Offene Türen in Europa

Die ehemalige Skirennläuferin Nicola Werdenigg und die Psychologin Chris Karl sitzen Anfang Mai in einem ehemaligen Priesterseminar nahe Köln. Die Studiengemeinschaft Voices for Truth and Dignity hat zu ihrer Abschlusskonferenz gebeten.

Die Initiative wird von der EU im Rahmen des Erasmus-Programms gefördert und „gibt Betroffenen eine Stimme“. Es geht um Missbrauch im Sport und diesen zu bekämpfen.

Ziel ist des zweieinhalbjährigen Projekts ist „die Entwicklung von Empfehlungen und Informationsmaterialien, die europaweit zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt im Sport genutzt werden können“, wie auf der Website zu lesen ist. 

Es geht bei der Tagung um Prävention von Machtmissbrauch und um die Analyse von Strukturen, die im Sport mit seinen steilen Hierarchien und den systemimmanenten Abhängigkeiten Übergriffe begünstigen.

Unter der Leitung der deutschen Sporthochschule Köln beteiligen sich Universitäten aus sieben EU-Staaten an Voices. Anders als bei der Untersuchung durch das vom ÖSV eingesetzte Expertinnen-Team, kommen hier Betroffene zu Wort.

Ein Kern der Arbeit war eine Interviewstudie mit 72 Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Rund 70 Prozent davon waren Frauen.

Hier Auszüge aus bisherigen Ergebnissen der wissenschaftlichen Aufarbeitung:

  • Während der Kindheit sind fünf bis zehn Prozent der Mädchen und bis zu fünf Prozent der Jungen von sexuellen Übergriffen betroffen, die direkten Körperkontakt in Form von Penetration beinhalten. Dreimal so viele sind von irgendeiner Form sexualisierter Gewalt betroffen. (Quelle: The Lancet, Gilbert et al., 2009)
  • Zwölf Prozent der Frauen geben an, dass sie vor dem 15. Lebensjahr eine sexualisierte Gewalthandlung erfahren haben, was 21 Millionen Frauen in Europa entspricht. (Quelle: Violence Against Women Survey, EU-Agency For Fundamental Rights)
  • Nach einer repräsentativen Umfrage in Österreich gaben 13 Prozent der befragten Frauen an, seit ihrem 16. Lebensjahr schon einmal eine Form sexualisierter Gewalt im engeren Sinne erlitten zu haben. Dies entspricht fast jeder siebten Frau. In den meisten Fällen geht die Gewalt dabei von Männern aus. In der überwiegenden Zahl der Fälle sind die Täter bekannt und stammen aus dem familiären Umfeld, der Nachbarschaft, der Schule oder Einrichtungen der Ausbildung und Jugendarbeit.

Für den organisierten Sport in Österreich liegen bislang keine gesicherten Daten vor.

Die Aufklärung in Österreich läuft langsam läuft an. Das Ministerium für Sport will noch heuer eine Studie über die Verhältnisse in heimischen Verbänden und Vereinen in Auftrag geben.