Das U-Boot

Man könnte meinen Preview - Das Magazin für Freizeitgestaltung soll gar nicht gelesen werden. Das Heft ist klein und unscheinbar, 32 Seiten im A5-Format. Preview gibt es weder in der Trafik zu kaufen, noch kann man es abonnieren.

Preview betreibt keine Website, keinen Facebook-, Instagram- oder Twitter-Account. Manche der Artikel im Heft sind alt, einfache Nachdrucke von bereits erschienenen Texten, einfach von einer Webseite kopiert.

Zweimal im Jahr liegt Preview einem anderen Heft bei, dem Schau Magazin; und das wiederum wird hauptsächlich als Beilage von Tageszeitungen, etwa dem Kurier oder dem Standard, vertrieben. Preview ist die Beilage einer Beilage.

Das Vertriebsmodell erinnert an schachtelbare russische Matrjoschka-Puppen. Im Inneren angekommen, gibt es fast nur Texte, die wie redaktionelle Werbung wirken, sogenannte Advertorials. Nur, Preview hat fast keine Werbekunden.

Preview – die Beilage der Beilage (nachgestellt) 

Warum existiert so ein Heft? Und wie verdient ein Verlag damit Geld?

Die Antwort ist einfach: Weil die Stadt Wien bezahlt. Für die Ausgabe vom 6. Dezember 2017 etwa einen sechsstelligen Betrag – ohne als Geldgeberin in Erscheinung zu treten; ohne heute verraten zu wollen, wie viel genau man bezahlt hat. Am liebsten, so zeigen DOSSIER-Recherchen, will man gar nicht über Preview reden.

Mitte März 2018 wollte Neos-Gemeinderat Markus Ornig von Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) in einer schriftlichen Anfrage wissen, wie viel die Stadt für Preview (und fünf andere Beilagen) ausgegeben hat. Der scheidende Stadtrat wich der Frage aus: Mailath-Pokorny lieferte einzig eine Gesamtsumme.

Dabei hatte Ornig nach konkreten Summen für einzelne Beilagen gefragt. Auch mehrfache Nachfragen von DOSSIER blieben bisher unbeantwortet. Mit der Anfragebeantwortung durch den Stadtrat ist die Sache für uns geklärt, sagt Paul Weis, Leiter des zuständigen Presse- und Informationsdienstes (PID), gegenüber DOSSIER.

170.000 bis 200.000 Euro für ein Heft

Wie viel die Stadt für Preview bezahlt hat, lässt sich dennoch grob nachvollziehen. Für die sechs angefragten Beilagen gab die Stadt insgesamt 386.157 Euro aus. Fünf Beilagen hatten gemeinsam eine Auflage von 52.064 Stück. Mit 212.000 Stück ist Preview das mit Abstand größte und wohl teuerste der angefragten Hefte.

DOSSIER liegt die Rechnung für eine der Beilagen vor. Die Kosten der übrigen Hefte lassen sich anhand ihrer Mediadaten berechnen. Zieht man diese Beträge von der Gesamtsumme ab, bleiben 170.000 bis 200.000 Euro, die die Stadt Wien für Preview bezahlt haben dürfte.

Das ist aber nicht alles. Die Stadt finanzierte Preview nicht nur, sie half wesentlich dabei mit, die Beilage mit Inhalten zu füllen: mit Beiträgen, für die sie bereits zuvor zumindest indirekt bezahlt hat.

Keep it cheap!

So findet sich in der Dezemberausgabe von Preview ein vierseitiger Beitrag über das Phonogrammarchiv in Wien, samt Fotostrecke und Link zur Website. Der Artikel wurde schon einmal veröffentlicht – eineinhalb Jahre zuvor auf der stadteigenen Website des Club Wien.

Und obwohl der Artikel wie redaktionelle Werbung wirkt, hat die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die das wissenschaftliche Ton- und Videoarchiv betreibt, laut eigenen Angaben nicht dafür bezahlt.

Copy-Paste: Preview (6.12.2017, links), Website Club Wien (22.3.2016, rechts)

Hier Werbung zu schalten wäre aus unserer Sicht absurd, sagt Christiane Fennesz-Juhasz, die stellvertretende Direktorin des Archivs, zu DOSSIER.

Auch über Hotels und einen Wiener Skihersteller wird in Preview 2/2017 auf mehreren Seiten berichtet. Wieder inklusive Fotostrecke und Hinweis auf die Firmenwebsites – erneut unentgeltlich.

Denn auf Anfrage von DOSSIER heißt es vonseiten der Unternehmen: Die Beiträge seien ohne Gegenleistung und ohne deren Wissen entstanden. Und wieder waren die Texte zuvor fast ident auf der Website der Stadt erschienen. Was geht hier vor? Klauen die Preview-Macher fremde Inhalte?

Eine Stadt, ein Verlagshaus

Wirft man einen Blick in die Impressen von Preview und der Website von Club Wien, könnte man das zunächst glauben: Preview wird vom Norbert-Jakob-Schmid-Verlag herausgegeben, die Club-Wien-Website vom Bohmann-Verlag betreut.

Doch beide Verlagshäuser haben ihren Sitz an derselben Adresse, Leberstraße 122 in 1100 Wien  und letztlich auch dieselben Eigentümer.

Das Firmennetz des Verlagshauses (Quelle: Firmenbuch)

Sowohl der Bohmann-Verlag als auch der Norbert-Jakob-Schmid-Verlag sind 100-prozentige Tochterunternehmen der Dietrich Medien Holding GmbH. Über die Holding besitzen Gabriele Ambros und Gerhard Milletich fünf weitere Firmen, von denen viele in lukrativen Geschäftsverbindungen mit der Stadt Wien stehen.

Zentrales Vehikel ist der Bohmann-Verlag, seit 2004 produziert er stadteigene Medien, unter anderem die Website des Club Wien.

Ambros und Milletich sind in der SPÖ gut vernetzt. Gabriele Ambros begann ihre Karriere in der Anzeigenabteilung der Arbeiter-Zeitung. Von 2010 bis 2015 saß sie im Aufsichtsrat der ÖBB-Personenverkehr AG und der Rail Cargo Austria, berufen von der damaligen Infrastrukturministerin Doris Bures (SPÖ). Ihr Geschäftspartner Gerhard Milletich trat 2012 bei den Gemeinderatswahlen im Burgenland für die SPÖ an.

Warum besteht Preview aus alten Artikeln aus dem eigenen Verlagsnetzwerk? Kassieren die Verlage mehrmals für dieselben Inhalte? Weder Ambros noch Milletich wollten Fragen zu Preview und zu den Geldflüssen beantworten.

Auf Tauchstation

Obwohl es sich um einen sechsstelligen Betrag handelt, den die Stadt für eine einzige Ausgabe von Preview bezahlt, scheint der Geldfluss nirgends auf. Der Grund ist das Vertriebsmodell der Beilage.

Die seit 2012 geltende Offenlegungspflicht gilt nur für Zahlungen an periodische Medien, also jene, die mindestens viermal jährlich erscheinen. Beilagen, die weniger oft erscheinen und zudem einen eigenständigen Medieninhaber aufweisen, fallen nicht darunter.

Preview erscheint nur zweimal im Jahr. Im Impressum wird der Norbert-Jakob-Schmid-Verlag als Medieninhaber angegeben, das Schau Magazin hingegen wird von der CRM Medientrend GmbH verlegt. Zwei unterschiedliche Medieninhaber – allerdings nur auf dem Papier.

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Über die CRM Medientrend GmbH gehört das Schau Magazin ebenfalls Gerhard Milletich. Seit Mitte 2017 ist Milletich Medieninhaber, und schon zuvor hatte die Funktion ein Mann inne, der im Rathaus bestens bekannt ist: Rudolf Mathias, einst Leiter des Presse- und Informationsdienstes der Stadt Wien.

Umgehung der Meldepflicht

Es ist nicht das erste Mal, dass Steuergeld am Medientransparenzgesetz vorbei an die Verlage von Milletich und Ambros fließt. Wie DOSSIER berichtete, stellten Verlage der Dietrich Medien Holding GmbH 2013, ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des Medientransparenzgesetzes, die Erscheinungsmodalitäten mehrerer Beilagen um offenbar in Absprache mit dem Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien.

Fortan erschienen Werbebeilagen der Stadt nicht mehr periodisch und im selben Verlag wie die Hefte, mit denen sie vertrieben wurden. Sie wurden zu anderen Verlagen der Gruppe verschoben.

Insgesamt 14 Beilagen, die nach diesem Muster vertrieben wurden, fand DOSSIER im Veröffentlichungszeitraum 2012 bis Ende 2017. Am 25. April 2018 erschien das Schau Magazin erneut mit einer Beilage des Norbert-Jakob-Schmid-Verlages: Leben in Wien. Wie viel für das Heft bezahlt wurde, wollte man bei der Stadt auch in diesem Fall nicht beantworten.