Die Abgründe der Spitzenküche

In vielen der weltweit besten Restaurants leiden Mitarbeiter·innen unter miserablen ­Arbeitsbedingungen. Auch beim Wiener Sterne­koch Konstantin Filippou klafften Schein und Realität auseinander. Hat er nach dem Skandal die versprochenen Konsequenzen gezogen?

Text: Markus Hagspiel; Illustration: Daniel Seex

Gastronomie30.6.2026 

Ich war körperlich und mental nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Aufgrund der 75-Stunden-Woche litt ich unter Schlafmangel und starken Rückenschmerzen. Selbst meine ­Knöchel waren stets stark geschwollen, sodass ich kaum noch meine Arbeitsschuhe tragen konnte.« Das schreibt Alex S. (Name geändert) in einer Stellungnahme an die Arbeiterkammer.

Es geht dabei um den Arbeitsalltag im Restaurant des Starkochs Konstantin Filippou. Nur einen Monat hat Alex, damals Mitte 20, es in der mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Küche im ersten Wiener Gemeindebezirk ausgehalten. Dann kam das Burn-out – und die Entlassung. Zwei Monate später rechnete Alex in einem Schreiben mit dem ehemaligen Arbeitgeber ab.

Beschrieben werden darin nicht nur eigene Erfahrungen, sondern auch ein allgemeines Klima der Respektlosigkeit gegenüber Mitarbeiter·innen: »Ich wurde Zeuge davon, wie Mitarbeiter auf dem Innenhof von Herrn ­Filippou zusammengeschrien wurden.« Was Alex erzählt, deckt sich mit den Berichten weiterer Ex-Angestellter. Die Zustände, die sie beschreiben, sind erschreckend – zumindest für Menschen, die die Branche nicht kennen.

Denn das Wiener Sternelokal ist kein Ausreißer: In den besten Restaurants der Welt herrschen mitunter die schlechtesten Arbeitsbedingungen. Ein scheinbarer Widerspruch, der sich jedoch gerade in der jüngeren Vergangenheit in mehreren Skandalen offenbart hat.

Erst im März 2026 hat René Redzepi, der als einer der besten Köche der Welt gilt, seinen Rücktritt verkündet, nachdem ihm 35 ehemalige Mitarbeiter·innen seines vielfach prämierten Restaurants Noma in der New York Times körperliche und ­psychische Gewalt vorgeworfen hatten.

Redzepi ist der derzeit prominenteste Skandalfall unter den Spitzenköchen, aber bei weitem nicht der einzige. In Neuseeland musste der TV-Starkoch Vaughan Mabee im Februar 2026 zurücktreten, nachdem ihm mehrere Frauen sexistisches und aggressives Verhalten vorgeworfen hatten. Auch seine Fernsehsendung wird bis auf Weiteres nicht mehr ausgestrahlt.

In Deutschland machte der Spiegel 2023 schwere Vorwürfe gegen den Drei-Sterne-Koch Christian Jürgens publik. Er soll rund zwei Dutzend Mitarbeiter·innen geschlagen, belästigt und schikaniert haben. Auch er musste gehen. In Österreich wiederum hat die Wiener Zeitung im Februar 2025 Missstände im Restaurant Konstantin Filippou offengelegt.

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