„Keine Branche mit so viel Aggression”

Nicht alle halten sich an das Verbot des Kleinen Glücksspiels in Wien. Wilfried Lehner, Leiter der Finanzpolizei, erklärt im Gespräch mit DOSSIER die Methoden der Branche, Kontrollen zu behindern und das Gesetz zu umgehen.

Wilfried Lehner leitet seit 2011 die österreichische Finanzpolizei, die dem Finanzministerium unterstellt ist.

Wie erkennt man, ob ein Glücksspielautomat legal oder illegal ist?

In Wien ist die Situation seit der Gesetzesänderung sehr übersichtlich: Jeder Automat, der nicht in einem Casino steht, ist illegal. Zuvor konnte die Bevölkerung einen illegalen Automaten von einem legalen gar nicht unterscheiden.

Wie hat sich die Situation in Wien seit dem Verbot entwickelt?

Seit Anfang des Jahres haben wir 118 Anzeigen erhalten, die wir derzeit abarbeiten. Bisher sind wir 77 Anzeigen nachgegangen, haben mehr als 150 Kontrollen durchgeführt und rund hundert Geräte beschlagnahmt. Die Anzeigen kommen aus der Bevölkerung, aber auch von Glücksspielunternehmern. Wir nennen diese „organisierte Anzeigen“. Sie kommen typischerweise von Anbietern, die Konkurrenz loswerden wollen.

Wie geht die Finanzpolizei bei Kontrollen vor?

Bei einem Einsatz sind meist fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei. Zwei kümmern sich um das Gerät, zwei vernehmen die Betreiberinnen und Betreiber, einer koordiniert die Amtshandlung. Wenn wir vorher wissen, dass es Komplikationen geben kann – etwa Geräte gezielt abgeschaltet werden, wenn wir kommen –, schicken wir einen „Mystery-Shopper“ vor. Der dokumentiert verdeckt alles vor Ort. Handelt es sich um illegales Glücksspiel, beschlagnahmen wir das Gerät.

Wie reagieren die Glücksspielanbieter auf die Kontrollen?

Es gibt keine Branche, die mit so viel Aggression gegen unsere Kontrollen vorgeht wie die Glücksspielbranche. Hier bekommen wir die meisten Anzeigen wegen Amtsmissbrauchs. Wir haben bisher kein einziges Verfahren verloren. Diese Aktionen dienen dazu, Verfahren zu behindern und Sand ins Getriebe zu streuen. Es gibt kein verfahrensrechtliches Detail, bei dem nicht versucht wird einzuhaken. Inhaltlich können die Betreiberinnen und Betreiber aber nicht gewinnen: Illegales Glücksspiel ist illegales Glücksspiel.

Worum geht es in den Anzeigen gegen die Finanzpolizei?

In einem Lokal gab es zum Beispiel eine illegale Videoüberwachungsanlage. Wir wissen, dass Videos von Kontrollen ins Internet gestellt werden. Sie werden auch genutzt, um Fahndungsfotos von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu machen, die als Warnung in anderen Lokalen ausgehängt werden. Wir haben damals den Betreiber ersucht, die Anlage abzuschalten, doch er hat sich geweigert. Deshalb haben wir die Kameras zur Decke gedreht. Daraufhin gab es eine Beschwerde wegen Sachbeschädigung, die bis zum Verwaltungsgerichtshof ging. Dort wurde die Beschwerde abgelehnt.

Wie versuchen Glücksspielanbieter das Verbot in Wien zu umgehen? 

Manche Betreiber stellen jetzt Computer auf, auf die Spieler mit einem USB-Stick unterschiedliche Automatenspiele laden können. Für den USB-Stick bezahlen sie hundert Euro, die als Spielguthaben verbucht werden. Die Herausforderung ist es, das nachzuweisen. Denn natürlich bekommen wir kein Spielkapital, um an den Computern spielen zu können. Uns erklären die Betreiber, das seien Internetterminals – zum Surfen. Meistens kommt das in Wettlokalen, die früher auch Glücksspielautomaten hatten, vor. Aber wir hatten auch schon einen Fall, in dem wir in einem Wirtshaus hinter der Theke zwei Alukoffer gefunden haben. Der Inhalt: Laptops mit Glücksspielen.

Welche andere Methoden haben Sie bei Kontrollen angetroffen?

Ein verstecktes Hinterzimmer etwa, wo der Eingang hinter einem Kasten war; oder ein Sonderraum, der mit einem Tastenschloss gesichert war, so dass nur Eingeweihte den Code eingeben konnten. Manche benutzen Funksteckdosen, um den Strom auszuschalten, wenn wir kommen. Der Automat läuft, es spielt jemand. Der Wirt sieht, dass wir kommen und dreht den Automaten per Fernbedienung in der Hosentasche ab. Ganz schlau war einmal jemand, der im ganzen Lokal den Strom abgeschaltet hat. Er hatte das Gerät an der Hauptsicherung platziert – plötzlich war alles finster.

Gibt es solche Praktiken nur in Wien?

Nein, das taucht auch in anderen Bundesländern immer wieder auf. Je mehr wir kontrollieren, desto häufiger gibt es diese Umgehungstricks.