Ziemlich beste Freunde

„Ich habe das Ergebnis befürchtet“, sagt Gabriele Eschig. Nicht einmal 24 Stunden sind vergangen, seit Wiens Abgeordnete zur heuer vielleicht brisantesten Abstimmung im Gemeinderat namentlich aufgerufen waren: der Flächenwidmung am Heumarkt; indirekt die Entscheidung über ein Hochhausprojekt, das Politik und Bevölkerung seit Jahren spaltet. Es geht um viel: Investitionen von rund 310 Millionen Euro, den Wiener Eislaufverein, einen dubiosen Grundstücksdeal und nicht zuletzt das Prädikat „Unesco-Welterbestätte“.

Eschig ist eine der Hüterinnen von Österreichs neun Welterbestätten, darunter auch das historische Stadtzentrum Wiens. Am Tag nach der Abstimmung findet die Generalsekretärin von Unesco Österreich im Interview mit DOSSIER klare Worte:

„Eine derart massive, konkrete Planung gegen mehrere Empfehlungen und Entschlüsse des Komitees – das kann die Unesco nicht hinnehmen. Sie verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie nur droht und keine Konsequenzen folgen lässt. (...) Wenn keine positiven Veränderungen im Hinblick auf die Unesco-Forderungen stattfinden beziehungsweise die Stadt Wien keine Schritte in diese Richtung unternimmt, glaube ich nicht, dass es länger als ein Jahr bis zur Aberkennung dauert.“

Hier beginnt die Geschichte. Nach dem Interview mit DOSSIER geht Eschigs Bürotür auf. Ihre Sekretärin hat eine weitere Interviewanfrage für sie: Karl Reis, Redakteur bei Wien heute, würde gern mit Eschig sprechen. Tags zuvor, dem Tag der Abstimmung, berichtete Reis für die ORF-Bundesland-Sendung live vor dem Wiener Rathaus. Nun geht es ihm um die mögliche Aberkennung des Unesco-Weltkulturerbestatus. Die Generalsekretärin gibt Reis ein Telefoninterview – in die Sendung an jenem 2. Juni wird sie es aber nicht schaffen.

„Unesco Österreich war etwas überrascht und konsterniert, dass das Interview mit Gabriele Eschig nicht verwendet wurde“, schreibt Sprecherin Eva Trötzmüller wenige Tage später auf eine DOSSIER-Anfrage. „Es ist klar ersichtlich, dass der Beitrag pro Heumarkt-Projekt sein soll. Da passt eine längere, kritische Unesco-Passage nicht ins Bild.“

Der Experte

Statt für Eschig entschied sich Wien-heute-Redakteur Karl Reis für Eva Nowotny, die Präsidentin von Unesco Österreich – als „Ranghöhere“, begründet Reis die Entscheidung in einer schriftlichen Stellungnahme an DOSSIER. Acht Sekunden lang dauert Nowotnys indirektes Zitat schließlich auf Sendung – im Gegensatz zu Eschig spricht sie nicht von „Aberkennung“, sondern von einem „Warnschuss“.

Update, 16. Juni 2017: „Wien-heute“-Sendungsverantwortlicher Peter Unger legt wert auf die Feststellung, dass am 29. Mai ein zweiminütiger Beitrag auf Sendung gegangen ist, „in dem ausschließlich Generalsekretärin Eschig im O-Ton vorgekommen ist.“ In dem Beitrag habe Eschig gesagt, dass Wien der Welterbestatus innerhalb eines Jahres aberkannt werde, wenn von Seiten der Stadt nichts passiere. 

Doch noch bevor die Unesco am 2. Juni bei Wien heute das einzige Mal zu Wort kommt, wird der Grazer Universitätsprofessor Georg Eisenberger zitiert. Der „Welterbeexperte“ ist mit Wiens rot-grüner Stadtregierung auf Linie und beschwichtigt.

Screenshot Wien heute, 2. Juni 2017

Dass Eisenberger neben seiner Lehrtätigkeit seine Brötchen als Rechtsanwalt verdient und unter anderem Immobilienunternehmen bei der Durchsetzung sensibler Bauprojekte vertritt, wird den Zuseherinnen und Zusehern von Wien heute verschwiegen.

„Wenn es Wege gibt, finden wir sie. Wenn es keine gibt, bauen wir sie“, lautet das Motto von Eisenbergers Kanzlei. In der Vergangenheit stand der Advokat Projektentwicklern mit Rat zur Seite, auch wenn es um das Unesco-Weltkulturerbe ging: einen Dachausbau in der Grazer Innenstadt, ein Gutachten für die ÖBB zu den Auswirkungen des Tunnelbaus auf die historische Semmeringeisenbahn oder Bauprojekte am Rehrlplatz und in der Ernest-Thun-Straße in Salzburg – „Projekte, bei denen von den Projektgegnern mehr als 20.000 Unterschriften gesammelt und dem Weltkulturerbe in Paris übergeben wurden“, schreibt Eisenberger an DOSSIER.

„Nicht repräsentative Umfrage“

Nicht nur Experte Eisenberger beschwichtigt on air. Auch jene Passanten, die ORF-Redakteur Reis zum Heumarkt befragt, machen sich mehrheitlich keine Sorgen um das Weltkulturerbe. Wenn das Bauprojekt fertig sei – und wenn es schön werde –, werde sie sogar noch einmal nach Wien kommen, um es sich anzusehen, sagt eine deutsche Touristin in die Kamera.

Es habe sich um eine „naturgemäß – auch im Text als solche explizit ausgewiesene – nicht repräsentative Meinungsumfrage“ gehandelt, die das „Meinungsbild der Passanten und Anrainer über den Wert und die Bedeutung des Prädikats Weltkulturerbe“ widerspiegle. Und das sei nun mal eindeutig: „Eine einzige befragte Person sagt ausdrücklich 'das Prädikat ist mir sehr wichtig', die überwiegende Mehrheit schätzt es als 'nicht bedeutend' ein“, schreibt Redakteur Reis an DOSSIER – und überhaupt: Wien heute widme sich dem Thema „ausführlich, aktuell, umfassend recherchiert, sachlich und ausgewogen“.

Ganz auf Linie

Jedenfalls deckt sich die Berichterstattung an diesen Tagen über weite Teile mit der Argumentation der wichtigsten politischen Fürsprecherin des Projekts: Am Tag der Abstimmung, dem 1. Juni, ist Planungsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) live zu Gast im Studio. Zum möglichen Verlust des Welterbestatus hat sie dem ORF-Bericht wenig hinzuzufügen: Für Vassilakou ist die Kritik der Unesco überzogen. Wien komme zwar auf die Rote Liste, „aber wie auch Herr Reis schon erklärt hat, das bedeutet nicht den Verlust des Welterbestatus“, zitiert sie den Wien-heute-Redakteur. Man habe lediglich ein Warnsignal erhalten.

Vassilakou zieht den Vergleich mit der deutschen Karnevalstadt Köln: Der Kölner Dom sei einst ebenfalls auf der Roten Liste der Unesco gestanden, allerdings wieder davon gestrichen worden – das sei auch im Fall der Wiener Innenstadt möglich. Dabei vergisst die Vizebürgermeisterin auf entscheidende Unterschiede zwischen beiden Projekten: Zum einen wird das Hochhaus in Wien in der Welterbezone gebaut, in Köln war das nicht der Fall. Die geplanten Kölner Bauprojekte lagen außerhalb und hätten nur die Sicht eingeschränkt. Zum anderen lenkte die Stadt Köln beim entscheidenden Kritikpunkt der Unesco ein: Die geplanten Häuser wurden verkleinert, sodass schließlich auch die Unesco ihren Sanctus gab und Köln wieder von der Roten Liste strich.

„Trifft die Sachlage nicht“

Da auch bei Wien heute niemand an den Unterschied dachte, bekamen das TV-Publikum und die Leserinnen und Leser von wien.orf.at den Standpunkt der Regierungsparteien aufgetischt: „Vassilakou will Welterbestatus erhalten, titelte man online.

Screenshot wien.orf.at, 1. Juni 2017

Genau das sieht man bei Unesco Österreich ganz anders. Seit 2012 sei klar, was zu tun gewesen wäre; und dass Wien sich darum bemühen würde, so viele Wünsche der Unesco wie möglich zu erfüllen, „trifft die Sachlage nicht“, heißt es bei Unesco Österreich. Für Generalsekretärin Eschig gibt es nun nur noch eine Möglichkeit, um eine drohende Aberkennung zu verhindern: „Das Projekt völlig neu aufstellen.“