Wie die Politik die Lage von Migrant·innen in der Gastro verschärft

Zuwanderung ist das Rezept der Gastronomie und der ­Politik, um den Personalmangel in der Branche auszugleichen. Das zugrundeliegende Problem wird dadurch nicht gelöst: schlechte Arbeitsbedingungen.

Text: Markus Hagspiel; Illustration: Daniel Seex

Gastronomie30.6.2026 

Seit Jahren kämpfen Gastronomie und Hotellerie mit Personalmangel. Die politische Antwort darauf: ausländische Arbeitskräfte. Erst im ­April 2025 hat die Regierung das Kontingent für saisonale Arbeitskräfte im Tourismus wieder einmal deutlich erhöht: von 5.000 auf 8.000 Plätze. ­Zusätzlich stehen Köch·innen und Kellner·innen seit Jahren auf der Mangelberufsliste.

Dadurch bekommen die Fachkräfte leichter eine Rot-Weiß-Rot-Karte – einen auf zwei Jahre befristeten Aufenthaltstitel, der an den oder die Arbeitgeber·in gebunden ist.

Ein Blick auf die Studienlage verdeutlicht die strukturelle Diskriminierung von Migrant·innen in der Gastronomie. Im März 2026 hat die Arbeiterkammer (AK) Wien eine Studie zur Situation von ausländischen Beschäftigten in Österreich veröffentlicht. Darin wurde untersucht, wie gut sich Menschen durch ihren Job in die Gesellschaft integrieren können.

Entscheidend ­dafür sind Faktoren wie finanzielle Absicherung, Sozialkontakte in der Arbeit und sozialer Status. Das Ergebnis: Nur in der Reinigungsbranche erfüllt die Arbeit noch weniger integrative Funktion als in der Gastronomie.

Auch eine Untersuchung, die sich im Detail dem Bereich Gastronomie widmet, kommt zu besorgniserregenden Ergebnissen. In der 2022 veröffentlichten Studie der Universität Wien, die von der AK Oberösterreich gefördert wurde, wird ein genauer Blick auf die Arbeitsbedingungen von Migrant·innen im Tourismus geworfen.

Die Studienautor·innen haben mit 32 Arbeitnehmer·innen gesprochen, 16 davon sind Migrant·innen. In den Gesprächen zeigt sich, wie Migrant·innen zu unliebsamen Arbeiten gedrängt werden, die eigentlich nicht ihre Aufgabe sind. »Wir helfen in der Küche, wischen, putzen die Klos. Wir machen alles«, erzählt eine Geflüchtete, die an der Studie teilgenommen hat.

Die Erfahrungsberichte legen nahe, dass die prekäre Situation der ­Migrant·innen von Arbeitgeber·innen teils bewusst ausgenutzt wird. ­»Niemand nimmt dich, du kannst sonst nirgendwo arbeiten, wegen deiner Deutschkenntnisse«, soll eine Arbeitgeberin zu einer Migrantin gesagt haben.

Fehlende Sprachkenntnisse, mangelndes Wissen über die eigenen Rechte, ein unsicherer Aufenthaltsstatus: »All diese Faktoren führen dazu, dass Migrant·innen meist niedrig entlohnte, prekäre Positionen in der Branche einnehmen«, heißt es in der Studie zusammenfassend.

Die Gewerkschaft Vida, die Arbeitnehmer·innen im Tourismus vertritt, ­kritisiert die aktuelle politische Vorgehensweise auf DOSSIER-Anfrage scharf: »Wichtig wäre vor allem, Probleme in der Branche nicht zu ver­schieben und nicht über Saisonkontingente und die Rot-Weiß-Rot-Karte ständig neue, ­erpressbare Arbeitskräfte aus Drittstaaten anzuwerben.«

Im Arbeitsministerium versteht man die Kritik der Gewerkschaft. »Eine Erhöhung der Kontingente kann und darf kein Ersatz für gute Arbeits­bedingungen oder faire Entlohnung sein«, heißt es auf Anfrage von der Pressestelle der zuständigen Ministerin Korinna Schumann (SPÖ). In der Antwort wird ein anderer Teil des Regierungsprogramms betont: »Uns war insbesondere der mitbeschlossene Tourismusbeschäftigungsfonds wichtig, um gleichzeitig fairere Arbeitsbedingungen schaffen zu können und die vorrangige Nutzung heimischer Arbeitskräfte zu wahren.« Mit dem Fonds sollen jährlich 6,5 Millionen Euro eingesetzt werden, um Fortbildungen und bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Im Wirtschaftsministerium, wo der Tourismus im Zuständigkeitsbereich von Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) liegt, wird auf DOSSIER-­Anfrage die Notwendigkeit des Kontingents betont: »In einzelnen Spitzenmonaten wurde das Kontingent zu bis zu 90 Prozent ausgeschöpft.« Es brauche daher sowohl das Kontingent als auch bessere Arbeitsbedin­gungen. »Was aber niemandem hilft, ist eine pauschale Darstellung des Tourismus als Problembranche«, heißt es von ­Zehetners Pressestelle.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt zumindest: Das aktuelle Rezept der ­Politik scheint keine langfristige Lösung zu liefern. Im Jahr 2025 waren im Durchschnitt rund 7.700 Jobs in der Gastronomie und Hotellerie beim ­Arbeitsmarktservice ausgeschrieben. Besonders in der Gastro ­möchten heute offenbar weniger junge Menschen arbeiten: In den letzten zehn ­Jahren ist die Anzahl der Lehrlinge um fast ein Drittel zurückgegangen. Der für Österreich so wichtige Wirtschaftszweig braucht zukünftig also wohl noch mehr ausländische Arbeitskräfte.

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