ORF im Glück

Der ORF hat auffällig viele Glücksspielinhalte im Programm. Er strahlt Werbung für fragwürdige, gar illegale Spiele aus und macht über eine Beteiligung selbst gute Geschäfte mit Glücksspielen. Darüber spricht man beim ORF nicht gerne. Hat der Öffentlich-Rechtliche ein Glücksspielproblem?

Auf Knopfdruck fliegt der Hubschrauber ein und setzt die Bar am Sandstrand ab. Die Party kann beginnen. Vorausgesetzt, man ist „reicher als reich“, so der Werbespot von EuroMillionen. Seit Jahren lockt das Lotteriespiel mit enormen Gewinnsummen, oft jenseits von 100 Millionen Euro, und immer mehr Menschen spielen mit. Nach Angaben der Österreichischen Lotterien, die das Glücksspiel 2004 in Österreich einführten, hat sich der Umsatz von 132 Millionen (2005) auf 306 Millionen im Jahr 2015 mehr als verdoppelt. Einzig die Automatenkasinos WINWIN entwickelten sich im selben Zeitraum noch besser.

An der Erfolgsgeschichte schreiben und schneiden auch Österreichs Medien kräftig mit – keiner so sehr wie der ORF. Für den Öffentlich-Rechtlichen sind Glücksspiele wie EuroMillionen ein Dreifachjackpot: Es gibt Geld für die Werbung, es gibt Geld für die passende Glücksspielsendung im Programm. Und schließlich gibt es noch einmal Geld über die Beteiligung an den Österreichischen Lotterien – der ORF verdient also auch an den Umsätzen jener Glücksspiele, die er im Programm breit bewirbt. So viel Glück wie der ORF hat keine andere öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt im deutschsprachigem Raum.

„Kein betriebsnotwendiges Vermögen“

Weder in Deutschland noch in der Schweiz ist eine Rundfunkanstalt an einem Glücksspielkonzern beteiligt. Man stelle sich den Aufschrei vor, wäre die ARD Geschäftspartner des deutschen Automatenriesen Gauselmann. In Österreich stört es indes nicht weiter, dass der ORF seit kurzem auch mit Novomatic im selben Firmenboot sitzt. 

Ausschnitt aus der komplexen Eigentümerstruktur der Lotterien, Stand: Juli 2016

Selbst die Kritik des heimischen Rechnungshofes an der Glücksspielbeteiligung des ORF verhallte mehrfach. 2009 und 2012 stellten die Prüferinnen und Prüfer fest, dass es sich dabei um „kein betriebsnotwendiges Vermögen“ handelt. Sie empfahlen, die Anteile zu verkaufen. Der ORF reagierte abwehrend:

„Bei den Anteilen an der Österreichischen Lotterien Gesellschaft m.b.H. sei zu berücksichtigen, dass diese ein überaus wichtiger Partner des ORF ist. Eine über diese Position des Geschäftspartners hinausgehende Einflussmöglichkeit bringe dem ORF auch finanzielle Vorteile.

Während in Deutschland vor wenigen Jahren sogar die Lotto-Ziehung aus den Programmen der Öffentlich-Rechtlichen flog, vergeht beim ORF so gut wie kein Tag ohne Glücksspiel: Neben EuroMillionen läuft zweimal in der Woche die Ziehung von Lotto 6 aus 45 (samt Joker), einmal Bingo, die Brieflosshow, Toitoitoi, das Klassenlos und nicht zu vergessen: Money Maker, die tägliche sommerliche Gelddusche. So kommt es, dass der ORF zurzeit mehr Glücksspiele im Programm hat als alle deutschen und Schweizer öffentlichen-rechtlichen Rundfunkanstalten.

Bingo

Einführung: 1999

Erstausstrahlung: 1999

Hauptgewinn: Abhängig von den gespielten Tipps

Gewinnwahrscheinlichkeit: 1 : 98.417,2 (Normales Bingo)

Ausschüttungsquote nach Umsatz:  40% (exkl. Sonderdotierung des 1. Ranges)

Dauer der Sendung: ca. 34 Minuten

Sendeplatz: Samstag, 18.20 Uhr

Ablauf: Die Bingo-Zahlen werden in der Sendung ermittelt. Zusätzlich treten die Studiogäste in fünf Gruppen gegeneinander an. Die Studiogäste werden aus Bingo-Spielern und nach Bezirken ermittelt.

Money Maker

Einführung: 1996

Erstausstrahlung: 1996

Hauptgewinn: Gelddusche / 10.000 Euro

Gewinnwahrscheinlichkeit: 1:13.800 / 1:276.000

Ausschüttungsquote nach Umsatz: 71 %

Dauer der Sendung: ca. 3 Minuten

Sendeplatz: Mo bis Fr, ca. 19.20 Uhr (Juli und August)

Ablauf: Wer auf dem „Money Maker“-Rubbellos dreimal das ORF-Symbol frei rubbelt, darf als Kandidat in die Gelddusche. Insgesamt werden 63.750 Euro in der Kammer herumgewirbelt, der Kandidat muss in kurzer Zeit möglichst viel Geld einsammeln.

Die Brieflos-Show

Einführung: 1990

Erstausstrahlung: 1990

Hauptgewinn: 100.000 Euro

Gewinnwahrscheinlichkeit: 1 : 3.200.000 (1. Rang)

Ausschüttungsquote nach Umsatz: 53%

Dauer der Sendung: ca. 22 Minuten

Sendeplatz: Sonntag, 16.20 Uhr

Ablauf: Jedes fünfte Brieflos enthält den Aufdruck „Die Brieflos Show“. Wer den Teilnahmecoupon einschickt und während der Show von Moderator Peter Rapp gezogen wird, darf am Glücksrad drehen.

EuroMillionen

Einführung: 2004

Erstausstrahlung: 2004

Hauptgewinn: 15 - 190 Millionen Euro

Gewinnwahrscheinlichkeit: 1 : 116.531.800 (1. Rang)

Ausschüttungsquote nach Umsatz: 50%

Dauer der Sendung: ca. 3 Minuten

Sendeplatz: Di, 22.25 Uhr; Fr, 22.35 Uhr

Ablauf: Pro Spielschein können bis zu sieben Tipps gespielt werden. Dabei müssen fünf Zahlen zwischen 1 und 50 und 2 Zahlen zwischen 1 und 11 angekreuzt werden. Die Ziehung wird aus Paris übertragen.

ToiToiToi

Einführung: 2003

Erstausstrahlung: 2003

Hauptgewinn: 20.000 Euro

Gewinnwahrscheinlichkeit: 1 : 700.000

Ausschüttungsquote nach Umsatz: 53 %

Dauer der Sendung: ca. 30 Sekunden

Sendeplatz: täglich spätabends

Ablauf: ToiToiToi ist eine Nummernlotterie. Der Spieler muss eine fünfstellige Zahlenkombination vorhersagen, zusätzlich wird ein Glückssymbol zufällig ermittelt. 

Lotto 6 aus 45

Einführung: 1986

Erstausstrahlung: 1986

Hauptgewinn: min. 1.000.000 Euro

Gewinnwahrscheinlichkeit: 1 : 8.145.060 (1. Rang)

Ausschüttungsquote nach Umsatz: ca. 49% 

Dauer der Sendung: ca. 5 Minuten

Sendeplatz: Mi, 18.45 Uhr; So, 19.15 Uhr

Ablauf: Der Klassiker unter Österreichs Lotteriespielen: Der Spieler oder die Spielerin muss versuchen 6 aus 45 Zahlen vorherzusagen. In der Sendung werden die Gewinnzahlen gezogen.

Zusatzspiel: Joker

Einführung: 1988

Erstausstrahlung: 1988

Hauptgewinn: 28,48% der Gewinnsumme

Gewinnwahrscheinlichkeit: 1 : 1.000.000

Ausschüttungsquote nach Umsatz: 43%

Dauer der Sendung: ca. 7 Minuten (Lotto 6 aus 45 mit Joker)

Sendeplatz: Mittwoch, 18:45 Uhr/Sonntag, 19:15 Uhr

Ablauf: Joker kann bei Lotto, Euromillionen, Toto, Bingo, Zahlenlotto und ToiToiToi zusätzlich getippt werden, dadurch ergibt sich eine weitere Gewinnchance. Die Ziehung findet im Rahmen der Sendung „Lotto 6 aus 45 mit Joker” statt.

Zahlenlotto 1-90

Einführung: 1990

Erstausstrahlung: 1990

Hauptgewinn: Gewinnfaktor (max. 5.000) mal Einsatz

Gewinnwahrscheinlichkeit: 1 : 43.949.268 (Faktor 5.000)

Ausschüttungsquote: 27% (exkl. Sonderdotierungen)

Dauer der Sendung: ca. 35 Sekunden

Sendeplatz: Spätabends; Di, Do, Sa

Ablauf: Der Spieler bzw. die Spielerin wählt zwischen sieben verschiedenen Zahlenlotto Spielarten. Die Höhe des Einsatzes (1 Euro bis 500 Euro) bestimmt die Höhe des Gewinns. Dreimal wöchentlich werden fünf aus 90 Zahlen gezogen.


Fotos: Österreichische Lotterien; ORF/Günther Pichlkostner

Lotterien bezahlen für „positive Grundstimmung“

Die Symbiose von Glücksspiel und Öffentlich-Rechtlichem ist historisch gewachsen. Alles begann mit „Alles ist möglich“. Vor 30 Jahren, am 7. September 1986, führten die Lotterien das heute aus dem Sonntagabendprogramm nicht mehr wegzudenkende Lotteriespiel ein. Gleichzeitig beschloss der Gesetzgeber, die Steuerleistungen der Lotterien einem Zweck zu widmen: Ein Teil der Einnahmen kommt seither der Sportförderung und der Förderung karitativer Zwecke zugute. „Ein Teil war auch für die Medien gedacht“, sagt Barbara Hoffmann-Schöll, Leiterin der Rechtsabteilung der Österreichischen Lotterien, im Gespräch mit DOSSIER. „Damit wollte man eine positive Grundstimmung schaffen, weil man befürchtete, man führt Lotto 6 aus 45 ein, und es geht keiner hin.“ 

Die Erfolgsformel lautet seitdem: neues Glücksspiel, neue Sendung. Aus Sicht des Glücksspielanbieters schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Eine ausgestrahlte Sendung bringt Aufmerksamkeit und schafft Glaubwürdigkeit; vor allem, wenn es sich um eine Ziehung handelt und diese live übertragen wird  – „mediale Unterstützung“ wird das genannt. Ein Pakt, von dem beide Seiten profitieren: Rund 3,5 Millionen Euro fließen pro Jahr zum Verband Österreichischer Zeitung (VÖZ), wie die Österreich-Seiten von Die Zeit vergangenen Sommer berichteten. Dem zufolge gingen 2013 rund elf Millionen an das größte Medienunternehmen des Landes. Denn ohne ORF lassen sich Glücksspiele mühsamer etablieren.

Das zeigt das Beispiel Money Maker. Dass das Glücksspiel nur im Sommer ausgestrahlt wird, „hing mit der Frage zusammen, wann es möglich wäre, im ORF so eine Sendung unterzubringen“, sagt Elisabeth Römer-Russwurm, die Marketingleiterin der Lotterien. Da vonseiten des ORF einzig der Sommer infrage kam, „haben wir gesagt, wir machen ein saisonales Produkt, von Juni bis September, mit TV-Ausstrahlung Juli und August.“

Werben wie wir 

Neben der Vielzahl an Glücksspielsendungen schaltet der ORF auch unverhältnismäßig viel Werbung für Glücksspiele. Die Slogans der Lotterien sind längst geläufig: „Alles ist möglich“, „Glaub ans Glück“, „Heute schon gerubbelt?“. Auch Falco lockt zu den besten Programmzeiten an die virtuellen Automaten ins Onlinecasino von win2day.at. Wie eine DOSSIER-Erhebung einer zufällig ausgewählten Woche zeigt, strahlt der ORF in Relation zur gesamten Werbezeit deutlich mehr Glücksspielwerbung aus als die Privatsender Puls 4 und ATV.

Dabei rutschen auch fragwürdige bis illegale Angebote in die Werbefenster. So strahlte der ORF Werbung für die in Österreich illegale maltesische Onlinespieleplattform Mr. Green aus, wie der Kurier im Jänner 2015 berichtete. Dass der ORF bei der Auswahl seiner Werbepartner nicht wählerisch ist, zeigt auch der TV-Spot des Glücksspielanbieters Lopoca. Während der Fußball-Europameisterschaft schaffte es dieser ins Hauptabendprogramm. Der Spot verknüpft nicht nur sexuellen Erfolg mit der Teilnahme am Spiel – eine Praxis, die unter Suchtforschern verpönt und in anderen Ländern untersagt ist. Lopoca stand im Verdacht, ein verbotenes Pyramidenspiel anzubieten*: Wer mitmacht, kann sich laut Arbeiterkammer gar strafbar machen. Beim ORF hätte das bekannt sein müssen: Bereits im November 2015 hatte die ORF-Sendung Heute konkret in einem kritischen Beitrag vor dem späteren Werbekunden Lopoca gewarnt.

*Update vom 8.8.2016: Ursprünglich war hier zu lesen, dass Lopoca im Verdacht „steht”, ein verbotenes Pyramidenspiel anzubieten. Laut Schreiben des Rechtsanwalts Dr. Christian Rapani, der die Lopoca Ltd. (Zypern) und die Lopoca Gaming Ltd. (Malta) vertritt, wurde das diesbezügliche Verfahren am Straflandesgericht Graz eingestellt.

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71 Prozent für Reduktion der Glücksspielwerbung

Spielsuchtforscherinnen und -therapeuten sehen den Umfang des Glücksspiels und die Botschaften der Werbung kritisch: „Wir werden von Glücksspielangeboten überflutet. Das macht etwas mit den Menschen“, sagt Bettina Quantschnig, Leiterin der Kärntner Spielsuchtambulanz De la Tour:

„Wir haben mit Spielern bei uns im Haus über dieses Thema diskutiert, eben weil wieder mal ein Riesenbetrag bei Euromillionen zu gewinnen war. Da überlegt man sich natürlich im Kopf, ob man vielleicht nicht doch mitmachen soll und zu den großen Gewinnern gehört.“

Oliver Scheibenbogen, Leiter der klinischen Psychologie am Anton-Proksch-Institut, sieht das ähnlich: „Aufgrund der Häufigkeit der Werbeschaltungen wird dem Zuseher suggeriert, dass es sich bei Glücksspiel um etwas ganz Normales, um etwas Alltägliches handelt“, sagt Scheibenbogen. Für die Werbebotschaften seien insbesondere Menschen mit geringem Einkommen oder niedrigem Bildungstand empfänglich. „Die Werbung sagt ‚Wenn du gewinnst, bist du befreit aus deiner misslichen Lage. Dabei wird oft nicht erwähnt, wie gering die Gewinnchancen sind“, sagt der Psychologe. Auch eine repräsentative Umfrage des Glücksspielforschers Jens Kalke legt nahe, dass es dem Publikum zu viel sein könnte: 71 Prozent der 10.000 Befragten sprachen sich in der Studie aus dem Jahr 2015 für eine Reduktion von Glücksspielwerbung als Maßnahme gegen Spielsucht aus.

Personelle Verstrickungen bis ganz oben

Beim ORF spricht man nicht gerne über Glücksspiel. Weder der amtierende Generaldirektor Alexander Wrabetz noch sein Herausforderer, der kaufmännische Direktor Richard Grasl, wollen Interviews dazu geben oder Anfragen beantworten. Man lege „Art und Umfang der kommerziellen Tätigkeiten des ORF und seiner Tochtergesellschaften (...) jährlich in seinem Jahresbericht an das Parlament offen“ – mehr will Alexander Horacek aus der Unternehmenskommunikation des Öffentlich-Rechtlichen dazu nicht sagen.

Im Jahresbericht 2015 finden die Lotterien bei den kommerziellen Aktivitäten zweimal Erwähnung: Unter dem Punkt „Erträge aus Koproduktionen/Lizenzen“ verbucht der ORF 14,5 Millionen Euro – ein nicht näher bestimmter Teil davon stamme aus Erträgen „in Zusammenhang mit der medialen Unterstützung der Lotterien“. Zusätzlich gibt der ORF unter dem Punkt „Stand alone“-Aktivitäten Einnahmen von 4,8 Millionen Euro an, die zur Hälfte aus der Beteiligung an den Lotterien stammen sollen.

Angesprochen auf den hohen Anteil an Glücksspielinhalten im Programm verweist Horacek lediglich auf „klare gesetzliche Vorgaben und interne Programmrichtlinien, die der ORF in seiner täglichen Programmgestaltung genauestens umsetzt“. Doch Glücksspielwerbung ist im ORF-Gesetz gar nicht reguliert: Während genau festgelegt ist, wie Werbung für Alkohol aussehen darf und Richtlinien für Werbung für ungesunde Nahrungsmittel niedergeschrieben wurden, findet Glücksspielwerbung keine Erwähnung. Dabei könnte der Stiftungsrat leicht Abhilfe schaffen. Im Abschnitt 3 des ORF-Gesetzes heißt es zur „kommerziellen Kommunikation“:

„Der Stiftungsrat kann für die kommerzielle Kommunikation weitere inhaltliche und zeitliche Beschränkungen festlegen. Derart festgelegte Richtlinien sind leicht, unmittelbar und ständig zugänglich zu veröffentlichen.“

Ob der Stiftungsrat der Glücksspielwerbung in absehbarer Zeit Grenzen setzen wird, ist aber fraglich – zumal der derzeitige Vorsitzende mit der aktuellen Situation nicht unglücklich sein dürfte: Seit Mai 2014 steht Dietmar Hoscher an der Spitze des höchsten Aufsichtsgremiums des Öffentlich-Rechtlichen. Hoscher, einst Nationalratsabgeordneter der SPÖ, ist hauptberuflich Vorstand der Casinos Austria und Prokurist der Österreichischen Lotterien.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Studierenden des Studiengangs „Journalismus und Medienmanagement” der FH Wien.