
Der Vergleich macht sicher: In Österreich ist die Inflation deutlich höher als in der Schweiz und Deutschland. Warum? »Bei uns steigen die Dienstleistungspreise schneller und deutlich stärker, insbesondere in der Gastronomie«, sagt Sebastian Koch, Ökonom am Institut für Höhere Studien.
Die Gastro-Branche zählt zu den großen Inflationstreibern. Die Wirt·innen sehen sich hingegen selbst regelmäßig als Inflationsopfer: Weil Löhne an die Inflation angepasst werden müssen, müssten auch sie ihren Köch·innen, Kellner·innen und Putzkräften mehr zahlen. Doch wie kann es sein, dass eine Branche gleichzeitig Opfer und Treiber der Teuerung ist?
Der Experte verweist zunächst auf die Struktur des Landes: Österreich sei ein »Tourismusland mit einer doppelter Saison«. Tatsächlich füllen in der Wintersaison Besucher·innen von Skigebieten die Lokale, im Sommer folgen Städte-, Seen- und Bergtourist·innen. Diese große Nachfrage wirke sich auf die heimischen Preise aus.
Zugleich sei Österreich im internationalen Vergleich lange relativ günstig gewesen. Diese Preisunterschiede gebe es noch immer, aber die Differenz schrumpfe sukzessive, sagt Koch. »Im Vergleich zum Euroraum sind die Löhne bei uns deutlich schneller gestiegen, was für einen arbeitsintensiven Sektor wie den Tourismus ein entscheidender Kostenfaktor ist.«

Entscheidend ist auch die Rolle der Gastronomie bei der Inflationsberechnung. Laut Statistik Austria entfallen rund zehn Prozent des heimischen Warenkorbs auf Essen, Trinken und Übernachten außer Haus. Das ist deutlich mehr als in vielen anderen Ländern. Ein Grund dafür ist die österreichische Wirtshauskultur: vom Beisl über den Heurigen bis zur Skihütte, von Weihnachtsmärkten bis zum Tourismusbetrieb am See. Wenn Preise in diesem Segment steigen, schlägt das überproportional auf die Teuerungsrate durch.
Eine Preiserhöhung beim Mittagsteller oder bei der Pizza ist statistisch etwas anderes als ein teureres Elektrogerät, das man alle paar Jahre kauft. Zwischen Jänner 2020 und April 2026 sind die Preise allgemein um 32,7 Prozent gestiegen, während Bewirtungsdienstleistungen um 50,8 Prozent teurer wurden.
Gleichzeitig zeigt sich, wie sehr die Menschen an der Gastro hängen. Umfragen deuten darauf hin, dass Gäste zwar seltener und zurückhaltender im klassischen Wirtshaus konsumieren, aber nicht auf das Essen auswärts verzichten. Burgerketten, Dönerbuden, Pizzerien und auch Lieferdienste profitieren von dieser Verschiebung: Sie bieten vergleichsweise niedrige Preise und günstige Menüs und sprechen jene an, denen das klassische Restaurant zu teuer geworden ist.
Die Gastro-Branche behauptet, unter steigenden Kosten zu leiden, doch ihre Preispolitik ist mit ausschlaggebend dafür, wie teuer der Alltag vieler Österreicher·innen ist.

