Versteckter Zucker

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Wenn es um Ernährung geht, wird die Diskussion schnell emotional. Fast wie ein Gegenentwurf liest sich da die Selbstbeschreibung des Forum Ernährung Heute: „An erster Stelle steht die Vermittlung von ausgewogenen, wissenschaftlich fundierten Informationen“, ist auf der Webseite des Wiener Vereins zu lesen. Was dort bisher verschwiegen wurde: wer hinter dem Forum steht.

 

Als das Forum Ernährung Heute (FEH) vor eineinhalb Jahren ins neobarocke Palais in der Wiener Josefstadt lud, kamen Wissenschaftler, Journalisten – und auch die Politik war da. Die Gesundheitsministerin hielt die Eröffnungsrede an jenem Tag im September 2015, der im Zeichen von „Mythen, Widersprüchen und Skandalisierung“ stand. Mit populären Essensmythen sollte aufgeräumt werden: Weder Kohlenhydrate noch das Essen am Abend machten dick, Kaffee entwässere nicht, und Zucker mache nicht zuckerkrank.

Der Gastgeber des Symposions ist ein kleiner Verein: ein Obmann, eine Geschäftsführerin und zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen. Sie sollen „einen offenen Dialog und die Verbreitung faktenorientierter und wissenschaftsbasierter Informationen über eine gesunde, moderne und ausgewogene Ernährung, Lebensführung und Konsumverhalten“ fördern. So steht es in den Statuten des Vereins.

Regelmäßig in den Medien

Seit Anfang der 1990er-Jahre veranstaltet das FEH Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, betreibt Öffentlichkeitsarbeit, schreibt Aussendungen. Gerade zum Thema Zucker kommt die wissenschaftliche Leiterin des Forums, Marlies Gruber, immer wieder in heimischen Medien zu Wort. Dabei vertreten Gruber – seit heuer auch Geschäftsführerin des Forums – und ihr Verein eine recht dezidierte Meinung. „Breite Hüften und ein runder Bauch haben wenig mit zu viel Zucker oder Fett im Essen zu tun – im Gegenteil“, schreibt Gruber in einer Aussendung. „Nur bei Erwachsenen wurde ein wahrscheinlicher – und kein überzeugender – Zusammenhang zwischen dem erhöhten Konsum zuckergesüßter Getränke und Adipositas festgestellt“, heißt es an anderer Stelle.

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„Dass es nur einen angeblichen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum, süßen Getränken und Übergewicht bei Kindern gibt, halte ich für unverfroren“, sagt die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz. Was sie an diesem Fall besonders stört: dass hier nicht transparent kommuniziert werde, wer hinter den Botschaften stehe. Mit solchen Informationen ging das Forum bisher sehr sparsam um.

Wer ist Mitglied des Vereins? Woher bekommt er sein Geld? Bis vor wenigen Tagen hieß es auf der Webseite nur knapp: „Bedeutende Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft unterstützen den Verein.“ Ein Auszug aus dem österreichischen Vereinsregister zeigt allerdings: Die Mitglieder des Vereinsvorstandes haben alle enge Verbindungen zu Unternehmen der Lebensmittelindustrie.

Peter Reinecke ist Obmann des Vereins – gleichzeitig sitzt er seit 2012 im Vorstand der Rauch Privatstiftung, der Familienstiftung des Fruchtsaftherstellers. Reineckes Stellvertreter, Stephan Savic, arbeitet beim Zuckerhersteller Agrana, er sitzt dort im Aufsichtsrat. Andere Mitglieder des Vereinsvorstands sind unter anderem für Coca-Cola und Nestlé Österreich tätig.

Nach mehrfacher Anfrage legte das FEH nun seine gesamte Mitgliederliste offen; und stellte sie auch auf die eigene Webseite. Die Namen darauf lesen sich wie das Who is Who der österreichischen und internationalen Lebensmittelindustrie. Neben Agrana, Coca-Cola und Nestlé finden sich dort ebenso Danone, Mars, McDonald’s und Unilever. „Im Durchschnitt 10.000 Euro“ zahle jedes der Unternehmen im Jahr an den Verein, heißt es in einer Stellungnahme des Forums.

Damit kommt der Großteil der Einnahmen von der Industrie. Laut Forum betrug das jährliche Budget in den vergangenen Jahren im Schnitt zwischen 250.000 und 300.000 Euro. Unterstützung gibt es überdies vom Fachverband der Nahrungsmittelindustrie, er stellt dem Verein die Büros zur Verfügung.

„Agenda Setting“ für die Industrie

Im November 2016 deckte die deutsche Wochenzeitung Die Zeit mehrere Fälle von Tarnvereinen aus der Gesundheits- und Lebensmittelindustrie auf. Laut der Zeitung verbreiten solche Vereine unter dem Deckmantel gemeinnütziger Information einseitige Informationen, die letztlich bestimmten Interessengruppen, meist Unternehmen, nützen. Ein Tarnverein dient als Mittelsmann zwischen den Interessen einer Industrie und jenen der Öffentlichkeit.

Bei diesen „Foren“, „Arbeitskreisen“ und „Initiativen“, schreibt Die Zeit, soll der eigentliche Sender verschleiert werden, die Information so glaubwürdiger erscheinen. Die Öffentlichkeitsarbeitsvereine betrieben „Agenda Setting“. Es gehe nicht um Werbung für bestimmte Produkte, sondern darum, für die Themen der Industrie ein positives Umfeld zu schaffen. Oft repräsentierten neutrale Wissenschaftler die Ziele nach außen, so die Zeitung.

Das FEH will sich nicht in die Nähe solcher Tarnvereine rücken lassen. Man habe „nichts zu verbergen“, schreibt Geschäftsführerin Gruber in einer am Montag übermittelten Erklärung. Die „wissenschaftliche Datenlagen“ bilde „unbestritten die ausschließliche Basis der Arbeit“ des Vereins. „Allfällige vordergründige kommerzielle Interessen unserer Mitglieder“ hätten „auf die Inhalte unserer Kommunikation keinen Einfluss“, so Gruber. Die wissenschaftliche Absicherung des Vereins wirkt tatsächlich beeindruckend.

Acht Mitglieder hat der wissenschaftliche Beirat, den das Forum eingerichtet hat. Darin sitzt unter anderen der anerkannte Lebensmitteltechniker und pensionierte Boku-Professor Emmerich Berghofer. Er ist zugleich Rechnungsprüfer des Vereins. An der Spitze des Beirats steht mit Jürgen König gar der Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Uni Wien.

König sieht – wie auch seine Beiratskollegen – kein Problem darin, dass der Verein von der Lebensmittelindustrie finanziert wird. „In der Community wissen die meisten, wer dahinter steht“, sagt der Universitätsprofessor. Er hält aber für möglich, dass das Forum das besser nach außen transportieren könnte – „für jemanden, der sich jetzt nicht so mit der Szene auskennt“. Interessenkonflikt sieht er keinen: „Wir stützen uns auf die Literatur, die ohnehin existiert.“

WHO „verkennt Ursachen“

Doch die Sache ist womöglich etwas komplizierter. Am 4. März 2015 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) neue Richtlinien für die Aufnahme von Zucker aus verarbeiteten Lebensmitteln. Um ungesunde Gewichtszunahme, Zahnkaries und deren Folgeerkrankungen zu verringern, empfiehlt die WHO erwachsenen Menschen, nicht mehr als 50 Gramm Zucker pro Tag zu konsumieren. Das sind zwölf Teelöffel. Noch besser, so die WHO, sei es, überhaupt täglich nur die Hälfte dieser Menge zu sich zu nehmen. Also sechs Teelöffel oder 25 Gramm Zucker. Das ist nicht viel. Zum Vergleich: Ein Glas Limonade hat im Schnitt 20 Gramm Zucker, wie sich auf der Webseite der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) nachlesen lässt.

Das FEH reagierte noch am selben Tag per Presseaussendung. Gruber warf der WHO vor, sie verkenne die Ursachen. „Die wissenschaftlichen Belege zur Untermauerung dieser Empfehlung sind jedoch mager“, schrieb Gruber in der Aussendung. Und weiter: „Wie die Konsumdaten zeigen, sind die Österreicher beim Zuckerverzehr auf einem guten Weg. Wer maßvoll und vernünftig mit Süßem umgeht, kann dies auch weiterhin mit gutem Gewissen tun.“

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Nur die halbe Wahrheit

„Das Problem ist, dass Fakten in einen Zusammenhang gestellt werden, die das Gesamtbild so verändern, dass die Aussage tendenziös in die gewünschte Richtung verzerrt wird“, sagt Sigrid Pilz. Dazu kommt das, was das Forum nicht sagt. Der Verein beruft sich etwa regelmäßig auf die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Diese „weisen aus, dass das Risiko für Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit der Aufnahme von Zucker wahrscheinlich nicht zusammenhängt bzw. die Datenlage dazu unzureichend ist“, schreibt das FEH. Das ist nicht falsch – aber nur die halbe Wahrheit.

Denn die DGE hält auf ihrer Webseite zugleich fest: „Neuere epidemiologische und experimentelle Studienergebnisse zeigen aber immer deutlicher, dass vor allem ein erhöhter Konsum zuckergesüßter Getränke mit einer Gewichtszunahme bzw. Adipositas verbunden ist.“ Und weiter: „Vor dem Hintergrund der Adipositasepidemie auch in Deutschland sollte vor allem der Zuckerkonsum in Form von Getränken aus den dargestellten Gründen eingeschränkt werden.“

Das Forum Ernährung Heute vertritt hingegen die Ansicht, dass „energiedichte Lebensmittel“, etwa Softdrinks oder Schokoriegel, keinen wirklichen Einfluss auf das Gewicht haben. „Die entscheidende Rolle spielt beim modernen Lebensstil jedoch die körperliche Aktivität“, steht in einer Presseaussendung. Ist es wirklich so einfach?

Beim Verein für Konsumenteninformation (VKI) ist man beim Thema Zucker mit der WHO auf einer Linie: 50 Gramm pro Tag sind ausreichend, alles darüber hinaus leiste einen Beitrag zu Übergewicht, sagt Birgit Beck, Ernährungswissenschaftlerin beim VKI: „Wir wissen, dass mehr Bewegung wichtig ist und zu langes Sitzen gesundheitsschädlich sein kann. Aber zu sagen, dass man mit ausreichend Bewegung alles essen kann, ist einfach nicht korrekt.“

Den Fokus von der Ernährung wegzulenken, hält Patientenanwältin Pilz für eine „besondere Irreführung“. Auch Ernährungswissenschaftler Cem Ekmekcioglu vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien sagt: „Um einen Liter Cola zu kompensieren, muss man sich grob geschätzt zwei bis drei Stunden ordentlich bewegen.“ Vor allem bei zuckergesüßten Getränken finde meist kein Ausgleich in der Ernährung statt. Softdrinks bezeichnet Ekmekcioglu als „Luxuskalorien“: „Den zugesetzten Zucker brauchen wir nicht.“

„Öffentlichkeit, Politik und Medien müssen genau hinschauen, mit wem sie es zu tun haben“, sagt Timo Lange von Lobby Control, einem Verein aus Deutschland, der über Machtstrukturen und Einflussnahme auf Politik und Öffentlichkeit aufklären will. „Als Merksatz gilt: Organisationen, die ihre Auftraggeber, Mitglieder und Geldgeber nicht oder nur vage benennen, sind schlicht unseriös.“ Das kann man dem Forum Ernährung Heute seit dieser Woche nicht mehr vorwerfen.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Studierenden des Studiengangs „Journalismus und Medienmanagement” der FH Wien WKW – Lisa Wölfl, Luca Gasser und Radovan Baloun – und Martin Steinmüller von ORF.at.