Gezielte Denunzierungen

Dienstag, 16. September 2014, vier Minuten vor drei. Eva Dichand sollte längst bei den Österreichischen Medientagen sein; Heute, ihre Zeitung, das erfolgreichste österreichische Printprodukt des vergangenen Jahrzehnts, ist auf der bedeutendsten Messe der heimischen Verlagsbranche prominent vertreten. Schon beim Betreten der Veranstaltung am Gelände der neuen Wirtschaftsuniversität Wien ist für die Besucherinnen und Besucher nicht zu übersehen: Dichands Gratiszeitung hat den auffälligsten Stand. Unter einem riesigen Heute-Plakat empfangen Mitarbeiter in Heute-T-Shirts die Gäste.

Eigentlich sollte die Heute-Herausgeberin seit einer halben Stunde auf der Bühne neben anderen prominenten Zeitungsmachern sitzen. Seit 14:30 Uhr läuft im Saal 1 die Diskussion „Transformation durch Innovation – Printmedien auf dem Prüfstand“. Doch Dichands Platz ist leer. Wenige Stunden zuvor hat sie erfahren, dass DOSSIER im Anschluss daran den Medienzukunftspreis 2014 verliehen bekommt.

Statt zu diskutieren, greift Dichand in die Tasten. Um 14:56 Uhr twittert sie: „Serie zu Heute ist eine (sic!) Konvolut von Denunzierungen, falschen Graphiken+Zahlen, pseudo reißerisch geschrieben wie ein schlechter Schulaufsatz“. In einem anderen Tweet nennt sie DOSSIER eine „Denunzierungsplattform“. Damit nicht nur Österreichs Twitteria mitbekommt, was die Heute-Herausgeberin von der DOSSIER-Artikelserie über ihre Zeitung hält, die knapp eine Woche zuvor erschienen ist, lässt sie eine Presseaussendung ausschicken: „Dossier.at bekommt Medien-Zukunftspreis 2014 für schlecht recherchierte Denunzierungen.“

Selten war eine Aussendung so entlarvend wie jene des 16. September 2014. Deutlich zeigt sich darin jenes Muster, auf das DOSSIER in seinen Recherchen immer wieder gestoßen ist: verdrehte Fakten und Falschinformationen, die verwirren, vom Eigentlichen ablenken sollen – nämlich der Frage, wer Heute gegründet hat. Bevor DOSSIER Sie Punkt für Punkt durch Dichands Presseaussendung führt und die Fakten richtigstellt, hier eine kurze chronologische Zusammenfassung der Ereignisse.

Die Fakten, Frau Dichand, die Fakten

Mit Bedauern müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass der Mannsteinverlag (sic!) heute den Medien-Zukunftspreis unter anderem an dossier.at vergibt. Große Teile der auf dossier.at verbreiteten ,Rechercheergebnisse‘ über HEUTE bzw. dessen Eigentümerstruktur sind schlichtweg falsch. Seit Jahren verbreitet die Plattform gezielte Denunzierungen. Die auf mehreren Seiten graphisch dargestellte Beteiligungsstruktur von HEUTE, welche in einer Art Verschwörungstheorie versucht eine Verbindung zwischen AHVV/HEUTE mit der Urbania Stiftung oder Herrn Dr. Günther Havranek als Treuhänder bzw. gar als Eigentümer darzustellen, ist schlichtweg FALSCH. Beide Genannten waren NIEMALS weder direkt noch indirekt an der AHVV beteiligt.

OTS-Presseaussendung der AHVV Verlags GmbH, 16. September 2014

Blicken wir ins Firmenbuch – auf die Fakten.

Im Netz der Gratiszeitung entsteht am 22. Dezember 2004 die Fidelis Medien- und Zeitschriftenverlags GmbH. Ihre Eigentümer sind damals: zu 51 Prozent Günther Havranek, zu 49 Prozent die Urbania Privatstiftung. Eva Dichand ist Geschäftsführerin der Fidelis. Im Februar 2005 übernimmt die Fidelis ein von Werner Faymann – damals SPÖ-Wohnbaustadtrat, heute Bundeskanzler – initiiertes Wohnmagazin. Das Magazin ist voll mit Anzeigen von Firmen und Ressorts, die Faymann unterstehen. Einen großen Teil der Inserate hatte Josef Ostermayer, Faymanns rechte Hand, heute Bundesminister für Kunst und Kultur (SPÖ), beschafft. Zwischen Oktober 2003 und Oktober 2004 ist Ostermayer Vorstandsvorsitzender der Urbania Privatstiftung, der ursprünglichen Herausgeberin des Wohnmagazins.

Am 23. September 2005 beteiligt sich die Fidelis zu 74 Prozent an der AHVV Verlags GmbH, dem Unternehmen, das die Gratiszeitung Heute herausgibt. Eva Dichand wird am selben Tag Geschäftsführerin der AHVV. Sie leitet nun also parallel die Geschäfte des Wohnmagazins und der Gratiszeitung.

14 Monate lang hält die Fidelis laut Firmenbuch Anteile an der AHVV. Hinter der Fidelis stehen die Urbania Privatstiftung und Günther Havranek. Im November 2006 verkauft die Urbania ihre Anteile an der Fidelis zur Gänze an die Periodika Privatstiftung, der Jansky-Havranek-Deal wird vollzogen.

Im November 2006 überträgt die Urbania die Anteile an die Periodika Privatstiftung.

Wer steckt hinter Heute?

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Wie durch das Offenlegungsgesetz verlangt, wurde die Treuhandschaft der Fidelis GmbH, die 74 % der AHVV für die Pluto Privatstiftung treuhändig gehalten hat, vor einiger Zeit offengelegt. Die Fidelis GmbH hatte NIEMALS Anteile an der AHVV, sondern fungierte als reine Treuhandhülle. Auf dieser Behauptung baut jedoch die Verschwörungstheorie von dossier.at auf. Wie mehrmals publiziert, gab es zu keinem Zeitpunkt eine Verbindung zu einer politischen Partei, Geldflüssen oder Haftungen irgendwelcher Art, außer den zwei Stiftungen Periodika und Pluto, welche die AHVV betreffen.

OTS-Presseaussendung der AHVV Verlags GmbH, 16. September 2014

Erneut zu den Fakten: Am 8. Mai 2012 veröffentlicht die Gratiszeitung den Artikel „Heute legt Eigentümerstruktur offen“, mit dem die „teils haarsträubenden Spekulationen über die ,Heute‘-Eigentümer ein für alle Mal“ beendet werden sollen. Eva Dichand stützt sich auf eine Untersuchung der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB). Neben dem von ihr verfassten Text sind das Bundeswappen und ein Faksimile der BWB abgebildet. „Vielmehr ist Fidelis seit Dezember 2005 treuhändisch für die Pluto Privatstiftung tätig“, steht darin. 

Das Problem: Die Stiftungsurkunde der von Eva Dichand und ihrem Bruder gegründeten Pluto Privatstiftung wird erst am 19. Dezember 2005 niedergeschrieben. Die Fidelis hatte sich aber bereits im September 2005 zu 74 Prozent an der AHVV, der Firma hinter Heute, beteiligt. Es fehlen drei Monate – was, sofern die Fidelis auch schon früher eine „Treuhandhülle“ gewesen sein soll, wie Eva Dichand behauptet, eine Frage aufwirft: Wer steckt in den drei Monaten dahinter, ist also Treugeber?

Willkommen im Mittelpunkt des Netzes. Auch Eva Dichands mehrfach geäußerte Behauptung, „außer den zwei Stiftungen, Periodika und Pluto“ stünde sonst niemand hinter Heute, ist falsch. Denn: Weder die Periodika noch die Pluto Privatstiftung existieren am Tag der Heute-Gründung, dem 1. Juni 2004. Die Stiftungsurkunde der Periodika wird am 29. September 2004 niedergeschrieben,  jene der Pluto überhaupt erst am 19. Dezember 2005. Einzig eine Stiftung, die im Netz der Gratiszeitung öfters auftaucht und der damals Josef Ostermayer vorsitzt, existiert am 1. Juni 2004: die Urbania Privatstiftung. Wenn es die Urbania nicht ist – wie Dichand und auch der heutige Bundesminister für Kunst und Kultur Josef Ostermayer (SPÖ) behaupten –, welche ist es dann? Wer steht am 1. Juni 2004 hinter dem SPÖ-nahen Treuhänder, dessen Firma die Anteile an der AHVV zu diesem Zeitpunkt hält?

Gründung, Expansion und ein Zeitungskrieg

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Viele weitere Behauptungen auf dossier.at entsprechen ebenso nicht der Wahrheit. Es wird gezielt versucht darzustellen, dass HEUTE nur aufgrund öffentlicher Inserate erfolgreich war. Das ist ebenfalls falsch.

OTS-Presseaussendung der AHVV Verlags GmbH, 16. September 2014

Die Aussage, Heute sei „nur“ aufgrund öffentlicher Inserate erfolgreich, hat DOSSIER nie getroffen. Richtig ist: Die DOSSIER-Erhebungen zeigen, dass seit der Gründung durchschnittlich rund ein Drittel der geschalteten Anzeigen von der öffentlichen Hand und von öffentlichen Unternehmen stammt. Dieser Anteil ist in den ersten beiden Jahren noch um einiges höher.

Verhältnis der Inseratenvolumina: Öffentliche Hand vs. Privatwirtschaft (* 1. Heute-Ausgabe am 6. September 2004)

Das Verhältnis „Öffentlicher Hand“ zu „Privatwirtschaft“ ist vor allem in der Gründungsphase relevant, da private Firmen beim Start neuer Medienprodukte üblicherweise zurückhaltend sind. Gerade die Frage nach der Startfinanzierung ist äußerst spannend. Mehrfach hatte Heute-Herausgeberin Eva Dichand in Interviews gesagt, dass die Gratiszeitung einzig über einen Drei-Millionen-Euro-Kredit finanziert worden sei. Auch im Artikel „Heute legt die Eigentümerstruktur offen“ schreibt Dichand: „Die Finanzierung von ,Heute‘ erfolgte über einen Kredit der Bank Austria. Abgesehen davon gab es keine weiteren Geldmittel, Garantien oder Haftungen.“

Zurück ins Firmenbuch, zu den Jahresabschlüssen der AHVV, der Firma hinter Heute.

In diesen scheint der Kredit in den stichtagsbezogenen Bilanzen der AHVV nicht auf. Im ersten Geschäftsjahr gibt die AHVV im Jahresabschluss 2004 an: „Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten: 538.015,50“, Restlaufzeit „bis ein Jahr“. Ein Jahr später fällt dieser Punkt aus der Bilanz und wird danach nicht mehr aufscheinen. 2005 weist die AHVV bereits einen Bilanzgewinn von 454.771,96 Euro aus. Seither ist Heute eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte: Die Firma schreibt keine Verluste, die Kassen sind prall mit Geld gefüllt.

Die Heute-Macher schaffen es mit dem Drei-Millionen-Euro-Kredit nicht nur, eine Redaktion, ein Vertriebsnetz und andere Unternehmensstrukturen aufzubauen. Heute kann expandieren; rasant, in den Speckgürtel rund um Wien, in Niederösterreichs Städte – und nach Graz. Mitte des Jahres 2006 entfacht Heute in der steirischen Landeshauptstadt den Grazer Zeitungskrieg; ein Kräftemessen mit dem lokalen Platzhirsch, dem Styria-Konzern, der neben anderen die Kleine Zeitung und Die Presse herausgibt.

Nachdem bekannt geworden ist, dass Heute in Graz erscheinen soll, bringt die Styria ab Mai 2006 ein eigenes Gratisprodukt heraus, die Gratiszeitung o.k. – ein „strategisches Projekt“ zur Verteidigung der Heimmärkte, wie der damalige Styria-Vorstand Horst Pirker dem Standard später sagen wird. Fast genau ein Jahr lang kämpfen Heute und o.k. um den Grazer Gratiszeitungsmarkt – und verbrennen Geld, viel Geld. Laut Pirker kostet der Kampf den Styria-Konzern „mehr als die medial kolportierten fünf Millionen Euro“. Zahlen zu den Kosten der Gratiszeitung Heute sind nicht bekannt. Geht man davon aus, dass Heute ähnlich hohe Ausgaben hatte, stellt sich die Frage: Woher haben die Heute-Macher im dritten Geschäftsjahr das Geld, um sich auf ein Kräftemessen mit der Styria einzulassen?  

„Schande für die Medienlandschaft“

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Es ist eigentlich traurig und eine Schande für die Medienlandschaft in Österreich, dass viele renommierte Medien die Denunzierungen von dossier.at mit Schadenfreude immer wieder abdrucken – OHNE diese zu hinterfragen oder genauer zu recherchieren. Man kann nicht jemanden auszeichnen oder dauernd positiv zitieren, nur weil man das dort Behauptete gerne kommuniziert sieht. Qualitätsjournalismus heißt, auch gegen die persönliche Meinung bei der Wahrheit zu bleiben und Tatsachen zu berichten‘, findet Eva Dichand.

OTS-Presseaussendung der AHVV Verlags GmbH, 16. September 2014

DOSSIER berichtet Tatsachen und legt seine Quellen offen. Mehrfach hatte Eva Dichand DOSSIER mit Klage gedroht. Vor der Veröffentlichung der Artikelserie „im Netz der Gratiszeitung“ schrieb auch ihr Rechtsvertreter, der bekannte und auf Medienrecht spezialisierte Anwalt Michael Rami, der Redaktion:

Meine Mandantin verwehrt sich gegen alle ehrenbeleidigenden und rufschädigenden Äußerungen (siehe § 1330 ABGB), insbesondere gegen den von Ihnen der Sache nach geäußerten Vorwurf, zwischen meiner Mandantin und der SPÖ gebe es Geldflüsse bzw. Inhalte von ,Heute‘ würden von der SPÖ beeinflusst oder gar mitgestaltet werden. Sollten derartige Behauptungen veröffentlicht werden, wird meine Mandantin ohne Zögern alle nötigen rechtlichen Schritte ergreifen.

Michael Rami, E-Mail vom 29.8.2014

Bis heute hat Eva Dichand ihre Drohung nicht wahr gemacht.