Wie der ÖSV mit dem Kanzler wedelte

In Kooperation mit
Der Standard und Ö1

Außenpolitisch sind es schwere Tage für Bruno Kreisky. Am 7. Mai 1974 tritt ein enger Verbündeter, Deutschlands Bundeskanzler Willy Brandt, zurück. Brandts persönlicher Sekretär war zuvor als Spion enttarnt worden.

Am 8. Mai kommen US-Außenminister Henry Kissinger und sein sowjetischer Kollege Andrej Gromyko in einer Sache, die dem Kanzler am Herzen liegt, nicht weiter: dem Konflikt zwischen Israel und Syrien.

Am 9. Mai 1974 landet ein heikler Akt über Österreichs Nationalheld Toni Sailer, dem dreifachen Olympiasieger, vielfachen Weltmeister, Filmstar und Direktor des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), auf Bruno Kreiskys Schreibtisch.

Aktendeckblatt 9.5.1974

„Information für den Herrn Bundeskanzler“ steht auf dem Umschlag. Die Dokumente sind Teil eines weiteren Aktes, den das Recherchekollektiv DOSSIER, Der Standard und Ö1 erst am Tag nach der Erstveröffentlichung im Außenministerium einsehen durfte.

Der Akt enthält neue Details zu den Vorgängen nach dem 4. März 1974, als Anton „Toni“ Sailer mit zwei Jugoslawen eine polnische Prostituierte vergewaltigt und verletzt haben soll. Die Dokumente beleuchten die Rolle des ÖSV und zeigen, wie sich Sailers polnischer Verteidiger bemühte, die betroffene Frau zu diskreditieren.

Janina S. sprach, wie der Akt zeigt, damals persönlich bei der österreichischen Botschaft in Warschau vor, weil sie befürchtet hatte, der Vorfall könnte begraben werden. Auch die außenpolitischen Bemühungen, die Sache aus der Welt zu schaffen, werden klarer. 

Diplomaten, die damals in der Botschaft in Warschau ihren Dienst versahen, werfen einen differenzierten Blick auf die Geschehnisse: Man habe natürlich allen Österreichern geholfen. Außerdem man dürfe nicht vergessen, es sei „tiefster Kommunismus“ gewesen, sagt einer.

In den Unterlagen des Außenamtes finden sich indes keine Hinweise darauf, dass der polnische Geheimdienst Służba Bezpieczeństwa (SB) in dieser Affäre seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Damals wie heute hält sich dennoch das Gerücht, Toni Sailer sei eine Falle gestellt worden, vielleicht sogar vom SB.

Auch im Archiv des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN) in Polen finden sich keine Unterlagen darüber. Das mag noch nichts heißen. Viele Unterlagen wurden zerstört. Ehemalige Botschaftsmitarbeiter und Historiker halten eine Beteiligung des SB dennoch für äußerst unwahrscheinlich.

Fakt ist, dass die Behauptung von Klaus Leistner, dem Generalsekretär des ÖSV, nicht mehr haltbar ist. „Das war keine ÖSV-Geschichte, das war nur eine Geschichte von Toni Sailer“, hatte Leistner in einer ersten Reaktion gesagt.

Dabei wurde der ÖSV, bei dem Leistner schon damals aktiv tätig war, aufgefordert, umfassend Bericht zu erstatten - laut der vorliegenden Akten kam man dem beim ÖSV aber nicht nach. Und die Akten des ÖSV seien, so Leistner, bei einem Wasserrohrbruch zerstört worden. Vom ÖSV ist also keine Aufklärung zu erwarten.

Schon wenige Tage nach dem Vorfall in Zakopane urgiert das Außenministerium, von den die „peinliche Situation herbeigeführt habenden Funktionären des Österreichischen Skiverbandes die alsbaldige Refundierung der Kaution“ zu verlangen.

Österreichs Botschaft hatte auf Weisung von Außenminister Rudolf Kirchschläger die Kaution von 5.000 US-Dollar gezahlt, damit Sailer seinen Dienstpass zurückerhalten und Polen verlassen konnte. Sailer werde, wie ÖSV-Präsident Kurt Schlick erwidert, natürlich voll für die Kaution haften.

„Unappetitliche Details“

Zu diesem Zeitpunkt waren die Ermittlungen in Polen gegen ÖSV-Direktor Sailer in vollem Gange, wie es in der Zusammenfassung des Außenministeriums für den Bundeskanzler steht. Und noch etwas war passiert: Die betroffene Polin Janina S. hatte „am 15. März 1974 bei der österreichischen Botschaft in Warschau vorgesprochen“.

Sie bezeichnete sich selbst als Prostituierte und behauptete, die polnischen Behörden hätten ihr 10.000 Złoty geboten „und bedeutet, über die Angelegenheit ansonsten Stillschweigen zu halten“, wie es in einem Aktenvermerkt heißt. Ferdinand Mayrhofer-Grünbühel, Botschaftssekretär in Warschau, sprach damals mit Janina S. Sie sei einfach vor der Botschaft gestanden, sagt er heute.

„Sie hatte Angst, durch die Finger zu schauen“. Als sie in der Botschaft vorgesprochen habe, hätte Sailer das Land bereits verlassen. Zweck ihres Besuchs war, „eine Entschädigung oder Schmerzengeld zu erhalten“, sagt der Diplomat im Ruhestand. 

Janina S. schildert den Vorfall und hinterlässt eine schriftliche Darstellung, die „eine Reihe unappetitlicher Details“ enthalten soll, wie in dem Aktenvermerk steht. Aber wirkte die Frau auch glaubwürdig auf Mayrhofer-Grünbühel? „Im Prinzip ja.“

Ö1-Redakteur Bernt Koschuh im Gespräch mit Ferdinand Mayrhofer-Grünbühel

Sie gibt an, eine Entschädigung über 300.000 Złoty bei Gericht zu verlangen und hofft, in einem Verfahren mindestens 150.000 Złoty zugesprochen zu bekommen. „Herr Sailer“ müsse „für sein Verhalten büßen“ und sie „die Ehre der polnischen Frau“ retten, sagte Janina S. Es wird ihre letzte Forderung bleiben.

Als die polnischen Behörden das Verfahren neun Monate später einstellen, bleibt ihr nur die Möglichkeit einer Privatanklage. Sie wird diese nie einbringen. In der Recherche konnte sie nicht gefunden werden. Janina S. ist vermutlich 2016 verstorben.

Sailers Version: Erpressung!

Der damalige Botschaftsmitarbeiter Karl Vetter von der Lilie hält ihre Schilderung für plausibel: „Es dürfte eine Menge Alkohol im Spiel und der gute Toni Sailer nicht ganz unschuldig gewesen sein.“ Polens Skistar Andrzej Bachleda-Curuś, der damals beim Weltcup-Slalom Zakopane Sechster wurde, sieht das heute genauso.

„Toni kam von Norwegen nach Polen, er war total betrunken. Zu dieser Zeit trank er schwer, aber für uns in Polen war er ein Idol. Er war der Größte, er war der Boss. (...) Toni hat was Schmerzhaftes getan, irgendetwas muss schiefgelaufen sein. Er muss die Frau verletzt haben. Der Vorfall warf einen Schatten über den Wettkampf, der für Polen so wichtig war.“

Der kürzte Weg heute, laut Google Maps.

Nach seiner Freilassung fährt ÖSV-Direktor Sailer am 7. März von Zakopane direkt zum Weltcup-Finale auf die andere Seite des Grenzgebirges Hohe Tatra in die Tschechoslowakei. Dort trifft er Reporter von Krone, Kurier und Kleine Zeitung. Sie rapportieren am Tag darauf Sailers Version nach Österreich, am ausführlichsten lässt die Kleine Zeitung Sailer zu Wort kommen:

„Das Einzige was ich zu den Beschuldigungen sagen konnte: Ich war mit den zwei Italienern (tatsächlich waren es zwei Jugoslawen, Anmk.) und der Polin in einer Gesellschaft. Habe sie dann jedoch verlassen. Was später geschah, davon weiß ich nichts. Das Mädchen soll zuerst geschlagen und dann vergewaltigt worden sein. Ein Delikt, das in Polen wie Raub oder Totschlag behandelt wird. Ich sollte ein Protokoll unterschreiben. Das war in polnischer Sprache. Da hab ich einen Anwalt verlangt.“

Kleine Zeitung v. 8.3.1974

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt muss ÖSV-Direktor Sailer seinem polnischen Verteidiger, Rechtsanwalt Władysław Burak-Gajewski, das erste Mal begegnen. Die Linie der Verteidigung: die Frau diskreditieren.

Am 9. März deponiert Burak-Gajewski bei der Staatsanwaltschaft in Zakopane: Man möge die Aussagen der Geschädigten, die „hinterlistig in den Wohnsitz ausländischer Equipen“ eingedrungen war, überprüfen.

Es müsse festgestellt werden, „ob die Geschädigte Janina S. sich mit Erpressung und Unzucht befasst hat“ und bereits früher Falschaussagen getroffen habe. Während Sailers polnischer Anwalt die Glaubwürdigkeit der Betroffenen in Frage stellt, bedient der Ski- und Filmstar die Medien.

Gegenüber der Kleinen Zeitung fährt Sailer am Tag seiner Freilassung fort, sein Anwalt hätte „die Botschaft in Warschau“ informiert. Doch das stimmt nicht: Sailer selbst rief am 6. März, kurz nach seiner Freilassung, bei der Botschaft an, wie die Dokumente des Außenministeriums zeigen. Es ist nicht die einzige falsche Information, die er mithilfe der Zeitungen verbreitet.

Kurier und Kleine Zeitung berichten von einem Untersuchungsbericht eines Gerichtsmediziners, den ihnen Sailer damals auftischt: „Die Dame war ‚einschlägig bekannt‘ und registriert. Der medizinische Bericht fiel zu meinen Gunsten aus und widerlegte die Behauptung der Polin. Daraufhin wurde ich auf freien Fuß gesetzt.“ 

Tatsächlich findet sich in dem Akt ein Antrag von Sailers Anwalt „auf Beweisaufnahme auf Grund des Befundes der Gerichtsmedizinischen Anstalt“. Darin heißt es, die Frau könnte sich die Verletzungen „in Folge ihres Lebens, das sie führte, zugefügt haben.“ Datiert ist die Eingabe des Gutachtens erst mit 29. März 1974. Sailer hatte bereits drei Wochen zuvor behauptet, dadurch entlastet worden zu sein.

Erratum, 27.1.2018: Im obigen Absatz haben wir falsch zitiert. Ursprünglich hieß es, die Frau könnte sich die Verletzungen „in Folge ihres Lebens, das sie führte, selbst (sic!) zugeführt haben“. Der Fehler wurde korrigiert.

Die Journalisten verbreiten Sailers Version, ohne sie zu hinterfragen. Aber auch in dem Aktenvermerk nach Janina S.´ Besuch in der Botschaft findet sich ein Hinweis, es könnte sich um „eine Art Erpressungsversuch“ handeln.

Damit wäre die Drohung der Frau gemeint gewesen, die Causa publik zu machen, sollte keine Entschädigung bezahlt werden, sagt Ferdinand Mayrhofer-Grünbühel heute. Dass Janina S. den Vorfall selbst inszeniert haben könnte, zieht der Diplomat nicht in Betracht. Ihre Schilderung sei durchaus glaubhaft gewesen.

Eine Falle des Geheimdienstes?

Im Mai 1974 sieht es so aus, als würde es zu einem Gerichtsverfahren kommen. Die polnische Staatsanwaltschaft ist bereit, Toni Sailer den Prozess zu machen. Kanzler Kreisky ist informiert. Sailers österreichischer Anwalt Karl-Heinz Klee, damals auch ÖSV-Ehrenpräsident, spielt auf Zeit: ÖSV-Direktor Sailer befinde sich in Kanada und werde nicht vor Ende Juli zurückkommen.

Am 22. August geht eine Chiffre-Depeche Österreichs Botschaft in Warschau ein. Sailers Anwalt Klee möchte persönlich mit den polnischen Behörden verhandeln. Es werde darum gebeten, dass ihn ein Mitarbeiter der Botschaft begleite. Die Wahl fällt auf Rudolf Tomsich, damals Verwaltungsattaché.

Tomsich spricht ausgezeichnet Polnisch. Außerdem kenne er den zuständigen Oberstaatsanwalt in Krakau schon „aus früheren Rechtsfällen“. Am 29. August 1974 um 12.45 Uhr nimmt Tomsich Sailers Rechtsanwalt direkt an der AUA-Maschine in Empfang. Die beiden fahren zur Botschaft, wo eine „ausführliche Fallbesprechung“ stattfindet. Am Abend geht es mit dem Flugzeug weiter nach Krakau.

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Am nächsten Morgen treffen Klee und Tomsich in Krakau Vizeprokurator Henryk Soga in dessen Amtsräumen. „Die Stellung des Magisters entspricht einem 1. stellvertretenden Oberstaatsanwalt in Österreich“, wird Klee später erklären. Zwei Stunden lang beraten sie über den Vorfall, der für alle Beteiligten in „vielen Beziehungen unverständlich erscheint“.

Die „politische Polizei“ sei in unmittelbarer Nähe des Tatzimmers gewesen die Haltung der beiden Jugoslawen „zumindest undurchsichtig“. Es liege der Verdacht nahe, sie hätten mit der Geschädigten zusammengearbeitet, um „Toni Sailer in irgendeiner Weise zu erpressen“.

Da ist er wieder, der Verdacht der Erpressung. Erstmals ist auch die Rede davon, dass die beiden Jugoslawen, die DOSSIER, Standard und Ö1 heute in Slowenien erreicht haben, mit Janina S. Teil des Komplotts gegen Toni Sailer gewesen sein sollen. Und die „politische Polizei“, also der Geheimdienst, kommt ins Spiel.

Dass der polnische Sicherheitsdienst SB Sailer eine Falle gestellt hätte, halten Österreichs damalige Diplomaten für so gut wie ausgeschlossen. „Es ergibt keinen Sinn“, sagt Ferdinand Mayrhofer-Grünbühel.

„Warum soll die polnische Regierung einer Galionsfigur eines Staates, mit dem sie gute Beziehungen möchte, eine Falle stellen? Für mich gab es keinen Hinweis auf eine Involvierung des Geheimdienstes.“

Und hätte es Hinweise gegeben, sie wären in den Akten vermerkt. Auch der ehemalige Verwaltungsattaché Rudolf Tomsich schließt eine Falle des Geheimdienstes aus. „Ganz sicher nicht“, sagt er heute. „Die Polen waren sehr daran interessiert, dass Sailer kommt.“ Der Historiker und Kreisky-Biograf Oliver Rathkolb sieht das im Gespräch mit DOSSIER ähnlich.

„Auch für Polen war das eine unangenehme Geschichte. Die Polen haben Österreich ja fast als Modell gesehen, die Neutralität galt auch in der polnischen kommunistischen Führung als mögliche Option, sich von der Sowjetunion weg zu bewegen. Warum soll ich diese Beziehungen mit so einer Aktion stören? Dem fehlt jede politische Logik.“

Archivrecherchen im polnischen Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), wo die verbliebenen Akten zugänglich wären, brachten keine Ergebnisse. Einzig ein Bericht darüber, dass der SB „operative Kontrolle“ über drei Österreicher hätte – keiner davon hatte etwas mit dem Fall Sailer zu tun. Und eine Analyse aus den 1980er Jahren über österreichische Staatsbürger und Autounfälle.

In Zakopane, dem Nobelskiort der Volksrepublik Polen, hatte man sich für den Event alle Mühe gegeben. Erstmals war der alpine Ski-Weltcup in Polen zu Gast, ein Highlight für den Ort und die Führung des Landes. Die Piste sei trotz schlechter Schneelage perfekt präpariert gewesen, sagt Skirennläufer Bachleda-Curuś.

„Wir haben auf der Piste trainiert, als wir davon erfuhren. Die Sache wurde schnell aus der Welt geschafft. Es ist eine Schande, dass sie einen Schatten auf einen Wettbewerb geworfen hat, der so wichtig für die polnischen Athleten und das Land war.“

Ein Abendessen mit dem Vizeprokurator

Zurück in die Amtsstube des Krakauer Oberstaatsanwaltes. Im Zuge des Gesprächs zwischen Tomsich, Klee und Vizeprokurator Soga am 30. August 1974 ergibt sich, dass die Anklageschrift wegen eines Formfehlers sogar bis nach Warschau, an die Generalstaatsanwaltschaft, übermittelt wurde.

Einer der beiden Jugoslawen soll keine Zustell- oder Vertretungsadresse in Polen gehabt haben. „Es besteht die Möglichkeit, dass der Akt wegen dieses Formfehlers zur Einstellung komme.“ Allerdings sei dann unklar, so wird erörtert, was mit der Kaution passiere, denn inhaltlich sei die Schuldfrage nicht geklärt.

Tomsich bringt Bundeskanzler Bruno Kreisy ins Spiel. Die Nichterledigung dieser Angelegenheit sei in Anbetracht des polnischen Staatsbesuches in Wien „unangenehm“, darüber habe Kreisky die polnische Botschaft in Österreich informiert.

Oberstaatsanwalt Soga, „selbst ein begeisterter Skifahrer“, sei überaus hilfsbereit und entgegenkommend gewesen, wird Klee später berichten. Der Vizeprokurator habe von Krakau aus noch ein Telefonat mit dem 1. Parteisekretär aus Zakopane geführt; dieser erklärt „auch im öffentlichen und im lokalen Interesse sei eine baldige Erledigung anzustreben“. Er werde sich dafür einsetzen.

Die Herren vereinbaren noch einen weiteren Termin für den Abend im Hotel Cracovia. Im Anschluss treffen Klee und Tomsich ihren Mitstreiter, Anwalt Burak-Gajewski, der Toni Sailer seit dem Vorfall in Zakopane vertritt. 

Dass die beiden Österreicher nach dem Besuch bei Vizeprokurator Soga weit mehr wussten als der polnische Kollege „zeigte sich in der Folge aber durchaus verständlich“, erklärt Sailers Anwalt und ÖSV-Ehrenpräsident Karl-Heinz Klee später. 

Denn Gajewski besitze „keineswegs die Möglichkeit, zu jenen Stellen vorzudringen, mit welchen über Interventionen des Botschaftskanzlers Dr. Tomsich der Gefertigte“, nämlich er selbst, Karlheinz Klee, verhandeln konnte.

Hotel Cracovia, heute ein Musem, Foto: Mach240390 (Wikimedia Commons: CC BY-SA 3.0)

Es ist Abend im Hotel Cracovia, als Vizeprokurator Soga eine „Bombe“ platzen lässt: Eine nochmalige telefonische Besprechung mit der Generalstaatsanwaltschaft in Warschau habe ergeben, dass der Vorfall nicht zu einer Anklageerhebung ausreiche.

Das einzige Problem: die bereits verfasste Anklageschrift. Sie musste man noch aus der Welt schaffen. Deswegen beabsichtige die Staatsanwaltschaft „die ‚Geschädigte‘ besonders scharf im Hinblick auf ihren Lebenswandel und ihre angeblich erlittenen Verletzungen zu vernehmen“.

Die Einstellung sollte schließlich als im öffentlichen Interesse gelegen betrachtet werden. „Daher würde auch zu einer Intervention auf diplomatischer Ebene, insbesondere im Zusammenhang mit dem anstehenden Besuch des polnischen Ministerpräsidenten in Wien geraten.“

Zurück in Österreich hat Karl-Heinz Klee das nicht vergessen.  Am 3. September 1974 berichtet der dem Unterrichtsministerium (BMUK) ausführlich über seine Reise nach Polen. Klee hat eine Empfehlung parat: die „Causa Toni Sailer bei dem bevorstehenden Besuch des polnischen Ministerpräsidenten in Wien in die Gesprächsthemen miteinzubeziehen und solcherart möglicherweise einen Schlussstrich unter die unliebsame Affäre zu ziehen“. 

Im BMUK nimmt man die Anregung „wärmstens“ auf. Am 13. September wird der zuständige Sektionschef informiert, dass „der Fall Toni Sailer in die Sprechmasse ,Polen` aufgenommen wurde“. Bis zu den Regierungsspitzen wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Causa des ÖSV-Direktors zu bereinigen - oder wie der Name des Ortes Zakopane auf Deutsch übersetzt heißt, zu begraben.

 

 

Teaserbild: Votava (Wikimedia Commons: CC BY-SA 2.0); Montage: DOSSIER

Rund neun Wochen lang haben wir in Österreich, Polen und Slowenien recherchiert; wir haben Archive durchstöbert, Akten gelesen und mit Zeitzeugen wie Historikern gesprochen. Es recherchierten Siegfried Lützow, Fritz Neumann, Philip Bauer (alle Der Standard), Johann Skocek, Florian Skrabal (beide DOSSIER), Bernt Koschuh (Ö1), Wojciech Cieśla (Newsweek.pl, Polen), Jurek Jurecki (Tygodnik Podhalanski, Polen) und Anuška Delić (Delo, Slowenien). Besonderer Dank gilt der Rechtsanwältin Eva Plaz, die geholfen hat, den Akt zu verstehen, und der Medienrechtsexpertin Maria Windhager.