Gute Geschäfte, bessere Verbindungen

5. September 2014, 01:46 Uhr. Eva Dichand twittert ein Foto. Wenige Stunden zuvor hat die Heute-Geschäftsführerin zum „Fest des Jahres“ geladen. Der Anlass: das zehnjährige Jubiläum der Gratiszeitung. Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Society ist ihrer Einladung ins Untere Belvedere in Wien gefolgt. Der Bundeskanzler, sieben Ministerinnen und Minister, drei Landeshauptleute, die Chefs der politischen Opposition und ein Kardinal. „Fast ein Staatsakt”, nennt es die APA in einer Meldung. Offen werden die Verbindungen zwischen der Heute-Chefetage und Österreichs Politik zur Schau getragen. Was der Öffentlichkeit nicht gesagt wird: In den vergangenen zehn Jahren inserierten öffentliche Stellen bzw. Unternehmen um rund 84 Millionen Euro in der Gratiszeitung. Dabei handelt es sich um Steuergeld oder um Kapital aus öffentlichen Unternehmen, die in vielen Fällen mit Steuergeld subventioniert werden. Gute Geschäfte. Was den Leserinnen und Lesern noch verschwiegen wird, sind die besseren Verbindungen im Hintergrund. Im Netz der Gratiszeitung bleiben diese oft im Verborgenen – wie auch jene zu Martina Ludwig-Faymann, SPÖ-Abgeordnete im Wiener Landtag und Ehefrau von SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann.

Die Gattin des Kanzlers

Wie DOSSIER-Recherchen zeigen, taucht des Kanzlers Gattin schon im Jahr 2007 im Netz der Gratiszeitung auf. Zu dieser Zeit soll sie beim Launch des Gratis-Wochenendmagazins LiVE mitgearbeitet haben, wie ehemalige Heute-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter DOSSIER erzählen. Auf DOSSIER-Anfrage streitet das Ludwig-Faymann ab. „Ich war zu keinem Zeitpunkt bei ‚Heute’ beschäftigt“, es seien nie Unvereinbarkeiten vorgelegen, schreibt die SPÖ-Landtagsabgeordnete in einer E-Mail. Da es in diesem Fall aber nicht um die Gratiszeitung, sondern um ein mit Heute eng verwandtes Medienprodukt, das Wochenendmagazin LiVE geht, fragt DOSSIER nach:

Nach den uns vorliegenden Informationen waren Sie beim Launch des Wochenmagazins ‚LiVE’ für die FF Zeitschriftenverlags GmbH mit der damaligen Geschäftsanschrift Heiligenstädter Straße 52 tätig. Die FF gehörte laut Firmenbuch damals der AHVV Verlags GmbH, also dem Verlag hinter ‚Heute’. FF-GeschäftsführerInnen waren Eva Dichand und Wolfgang Jansky.

  • Welches Arbeitsverhältnis hatten Sie mit der FF Zeitschriftenverlags GmbH (zB. Werkvertrag,...)?
  • Wie hoch waren die Einkünfte, die Sie für Ihre Tätigkeit für die FF Zeitschriftenverlags GmbH erhielten?

Das war am 1. September 2014, eine Antwort der Abgeordneten steht bis heute aus. 2011 berichtete die Stadtzeitung Falter über einen anderen Job von Martina Ludwig-Faymann. Dem Artikel zufolge packte sie beim Relaunch von Fair Wohnen, dem Mitgliedermagazin der „Mietervereinigung Österreichs“, einer SPÖ-nahen Interessenvertretung für Mieterschutz und Mietrecht, mit an. Fair Wohnen wurde damals wie heute von der QMM Quality Multi Media GmbH produziert; einer Firma, die der Periodika Privatstiftung und damit einer Heute-Eigentümerin gehört.

Aber kurz zurück zum Wochenendmagazin. LiVE startet am 16. März 2007 und liegt der werktags erscheinenden Gratiszeitung Heute fortan am Freitag bei. Herausgegeben wird LiVE von der FF Zeitschriftenverlags GmbH. Zwischen Dezember 2006 und Jänner 2008 ist die AHVV Verlags GmbH, der Verlag hinter Heute, einzige Eigentümerin. Sie hatte die Anteile von einer alten Bekannten im Firmennetz übernommen: der Urbania Privatstiftung – jener Stiftung, die einst auch über die Fidelis-Connection Eigentümerin der Gratiszeitung Heute war; jener Stiftung, die einst das von Werner Faymann initiierte Wohnmagazin Die Stadt herausgegeben hatte; jenes Magazin, für das Faymanns rechte Hand, Josef Ostermayer, einst Inserate in Millionenhöhe besorgt hatte; jenes Magazin, das im selben Monat, in dem sich die AHVV an der FF beteiligt, dem Dezember 2006, zum letzten Mal erscheint.

Auf Du und Du im Café Demel

Besonders engmaschig ist das Netz zwischen SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann und Heute-Geschäftsführerin Eva Dichand. Gemeinsam mit anderen gründen der damalige Wiener Wohnbaustadtrat Faymann und die Noch-Investmentbankerin im Frühjahr 2004 den Rotary Club „Wien-Stephansplatz“, Clubnummer 65.254. Die Mitglieder sind per Du und treffen sich jeweils mittwochs um 13 Uhr in den Räumen des Café Demel – einst Sitz von Udo Prokschs „Club 45“. Andere Rotarier nennen den Club „Wien-Stephansplatz“: „Ehrgeizler-Loge“. 2006 wird auch Josef Ostermayer als Mitglied aufgenommen.

Die Medienszene betritt Eva Dichand erstmals offiziell im Februar 2005 – als Herausgeberin des von Werner Faymann initiierten Gratismagazins Die Stadt. Ein toller Start für Dichands Medienkarriere: Im September desselben Jahres übernimmt sie die Geschäftsführung der AHVV Verlags GmbH, dem Verlag hinter Heute. Neun Jahre später ist Dichand Geschäftsführerin und Herausgeberin der größten Zeitung Wiens und der zweitgrößten des Landes. Auch für Werner Faymann geht es steil bergauf, seit 2008 regiert er die Republik. Dichands Karriere begleitet er freundschaftlich. So fährt Faymann am 1. Juli 2009, mittlerweile Bundeskanzler, in den 19. Wiener Gemeindebezirk, um der Heute-Geschäftsführung – seinem alten Bekannten und Weggefährten Wolfgang Jansky und seiner rotarischen Freundin Eva Dichand – zur neuen Redaktion zu gratulieren. Gemeinsam mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) durchschneidet Faymann das rote Band und eröffnet den Newsroom. Wenige Stunden später begeht er sein erstes Kanzlerfest. Doch die Verbindungen im Netz der Gratiszeitung sind noch enger und reichen noch weiter zurück als ins Jahr 2004 und zur Gründung des Rotary-Clubs „Wien-Stephansplatz“. Viel weiter.

Heute-Co-Geschäftsführer Wolfgang Jansky und Bundeskanzler Werner Faymann kennen sich bereits seit ihrer Jugend: Faymann und Jansky engagieren sich Anfang der 80er-Jahre gemeinsam bei den Wiener Jungsozialisten und später bei der SPÖ-Bezirksorganisation Wien-Liesing. Dort treffen sie auf Mitstreiter, auf langjährige Weggefährten: Christian Deutsch etwa, seit 2001 SPÖ-Abgeordneter zum Wiener Landtag und Mitglied des Gemeinderates und Doris Bures, ehemals Verkehrsministerin (2008 bis 2014) und seit 2. September 2014 Präsidentin des österreichischen Nationalrats.

Bures ist die ehemalige Lebensgefährtin des Heute-Geschäftsführers Wolfgang Jansky. Gemeinsam haben sie eine Tochter. Auf eine andere private Beziehung des Geschäftsführers war DOSSIER bei seinen Recherchen im Jahr 2012 im Staatssekretariat von Josef Ostermayer gestoßen: Elvira Franta. Franta war damals Ostermayers Pressesprecherin, heute arbeitet sie im Wiener Rathaus. 2012 bestätigte sie DOSSIER, dass Josef Ostermayer im Jahr 2004, dem Jahr der Zeitung, für das Wohnmagazin Die Stadt Inserate beschafft hatte. Zehn Jahre später stoßen sie gemeinsam im Unteren Belvedere auf den Erfolg der Gratiszeitung Heute an.