Das Land, die Partei und ihre Zeitung

Eine gute Nachricht jagt die andere. Das „Neue Volksblatt“ ist eine Zeitung, in der die ÖVP oft im Rampenlicht steht. Am 19. März darf beispielsweise Andreas Khol vom Cover lächeln, das Blatt berichtet über eine „Rekord-Unterstützung“ und einen „eindrucksvollen“ Start seiner Kandidatur zur Bundespräsidentenwahl. Kein Wunder: Das „Neue Volksblatt“ gehört der ÖVP Oberösterreich und ist die letzte Tageszeitung im Besitz einer Partei. 

Faksimile, "Neues Volksblatt", 19.03.2016

Interessant sind nicht nur die Besitzverhältnisse dieses Blattes, sondern vor allem dessen Inseratengeschäfte. Alleine seit Inkrafttreten des Medientransparenzgesetzes, das seit 2012 die Geldflüsse von öffentlichen Stellen an Medien sichtbar macht, inserierte das Land Oberösterreich für rund eine Million Euro in der Parteitageszeitung. Hinzu kommen im selben Zeitraum weitere 832.000 Euro von landeseigenen Unternehmen, etwa der Energie AG Oberösterreich oder der Oberösterreichischen Thermenholding, in deren Aufsichtsräten hochrangige ÖVP-Mitglieder sitzen.

Dabei gibt es nicht einmal offizielle Zahlen darüber, wie viele Leserinnen und Leser das „Neue Volksblatt“ genau erreicht, ein für Werbekunden gewöhnlicherweise entscheidendes Kriterium bei der Vergabe von Inseraten. Die Zeitung lässt sich weder von der Österreichischen Auflagenkontrolle überprüfen, noch gehört sie der Media-Analyse an, die die Reichweite von Zeitungen ermittelt. Stattdessen beauftragt das Blatt einen Wirtschaftsprüfer, der die Auflage mit 19.000 Stück angibt. Zum Vergleich: Das Konkurrenzmedium „Oberösterreichische Nachrichten“ („OÖN“) hat eine Druckauflage von 134.000 Exemplaren – bestätigt durch die branchenweite Auflagenkontrolle.

„Ein politisches Motiv“

Die ungleiche Verteilung der Landesinserate wird ersichtlich, wenn man die Zahlen der Blätter vergleicht: Bei den „OÖN“ inserierte das Land Oberösterreich 2015 für knapp 526.000 Euro. Das „Neue Volksblatt“ hingegen erhielt rund 330.000 Euro im selben Zeitraum – dabei entspricht die Auflage der Parteizeitung einem Siebentel. Oder anders gerechnet: Pro gedrucktem Exemplar flossen 5,8 Cent Inseratengelder des Landes zum „Neuen Volksblatt“, zu den „OÖN“ hingegen 1,3 Cent.

Ausgaben des Landes Oberösterreich für Inserate pro gedruckter Zeitung

Anmerkung: Es wäre besser, könnte man die Inseratenausgaben pro Leser vergleichen, nur gibt es die Zahlen für das „Neue Volksblatt“ nicht.

„Diese Relationen sprechen deutlich für ein politisches Motiv. Über den eigenen Funktionärskreis der ÖVP geht die Leserschaft des ‚Neuen Volksblatts‘ wohl kaum hinaus, wenn man die Mitgliederzahlen mit der deklarierten Druckauflage vergleicht“, sagt Politologe Hubert Sickinger, ein Experte für Parteifinanzen. Ein Blick ins Blatt zeigt, dass Anhänger der Volkspartei auch stark mit Neuigkeiten versorgt werden. Vor dem Valentinstag posiert Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) mit Blumen, im Bildtext darunter heißt es: „Den morgigen Valentinstag nützt die OÖVP auch heuer wieder, um Oberösterreicherinnen mit einer kleinen Aufmerksamkeit zu überraschen.“

Faksimile, "Neues Volskblatt", 13.02.2016

Interessanterweise will das „Neue Volksblatt“ nicht als Parteizeitung eingestuft werden. „Wir haben zwar einen politischen Eigentümer, sind aber sicher keine Parteitageszeitung. Bei anderen Medien ist der Eigentümer oft eine Bank oder ein kirchliches Unternehmen. Wir sind eine regionale Volltageszeitung, die dem christlich-sozialen Gedankengut verpflichtet ist“, antwortet Verlagsleiter Walter Dipolt schriftlich auf eine Anfrage – zu Interviews waren weder er noch andere Verantwortliche beim „Neuen Volksblatt“ oder der ÖVP Oberösterreich bereit. „Ich ersuche Sie, zu respektieren, dass es sich beim ‚Neuen Volksblatt‘ um eine Kauftageszeitung wie viele andere handelt“, schreibt Wolfgang Hattmannsdorfer, Geschäftsführer der Media Data, des Verlages, der das Blatt herausgibt. Er ist zufällig auch der Landesgeschäftsführer der ÖVP in Oberösterreich. Dazu aber später.

Dass man auch von den Inseraten öffentlicher Institutionen lebe, darin sieht man beim „Neuen Volksblatt“ jedenfalls nichts Ungewöhnliches. „Wie andere Verlagshäuser bemühen wir uns darum, sowohl aus der Wirtschaft als auch von der öffentlichen Hand Inserate zu lukrieren. Da ist das Volksblatt keine Ausnahme. Alle Verlagshäuser erhalten Inserate der öffentlichen Hand. Die Bilanzen anderer Tageszeitungen würden ohne diese Inserate auch anders aussehen“, meint Verlagsleiter Dipolt. Wie hoch der Anteil der Anzeigen aus der Wirtschaft und wie hoch jener aus öffentlicher Hand ist, will er aber nicht sagen. Eine solche Statistik werde nicht geführt.

„Aus marketingtechnischer Sicht, wenn ich möglichst viele Menschen erreichen will und wenn ich will, dass meine Werbung eine Wirkung hat, dann schalte ich nicht im ‚Neuen Volksblatt‘. Hier stimmt die Verhältnismäßigkeit einfach nicht“, sagt Walter Schwaiger, Geschäftsführer des oberösterreichischen Marktforschungsinstituts Media Affairs im Interview mit DOSSIER. Denn ohne offizielle Zahlen zur Reichweite sei keine Berechnung des Werbewertes möglich. Genau diese für die Werbewirtschaft entscheidende Überlegung, dürfte beim Land Oberösterreich jedoch keine Rolle spielen.

Wie das Land die überproportional hohen Werbeausgaben in der Parteitageszeitung dennoch rechtfertigt, lesen Sie am 30. März im zweiten Teil „Die Gießkanne des Landes“.