Rätselhafte Millionen

2011, Jahr sieben im Netz der Gratiszeitung. Heute ist Marktführerin in Wien, österreichweit wird sie bald nur noch hinter der Kronen Zeitung auf Platz zwei liegen. Der Aufstieg der Gratiszeitung ist in Österreichs Zeitungsmarkt bespiellos. Die Jahresabschlüsse belegen den Erfolg: Bereits im zweiten Geschäftsjahr (2005) bilanziert die AHVV Verlags GmbH, die Firma hinter Heute, mit 454.771,96 Euro positiv. Insgesamt schütten sich die Gesellschafter der AHVV seit der Gründung Gewinne von rund 38,5 Millionen Euro aus; davon alleine im Jahr 2011 32,4 Millionen. Hier gehen die Widersprüche im Netz der Gratiszeitung weiter: Wer sich die Zahlen näher ansieht, stößt auf rätselhafte Geldflüsse.

Geschäftsverlauf der AHVV Verlags GmbH 2004 bis 2012

So erhält die AHVV im Jahr 2011 einen „Gesellschafterzuschuss über 30 Mio. Euro“, wie es in der Bilanz der Firma heißt. Im selben Geschäftsjahr zahlen sich die Gesellschafter fast exakt dieselbe Summe, nämlich 32,4 Millionen Euro, wieder aus – „im Ausmaß der Beteiligungsverhältnisse“. Heute-Herausgeberin und Geschäftsführerin Eva Dichand gibt Ende August 2014 dazu gegenüber DOSSIER keine Erklärung ab. Ihr Kollege in der Geschäftsführung, Wolfgang Jansky, stellte im Jahr 2011 bereits klar:

(...) zu aktuellen, aber auch historischen, strategischen Entscheidungen des Verlages, damit verbundenen Kosten, sowie wirtschaftlichen Fragen geben wir, wie jedes andere Unternehmen, keine Informationen nach außen.

Bilanzexpertinnen und -experten, die DOSSIER dazu befragte, reagierten erstaunt. „Das ist unüblich“, sagt eine; „erstaunlich“ nennt es ein anderer. Richtig einen Reim können sie sich auf den Vorgang nicht machen. Das Unternehmen, die AHVV Verlags GmbH, steht wirtschaftlich gut da. In den Jahresberichten wird die wirtschaftliche Lage „in jeder Hinsicht als zufriedenstellend“ beschrieben, Schulden bei Kreditinstituten finden sich in den Bilanzen keine, auch die Konten sind prall gefüllt – um einen Zuschuss, der das Unternehmen stützen soll, kann es sich nicht handeln.

Was steckt dann dahinter? Eine mögliche Erklärung: eine Kapitalverteilung. Würde ein Gesellschafter Geld in das Unternehmen einlegen, entstünde daraus ein Bilanzgewinn über denselben Betrag – sofern das Unternehmen, wie im Fall von Heute, keine Verluste schreibt. Dieser Bilanzgewinn könnte in weiterer Folge an alle Gesellschafter ausgeschüttet werden. Das hieße: Das Kapital fließt von einem Gesellschafter, der das Geld einlegt, zu anderen – „im Ausmaß der Beteiligungsverhältnisse“. Im Netz der Gratiszeitung taucht das Verhältnis von 74 zu 26 wieder auf.

Zur Erinnerung: Schon bei der Gründung der Gratiszeitung am 1. Juni 2004 müssen zumindest zwei Personen im Verhältnis 74 zu 26 hinter dem damaligen Treuhänder, dem SPÖ-nahen Steuerberater Gerhard Nidetzky, gestanden sein. Im Frühjahr 2005 übernimmt die Periodika Privatstiftung alle Anteile an Heute. Ein halbes Jahr später beteiligt sich die Fidelis Medien- und Zeitschriftenverlags GmbH zu 74 Prozent an Heute, die Fidelis-Connection entsteht. Nun halten zwei Stiftungen die Anteile: Die Periodika Privatstiftung ist unmittelbar zu 26 Prozent an der Gratiszeitung beteiligt. Die Urbania Privatstiftung hält indirekt – über die Fidelis – 37,74 Prozent. Am 14. November 2006 überträgt die Urbania ihre Anteile an die Periodika, der Jansky-Havranek-Deal wird vollzogen. Von November 2006 bis Mai 2012 sieht das Netz so aus:

Heute-Firmenkonstruktion zwischen November 2006 und Mai 2012

Im relevanten Geschäftsjahr, dem Jahr 2011, in dem die AHVV-Gesellschafter rund 30 Millionen Euro ins Unternehmen schießen und sich diese gleich wieder auszahlen, hält die Fidelis laut Firmenbuch 74 Prozent der Anteile, die restlichen 26 besitzt die Periodika. Ein Jahr später wird bekannt und von der Bundeswettbewerbsbehörde bescheinigt, dass der eigentlich im Firmenbuch ersichtliche Eigentümer der Fidelis, Günther Havranek, seit Dezember 2005 die Anteile treuhändisch hält. Treugeberin ist Heute-Herausgeberin Eva Dichand. Sollte es sich also tatsächlich um eine Kapitalverteilung handeln, stellt sich die Frage: Fließt das Geld von Eva Dichand an die Periodika Privatstiftung oder umgekehrt? Eine spannende Frage – nur jene, die sie beantworten könnten, schweigen.