Männer in Schwarz

Wir werden verfolgt, daran besteht kein Zweifel. Seit knapp einer halben Stunde sind uns zwei Autos dicht auf den Fersen. Mal fahren sie hinter, mal vor uns. Die Männer hinter dem Steuer sind schwarz gekleidet, sie haben Funkgeräte.

Sie fahren uns auf den Parkplatz eines Supermarktes nach, parken in Sichtweite. Einer fotografiert uns aus dem geöffneten Fenster der Beifahrerseite. Wir gehen auf ihn zu, wollen ihn zur Rede stellen. Hastig startet er den Motor und fährt weg.   

Im Supermarkt das gleiche Spiel: Erneut folgen uns zwei Männer, diesmal sind es andere, ihre Blicke sind auf uns gerichtet. Wir verlassen den Supermarkt vor ihnen. In einer Nische des Parkplatzes warten wir im Auto auf die Männer in Schwarz.

Der Spieß hat sich umgedreht, jetzt sind wir die Verfolger. Sie fahren mit hohem Tempo weg, zurück an ihren eigentlichen Arbeitsplatz: das Glock Horse Performance Center, das Pferdesportzentrum des Waffenproduzenten Gaston Glock.

Zumindest einer der Männer ist Angestellter der Kärntner Sicherheitsfirma Leon, die in Glocks Auftrag seine weitläufigen Liegenschaften und Reitställe in der Ortschaft Treffen am Ossiacher See bewacht. Wer die anderen Männer sind, ist wohl geheim. Sie sind nicht uniformiert, auf Rückfrage bei der Firma Leon heißt es bloß: kein Kommentar. 

Sie nehmen ihren Job jedenfalls ernst: Sie verfolgen einen, ob mit dem Auto oder zu Fuß, wenn nötig, bis in den Supermarkt. Sie fotografieren und dokumentieren – und wenn sie selbst nicht weiterkommen, dann schalten sie die Polizei ein.

Das Glocktal

Das nervöse Wachpersonal und eine noch folgende Personenkontrolle durch die Exekutive waren die abenteuerlichen Momente einer einwöchigen Vor-Ort-Recherche in Kärnten. Nervenaufreibender waren aber die lokalen Amtsstuben.

Behörden erklären öffentliche Dokumente zur Geheimsache, Politiker sagen ohne Begründung vereinbarte Interviews ab, und Gemeindemitarbeiter wollen, angesprochen auf die Firma Glock, „nichts mehr“ mit dem Thema zu tun haben. „Man legt sich nicht mit einem Waffenproduzenten an“, sagt ein ehemaliger Kärntner Lokalpolitiker.  

Doch das Ehepaar Kathrin und Gaston Glock hat mehr als Waffen, sie haben auch viel Geld. Sie besitzen im Kärntner Gegendtal so viele Grundstücke, dass Einheimische das Tal auch Glocktal nennen.

Das Gegendtal wird von Einheimischen als Glocktal bezeichnet. Foto: DOSSIER

Bestellte Polizeikontrolle

Als wir unseren Verfolgern vom Supermarkt bis zum Glock Horse Performance Center nachfahren, warten schon zwei Männer in Blau auf uns. Die Polizisten sagen, dass sie von den Security-Kräften der Firma Leon gerufen worden sind: „Sie verhalten sich seit Tagen auffällig und haben ein ausländisches Kennzeichen. Was machen Sie hier?“, fragt einer der Beamten.

Wir sagen, wir sind Journalisten und recherchieren zur Firma Glock. Auf Nachfrage, warum wir aufgehalten wurden, können die Beamten kein Fehlverhalten benennen. Die Ausweise und den Leihwagen mit slowenischem Kennzeichen kontrollieren sie dennoch.

Auf Zuruf der Security-Firma Leon werden wir von der Polizei aufgehalten. Foto: Dossier

Ein paar Tage später werden wir uns mit dem Chef der zuständigen Dienststelle im „Glocktal“ zu einem Gespräch treffen. Polizeikommandant Hermann Kogler bestätigt, dass die Security-Firma Leon angerufen und uns gemeldet hat. 

Die Security-Firma Leon weist indes jede Kritik von sich: „Wir möchten darauf hinweisen, dass Ihre Darstellungen und Behauptungen unwahr sind. Wir fordern Sie auf, die Verbreitung solcher unwahren Vorwürfe zu unterlassen“, schreibt die Assistentin der Geschäftsführung.  

Doch ins Visier von Glocks Aufpassern geraten wohl nicht nur Journalisten: „Die Securities sind hochsensibel. Manche kontrollieren sogar uns“, sagt Kogler.

Firmenbuch als Geheimsache 

Vom Glocktal ins Landesgericht Klagenfurt, auch hier herrscht Verwirrung. In der Abteilung für das öffentlich zugängliche Firmenbuch heißt es, dass Jahresabschlüsse und andere öffentliche Dokumente zu Gaston Glocks Unternehmen und Stiftungen eben nicht öffentlich seien:

Es gibt keine Einsicht in Glock-Firmen ohne richterlichen Beschluss.

Nach Gesprächen mit einer Pressesprecherin, einer Kanzleirätin, dem Amtsdirektor und der Vizepräsidentin des Landesgerichts bekommen wir schließlich Einsicht in die öffentlichen Dokumente des Glock-Firmenbuchaktes. „Sie sind die ersten Journalisten, die Einsicht nehmen wollen“, sagt eine Mitarbeiterin.

Auch am Gemeindeamt in Treffen am Ossiacher See ist man erfinderisch: „In Gemeinderatsprotokolle dürfen nur Gemeindebürger Einsicht nehmen“, erklärt die Sekretärin des Bürgermeisters zunächst. Auf Nachfrage bei der Amtsleiterin werden die angeforderten Protokolle dann doch ausgedruckt und übergeben.

Glücksfall Glock

Klaus Glanznig, Treffener Bürgermeister (SPÖ), hatte wenige Tage zuvor ein bereits vereinbartes Interview abgesagt – ohne Begründung. Sonst spricht er gerne und ausführlich mit Medien über die regionale Bedeutung von Gaston Glock und seinen prestigeträchtigen Events, die der Gemeinde „positive Werbung“ bringen würden.  

Für Glanznig ist die Ansiedelung von Glock in Treffen „ein Glücksfall“, wie er der Kleinen Zeitung im Juli 2014 gesagt hat. Die Glocks schaffen Arbeitsplätze, sie spülen Kommunalsteuern in die Gemeindekassa, und sie bringen die Reichen und Schönen mehrmals im Jahr nach Treffen.

Robbie Williams, John Travolta, Rod Stewart oder Naomi Campbell reisen an, wenn Kathrin und Gaston Glock ihr luxuriöses Reitturnier „Horses & Stars“ veranstalten. Mitunter sind auch FPÖ-Minister eingeladen, die am exklusiven Tisch der Gastgeber Platz nehmen dürfen.

Bei diesen Events stehen noch mehr Männer in Schwarz in der Gegend herum, so gut wie an jeder Ecke und Tür findet sich ein muskulöser Mann mit Stöpsel im Ohr. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, die Security-Firma Leon bekommt für diese Zeit Verstärkung aus Wien – doch die Polizei hält sich fern.

„Früher haben wir die Events kontrolliert, weil sich Nachbarn über Lärmbelästigung beschwert haben“, sagt Polizeikommandant Kogler. „Mittlerweile werden die Events  nicht mehr überwacht – es gibt auch keinen behördlichen Auftrag dazu“, sagt er. 

Einmal war Kogler mit dem Dienstauto und in Uniform unterwegs und wurde von einem der Männer in Schwarz gefragt, „was ich hier mache und in welchem Auftrag ich unterwegs bin“, sagt er. Koglers Reaktion: „Ich habe ihn dann gefragt, ob es ihm noch gut geht.“