Budapest, 15. Jänner 2026. Ungarns Hauptstadt ist unter einer dicken Schneedecke begraben. Das kommt hier nicht sehr oft vor, viele Kinder erleben ihre Heimatstadt zum ersten Mal so verschneit. Kein Wunder, dass die Räumungsarbeiten nicht reibungslos verlaufen. Wer etwas zu erledigen hat, muss mitunter durch tiefen Schnee stapfen.
So wie jene 13 Journalist·innen aus sechs Ländern, die sich an diesem Tag ihren Weg durch Budapest bahnen. Ihr Ziel: die Redaktion von Telex, einem der letzten großen unabhängigen ungarischen Medien. An diesem Tag neben Gastgeber Telex dabei: Journalist·innen der Nachrichtenagentur Agence France-Presse aus Frankreich, des Onlinemediums El Orden Mundial aus Spanien, des Investigativportals Okopress aus Polen, der Plattform Forum Apulum aus Rumänien und der DOSSIER-Redaktion aus Österreich.
Es ist das Auftakttreffen zur größten Medienkooperation, an der wir je beteiligt gewesen sind. Die länderübergreifende Journalismusinitiative trägt den Namen Gen.EU und wird von der Europäischen Kommission gefördert. Das Ziel: junge Europäer·innen mit faktenbasierten Recherchen zu versorgen, und zwar dort, wo sie sich hauptsächlich informieren – in den sozialen Netzwerken.

Man könnte sagen: Es geht darum, Nachrichten für Instagram, Tiktok und Youtube zu produzieren. Man könnte aber auch sagen: Es geht um die Zukunft des Journalismus. Zum Start von Gen.EU widmen wir dem Projekt einen Schwerpunkt. Zum einen, weil wir Ihnen Transparenz schulden: DOSSIER betritt mit Gen.EU nicht nur redaktionelles Neuland, sondern erhält dafür auch die mit Abstand höchste öffentliche Förderung bisher.
Zum anderen, weil mit dem Projekt heikle Abwägungen verbunden sind – schließlich werden wir Inhalte just für Social-Media-Plattformen produzieren, die oft zu Recht in der Kritik stehen. Vor allem aber möchten wir Ihnen darlegen, warum wir an dieses Projekt glauben und mit vollem Einsatz daran arbeiten werden, dass es erfolgreich wird. In diesem Sinne: Herzlich willkommen bei Gen.EU!
Heikle Fragen, große Chancen
Für Journalist·innen ist Reichweite in den sozialen Medien längst keine Frage der Eitelkeit mehr, sondern eine der Relevanz. Ob man es gutheißt oder nicht: Besonders junge Menschen informieren sich hauptsächlich auf Social Media. Genau an diesem Punkt stehen etablierte Redaktionen vor einer Herausforderung.
Information und Desinformation, Fakten und Meinung, Journalismus und Propaganda stehen auf Instagram, Tiktok und Youtube oft gleichwertig neben- und im direkten Wettbewerb um Aufmerksamkeit miteinander. Dieser Wettbewerb funktioniert nach eigenen Regeln – und diese spielen dem Journalismus leider nicht in die Karten: Emotion schlägt Sachlichkeit, Unterhaltung schlägt Fakten, Mensch schlägt Medienmarke.
Wie kann sich klassischer Journalismus da behaupten? Jedenfalls nicht mit denselben Rezepten wie bisher. Denn journalistische Recherchen in Formate zu gießen, die das Potenzial haben, auf Plattformen wie Tiktok viral zu gehen, ist ein eigenes journalistisches Handwerk – genauso wie Recherche, Faktencheck und Storytelling. Um mit sachlichen Informationen große Reichweiten zu erzielen, gilt es, zwei scheinbar gegensätzliche Welten zu vereinen: jene der Fakten und jene der Emotionen.
Einige Medienhäuser und Journalist·innen setzen das bereits erfolgreich um, und mit dem Projekt Gen.EU hat nun auch DOSSIER die Möglichkeit, sich dieser Aufgabe zu stellen. Dafür haben wir junge Profis an Bord geholt, die wir Ihnen in diesem Heft vorstellen.
Dass sie es können, haben sie bereits zum Auftakt des Projekts bewiesen: Unsere investigative Recherche zu Vorwürfen der sexuellen Belästigung und der rassistischen Beleidigung im Tiroler Luxushotel Interalpen hat unser Gen.EU-Team unter anderem für Tiktok in Szene gesetzt – dort wurden die Videos innerhalb von 24 Stunden mehr als 100.000-mal aufgerufen.

Die Versorgungslücke
Das Beispiel zeigt: Die Nachfrage nach journalistischen Inhalten besteht auch bei der jungen Generation. Doch wir glauben, dass es eine Versorgungslücke gibt, und möchten diese mit dem Projekt ein Stück weit schließen. Das Gen.EU-Team wird unsere Recherchen auf die Social-Media-Plattformen bringen, sie dort weitererzählen und bewusst die Perspektive junger Menschen einnehmen.
Gleichzeitig werden die neuen Kolleg·innen eigenständig Storys recherchieren und sie in den sozialen Medien veröffentlichen: zu Themen wie Bildung, Arbeit, Geschlechtergerechtigkeit und – zum Auftakt – leistbares Wohnen. Das Ziel: Antworten auf Fragen zu liefern, die junge Erwachsene beschäftigen. Um herauszufinden, welche Fragen das sind, setzen wir auch auf den direkten Austausch mit der Community – virtuell und bei Veranstaltungen in der realen Welt.
Denn gerade bei lebensnahen Themen hat der Journalismus Aufholbedarf – und darin liegt auch großes Potenzial: »Junge Menschen sind in den Redaktionen unterrepräsentiert und damit auch die Themen, die sie betreffen«, sagt der Medienforscher Andy Kaltenbrunner vom Medienhaus Wien. Eine Erhebung aus dem Jahr 2019 zeigte: Nur zehn Prozent der Journalist·innen waren unter 30. »Das sind viel zu wenige, und alle kennen das Problem. Aus Sparsamkeitsgründen rücken aber weiter zu wenige nach«, so Kaltenbrunner.

Dabei zeigen Daten, dass junge Menschen europaweit von den aktuellen Krisen besonders betroffen sind. Im April 2025 waren in der EU rund 15 Prozent der unter 25-Jährigen arbeitslos – ein mehr als doppelt so hoher Anteil wie die Gesamtquote von knapp sechs Prozent. Auch das Armuts- und Ausgrenzungsrisiko ist laut Daten aus dem Jahr 2024 für junge Menschen überdurchschnittlich groß: Während 21 Prozent der EU-Bevölkerung betroffen waren, galt bei den 15- bis 29-Jährigen fast jede vierte Person als gefährdet.
Zugleich sind ihre Möglichkeiten, politisch Einfluss auszuüben, begrenzt. Laut den aktuellsten Daten auf EU-Ebene lebten im Jahr 2024 rund neun Prozent der Kinder und Jugendlichen in der EU ohne die Staatsbürgerschaft ihres Wohnsitzlands und sind damit – abhängig vom jeweiligen nationalen Recht – auch nach Erreichen des Wahlalters von bestimmten Wahlen ausgeschlossen.
In Österreich ist dieses Demokratiedefizit besonders ausgeprägt: Landesweit besaßen damals rund 22 Prozent der unter 18-Jährigen nicht die österreichische Staatsbürgerschaft. Für Wien liegen Zahlen aus dem Jahr 2025 zu den 16- bis 24-Jährigen vor: Rund 42 Prozent dieser Altersgruppe durften auf Gemeinde-, Landes- und Bundesebene nicht wählen – obwohl sie mitunter seit Jahren in der Stadt leben.

Ein Kontinent unter Druck
Angesichts dieser Tatsachen setzen wir auf neue Formen der Zusammenarbeit und Perspektivenvielfalt. Ein besonderes Asset von Gen.EU ist dabei die Vernetzung mit unseren Partnermedien: Die Themenschwerpunkte sind über die Ländergrenzen abgestimmt, um Geschichten auszutauschen und Perspektiven zu teilen – von koordinierten Straßenumfragen bis hin zu gemeinsamen Datenrecherchen.
Das soll dem übergeordneten Ziel des Projekts dienen, die europäische Öffentlichkeit zu stärken: Junge Menschen sollen dazu ermutigt werden, sich an den demokratischen Prozessen und der politischen Diskussion in Europa zu beteiligen. Journalismus als Beitrag zur Stärkung der Demokratie – dieses Ziel steht auch im Mission-Statement von DOSSIER, das bei der Gründung 2012 verfasst wurde. Auf europäischer Ebene ist es heute wichtiger denn je.
Das wird rund um das Auftakttreffen von Gen.EU Mitte Jänner in Budapest besonders deutlich. Während wir mit den Kolleg·innen unserer Partnermedien über den Projektunterlagen brüten, spitzt sich die politische Weltlage zu. Bereits seit vier Jahren hält der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine an – die Folgen prägen das Leben in Europa, von der Teuerung bis hin zu Wehrpflichtdebatten.
Doch nun droht plötzlich auch Gefahr aus dem Westen. Ganz Europa blickt Richtung Grönland – kurzzeitig scheint es nicht ausgeschlossen, dass US-Präsident Donald Trump sogar Bodentruppen auf dem autonomen Gebiet des Nato-Verbündeten und EU-Mitglieds Dänemark einmarschieren lässt.
Politisch laufen Trumps Angriffe auf das liberale Europa bereits auf Hochtouren. Im November 2025 gießt die US-Regierung ihre Geringschätzung insbesondere gegenüber der EU in ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie in Worte: Der »wirtschaftliche Niedergang (Europas, Anm.) wird von der tatsächlichen und noch deutlich drastischeren Aussicht auf eine zivilisatorische Auslöschung überlagert«, heißt es etwa darin. Die zentrale Aussage: Die europäische Politik der vergangenen Jahre habe den Kontinent politisch, wirtschaftlich und kulturell so geschwächt, dass er seine Eigenständigkeit und historische Stärke eingebüßt habe.
Dabei ist genau das das Ziel der US-Regierung: die Schwächung des vereinten Europas. Österreich, Ungarn, Italien und Polen – allesamt Länder, in denen rechtspopulistische, EU-kritische Parteien hohe Stimmenanteile aufweisen – sollen dabei eine tragende Rolle spielen, wie die US-Plattform Defense One berichtet: Die USA würden beabsichtigen, mit diesen Ländern »verstärkt zusammenzuarbeiten«, um sie von der EU »loszulösen«, soll in einer nicht veröffentlichten Version der US-Sicherheitsstrategie stehen.

Ungarische Verhältnisse
Aus der Luft gegriffen ist das nicht. In Ungarn etwa unterstützen die USA den EU-Gegner Viktor Orbán offen mit Blick auf seine mögliche Wiederwahl im April 2026. Dass die USA Europa in ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie etwa wegen der vermeintlichen Einschränkung der Meinungsfreiheit kritisieren, während ihr Verbündeter Orbán in Ungarn die Pressefreiheit weitgehend abgeschafft hat, ist eine aufschlussreiche Fußnote der Geschichte.
Auch die FPÖ unter der Führung von Herbert Kickl eifert Orbán nach und würde in Österreich gern eine »illiberale Demokratie nach Ungarns Vorbild« errichten, wie wir im DOSSIER-Magazin »Ungarn – Eine Reise ans Ende der Demokratie« berichteten.
Was rechte Politiker·innen und EU-Gegner wie Trump, Orbán und Kickl ebenso gemeinsam haben: Soziale Medien dienen ihnen als wichtiges Instrument politischer Einflussnahme. In Ungarn etwa verbreitet die regierungsnahe Influencer·innenagentur Megafon seit 2020 die politischen Positionen der Fidesz-Partei in der jungen Zielgruppe – einer Gruppe, bei der die Partei zuletzt schwach abgeschnitten hat.

Doch es gibt Gegenwehr. Oft genug dient Ungarn als abschreckendes Beispiel, aber hier kann man auch lernen, wie widerstandsfähig und wirksam Journalismus sein kann – gerade wenn die Demokratie unter Druck gerät.
Von der Propaganda ist das ungarische Nachrichtenportal Telex, das das Projekt Gen.EU initiiert hat, nur einen Steinwurf entfernt – allerdings nur räumlich gesehen: »Unsere Nachbarn sind Medien aus Orbáns Propagandamaschine. Wir begegnen den Mitarbeiter·innen zu Mittag in der Kantine«, sagt Telex-Geschäftsführer András Pusztay, als wir Mitte Jänner vor Ort sind.
Inhaltlich ist Telex in Ungarn zum journalistischen Bollwerk gegen Desinformation geworden. Das Medium selbst ist gewissermaßen aus der Unterdrückung der Medienfreiheit in Ungarn heraus entstanden: Nachdem der Chefredakteur des Vorgängernachrichtenportals Index mutmaßlich auf Betreiben von Orbáns Regierung abgesetzt worden war, kündigte die Redaktion geschlossen und gründete Telex. Heute ist es eines der wichtigsten unabhängigen Onlinemedien in Ungarn, beschäftigt rund 120 Mitarbeiter·innen und zeigt, wie wirkungsvoll faktenbasierter Journalismus als Korrektiv zu Propaganda sein kann.
Durch Gen.EU sind Telex, DOSSIER und die anderen Partnermedien nun auch verstärkt dort aktiv, wo Desinformation und Propaganda im Moment noch die Oberhand haben. Aber das muss nicht so bleiben. Zeit, dass Journalismus viral geht.






