichte bis zum Bundeskanzleramt getragen hat. Dort habe man aber zuerst »handfeste Beweise« verlangt; ein altbekanntes Problem bei sexuellen Übergriffen. Sist spricht von einem »Totalversagen der Politik«. Auch die SPÖ-Abgeordnete Selma Yildirim kritisiert das zögerliche Vorgehen der Verantwortlichen: »Das hatte eine sehr lange Vorlaufzeit, bis es ernst genommen wurde.« Als die Gleichbehandlungskommission im Sommer 2019 die sexuellen Übergriffe in mehreren Fällen bestätigt, versucht Yildirim, parlamentarische Mehrheiten für Opferschutz in Kultureinrichtungen zu finden. Vergeblich. Insgesamt fünfmal hat sie parlamentarische Anfragen dazu gestellt. Ihr Entschließungsantrag ist auf unbestimmte Zeit vertagt. »Der Anlassfall Erl ist exemplarisch für das Versagen im System«, sagt sie heute zu DOSSIER.

Erst als der öffentliche Druck zu groß wird, muss Kuhn sein Amt ruhend stellen. Im November 2018 trennt sich der Stiftungsvorstand von ihm. Auch danach engagiert Förderer Haselsteiner den belasteten Dirigenten für Konzerte, etwa zu seinem 75. Geburtstag. Kuhn selbst möchte sich dazu erst äußern, »wenn alle Vorwürfe rechtlich vollkommen aufgeklärt sind«, richtet er DOSSIER aus. Aus dem Büro von Festspielpräsident Hasel­steiner heißt es, dass er »zu dieser sattsam bekannten Causa nicht ein zehntes Mal« Stellung nehmen möchte. Es ist der typische Verlauf von Skandalen in der Kulturwelt: Von oben wird gemauert, von unten geschwiegen, von außen gedeckt. Die Arbeitsverhältnisse sind prekär, die Löhne oft niedrig – nicht so für die Kulturmanager der Spitzenhäuser, die mit 150.000 bis 300.000 Euro im Jahr nach Hause gehen.

Wer den Mund aufmacht, kann viel riskieren: Kuhn verklagte laut Medienberichten eine Sängerin, weil sie in einem Interview erzählt hatte, der Intendant habe ihr nach einem abgewehrten Übergriff eine bereits zugesagte Rolle entzogen. Die Klage endete dieses Jahr in einem Vergleich. Die Sängerin wird künftig nicht mehr behaupten, dass Kuhn die Vergabe von Rollen an sie von sexuellen Leistungen abhängig gemacht hat. Widerrufen muss sie ihre Aussage jedoch nicht. Bei der Staatsanwaltschaft Tirol bestätigt man indes laufende strafrechtliche Ermittlungen gegen Kuhn wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs. Kuhn hat die Vorwürfe stets bestritten, es gilt die Unschuldsvermutung.

Auch in der Causa des ehemaligen Burgtheater-Direktors Matthias Hartmann schließt sich 2018 die Belegschaft zusammen. 60 Mitarbeiter, darunter Nicholas Ofczarek und Elisabeth Orth, klagen in einem öffentlichen Brief über »eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung« unter Hartmann, der das Haus zwischen 2009 und 2014 geleitet hat. Witze über Oralsex, homophobe und rassistische Kommentare, Griffe an den Po – das alles sei aus Angst vor Kündigungen hingenommen worden, schreiben sie. Der Brief zeigt ein Problem auf: die Doppel­rolle aus künstlerischer und organisatorischer Leitung, die in der Kulturwelt immer wieder anzutreffen ist. Wenn der Chef eines Hauses gleichzeitig als Regisseur eines Stücks auftritt, ist seine Macht besonders groß. Hartmann selbst bestreitet die Vorwürfe seiner Mitarbeiter nicht, versucht sein Verhalten aber als branchenüblich darzustellen. »Ich will nicht leugnen, dass der Ton am Theater früher burschikoser war, aber zu den großen Machtmonstern des Theaters habe ich nie gehört«, sagt er gegenüber DOSSIER. Der Brief sei seiner Ansicht nach genau dann lanciert worden, »als klar wurde, dass es keine juristisch haltbaren Gründe für meine Entlassung gab. Es mussten moralische Gründe her, die im Nachhinein die Entlassung rechtfertigen«.

Burg, Bargeld, Chaos

Fünf Jahre ist es her, dass einer der größten Kulturskandale der Zweiten Republik ins Rollen kommt. Von 2008 bis 2013 war Silvia Stantejsky kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters. Jüngst begann der Strafprozess gegen sie wegen Bilanzvergehen, Untreue und Veruntreuung am Landesgericht in Wien. Auf Anfragen von DOSSIER reagierten Stantejskys Rechtsvertreterinnen nicht. Stantejsky soll bei den Bilanzen getrickst, Steuern und Abgaben hinterzogen und Geld veruntreut haben. Zuerst wurde sie Ende 2013 suspendiert, vier Monate später war auch Hartmann seinen Job los. Der Chef der Bundestheater-Holding, Georg Springer, musste im Gefolge des Burgtheater-Skandals 2014 gehen. Springer kannte die marode Finanzlage und schaute jahrelang tatenlos zu. Im Jahr 2018 wurden die Ermittlungen gegen Hartmann und Springer eingestellt. Hartmann spricht von einem »Kontrollversagen auf allen Ebenen«. Christian Sist von »art but fair« sieht ein grundsätzliches Problem in den Führungsetagen: »Wer in Kulturinstitutionen an die Spitze kommt, hat oft null Ahnung von Management.« Plötzlich gilt es, hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu führen und ein Millionenbudget zu verantworten. 

Und woher kam der Schuldenberg von 20 Millionen Euro? Erst eine Steuerprüfung im Herbst 2013 zeigte, wie es um das Burgtheater steht und dass massiv Steuern hinterzogen wurden. Der Rechnungshof kritisierte zudem, dass Schauspieler Tantiemen bar ausgezahlt bekamen. Das war bei der Bundestheater-Holding, zu der auch die Burg gehört, viele Jahre nicht unüblich. Auch an der Staatsoper wurden jährlich bis zu 370.000 Euro an Honoraren in bar ausbezahlt. Erst die Kritik des Rechnungshofes machte mit dieser Praxis Schluss. Stantejsky legte im Prozess Mitte November 2019 ein Teilgeständnis ab, was die Selbstbedienung an ihr zur »Verwahrung« anvertraute Honorare und Gagen betrifft. Damit wollte sie Löcher in der Burgkasse stopfen, hat aber auch private Rechnungen beglichen. Die ihr angelastete Bilanzfälschung weist Stantejsky zurück.

In der Kultur ist jede Menge Steuergeld im Spiel: Der Bund budgetierte 2018 insgesamt mehr als 456 Millionen Euro für Kunst- und Kulturförderung. Dazu kommen die Töpfe der Bundesländer. Salzburg etwa schießt weitere 65 Millionen Euro zu, Tirol 80, die Steiermark fast 62 Millionen; Wien liegt mit 215 Millionen Euro im Jahr an der Spitze. Und dann wären da noch private Spenden und Sponsorengeld. Heute zählen der Glücksspielkonzern Novomatic, der Öl- und Gaskonzern OMV, jede Menge Banken und Milliardäre wie der Waffenproduzent Gaston Glock zu den wichtigsten Geldgebern. Kulturförderung bietet auch steuerliche Vorteile und Renommee. Markus Wilhelm spricht von »Kulturimagetransfer«, den Mäzene wie Strabag-Eigentümer Haselsteiner für ihre Großzügigkeit erwarten können. Doch es gibt noch mehr Vorteile. Das Haus, in dem die Festspiele Erl seit 2013 stattfinden, gehört der Haselsteiner-Privatstiftung. Gebaut hat es die Strabag. Die öffentliche Hand beteiligte sich mit insgesamt 16 Millionen Euro am Bau – das sind rund 54 Prozent der gesamten Errichtungskosten. 

Zu lange an der Macht

Kulturkorruption und Machtmissbrauch an Österreichs Kulturinstitutionen beginnt nicht mit dem Burgtheater und endet nicht mit den Festspielen. Die einstige Belvedere-Chefin Husslein-Arco hätte die IT-Wartung in ihrem Privathaus bei einem Jahresgehalt von bis zu 256.000 Euro problemlos aus der eigenen Tasche begleichen können. Und warum werden Schwächere wie die Eleven der Staatsoper oder Schauspieler am Burgtheater bloßgestellt und schikaniert? In allen Fällen stellt sich die Frage: Wieso hat jemand, dem oder der es an Einfluss und Wohlstand nicht mangelt, das Bedürfnis, die eigene Macht zu missbrauchen? Als »psychologisch verständlich« bezeichnet der ehemalige Liste-Jetzt-Klubobmann Wolfgang Zinggl, der sich schon als Kultursprecher der Grünen im Parlament mit Korruption im Kunstbereich beschäftigt hat, ein solches Verhalten. »Wer allzu lange eine große Institution leitet, kann leicht davon ausgehen, dass diese sowieso schon ihm oder ihr gehört.« Zinggls Empfehlung: die Dauer von Leitungsfunktionen auf zehn Jahre begrenzen.

Korruption in der Kulturbranche hat viele Ursachen. Die Anfänge lassen sich auf die Ausgliederungen zurückführen, so geschehen Ende der 1990er-Jahre mit den Bundestheatern und den Bundesmuseen. Die Kulturbetriebe sind seither hybride Modelle. Im Fall der Bundestheater wird eine Holding mit fünf eigenständigen GmbHs gegründet: dem Burgtheater, der Staatsoper, der Volksoper, dem Staatsballett und der Theaterservice GmbH. Aus zuvor den Ministerien unterstellten Institutionen wurden Unternehmen, die der Republik Österreich gehören. Durch die Ausgliederungen sind zwar Kontrollinstanzen wie Aufsichtsräte etabliert worden. Doch wie etwa die Causa Burgtheater ganz deutlich zeigt, werden sie ihrer Aufgabe nicht gerecht. Wie wenig Compliance von manchen erwünscht ist, verdeutlicht ein Kommentar von Helga Rabl-Stadler, seit 1995 Präsidentin der Salzburger Festspiele. Als 2008 das Antikorruptionsgesetz verschärft wird, reagiert sie alarmiert. Das Gesetz »kriminalisiert in Wirklichkeit die österreichische Gastfreundschaft«, sagt sie gegenüber Ö1. Vor allem die Geschenkannahme im Zusammenhang mit der Amtsführung und das sogenannte Anfüttern von Amtsträgern wird plötzlich unter Strafe gestellt. Der Aufschrei im Kultur- und Sportbereich ist groß. 2009 wird das Gesetz wieder abgeschwächt.

Doch einiges hat sich auch verbessert. So sind heute etwa hohe Bargeldzahlungen für Honorare per Weisung aus der Holding nicht mehr erlaubt, laut Rechnungshof haben sie sich um 89 Prozent reduziert. Auch das Vieraugenprinzip wird bei den Bundestheatern nun eingehalten. Der Weg ist trotzdem noch weit. Im Frühjahr 2019 hat der Rechnungshof für den Prüfungsbereich »Kunst, Kultur, Medien« konkreten Handlungsbedarf festgestellt, besonders was die Steuerung, Geschäftsführerverträge und Korruptionsprävention betrifft. Persönliche Übergriffe bis hin zu privaten Diensten von Mitarbeitern oder fehlende Belege für Spesen auf Kosten der Steuerzahler gehören hoffentlich bald der Vergangenheit an. Wie stellt der Tiroler Landesrechnungshof in seinem jüngsten Bericht zu den Festspielen Erl fest? Die Lieferung von »Heizöl extra leicht« für das Privathaus des Intendanten Gustav Kuhn stehe »in keinem Zusammenhang mit einer betrieblichen Veranlassung«.