Das Problem, das der ÖSV nicht haben will

„Die Vorwürfe stimmen einfach nicht“, sagte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel Mitte Juni kurz nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichtes über sexuelle Übergriffe im Österreichischen Skiverband (ÖSV).

Auch Waltraud Klasnic, die in Schröcksnadels Auftrag die Untersuchung leitete, fand klare Worte: Bis auf einen Fall – ein Aushilfsmasseur im Nordischen Bereich – habe es keine einzige konkrete Meldung von Übergriffen gegeben, nicht bei ihr, auch nicht beim Weißen Ring, einer unabhängigen Einrichtung für Verbrechensopfer.

Doch der „Freispruch“ für den ÖSV, über den Medien daraufhin berichteten, könnte verfrüht gewesen sein: Denn anders als Klasnic behauptete, hatten sich beim Weißen Ring mehrere mutmaßliche Missbrauchsopfer gemeldet.

„Im vergangenen halben Jahr haben sich zwölf Betroffene von Missbrauch im Sport bei uns gemeldet“, sagt Dina Nachbaur, Geschäftsführerin des Weißen Rings, zu DOSSIER. Darunter sind auch Fälle aus dem ÖSV. „Wie viele das waren, sagen wir nicht. Wir würden sonst die Anonymität der Betroffenen gefährden“, so Nachbaur.

Eine Klasnic-Kommission für den ÖSV

Im November 2017 waren Missbrauchsvorwürfe im Skisport öffentlich geworden. Die ehemalige Skirennläuferin Nicola Werdenigg schilderte damals im Standard, wie sie in den 1970er-Jahren von einem Teamkollegen vergewaltigt worden war.

Weitere Vorwürfe von mutmaßlichem Missbrauch durch Skitrainer Charly Kahr und Sportlegende Toni Sailer wurden in der Folge bekannt. ÖSV-Präsident Schröcksnadel reagierte und setzte Waltraud Klasnic, einst steirische Landeshauptfrau (1996–2005, ÖVP), für die Aufarbeitung der Vorwürfe ein.

Seit 2010 widmet sich Klasnic Opfern von Gewalt in Einrichtungen der katholischen Kirche. Klasnic zog erneut namhafte Expertinnen und Experten hinzu, richtete eine Meldestelle für Betroffene ein und übernahm den Vorsitz der Kommission. Schröcksnadels Auftrag lautete:

Auszug aus dem Bericht der Klasnic-Kommission für den ÖSV, 13. Juni 2018

Voreiliger Freispruch

Mitte Juni präsentierten Schröcksnadel, Klasnic und andere Expertinnen die Ergebnisse: Von Dezember 2017 bis Ende Mai 2018 führten sie 130 Telefonate und bearbeiteten 90 E-Mails.

Bis auf einen Fall aus der jüngeren Vergangenheit, der nun gerichtsanhängig ist, sei nichts Konkretes aufgetaucht, sagte Klasnic zur Nachrichtenagentur APA. Viele Zeitungen titeln mit „Missbrauch im Skisport: Klasnic-Kommission spricht ÖSV frei“.

In einem Videointerview mit Kurier News wiederholt Klasnic ihre Botschaft: Man hätte sich melden können, aber die Betroffenen hätten das schlicht nicht getan. Nicht nur bei der von ihr geleiteten Kommission, genauso wenig beim Weißen Ring. „Ich habe mich dort erkundigt“, sagte Klasnic.

Klasnic war schlecht informiert

Doch weder Klasnic noch ein anderes Mitglied der Kommission hätten offiziell beim Weißen Ring nachgefragt, ob Meldungen über Übergriffe im Skisport vorliegen, sagt Geschäftsführerin Dina Nachbaur.

Sie habe sich anders informiert, erklärt Klasnic gegenüber DOSSIER: Sie habe zweimal mit dem  ehemaligen Jugendrichter und amtierenden Präsidenten des Weißen Rings, Udo Jesionek, vor der Präsentation des ÖSV-Berichts über die Sache geredet.

Damals, so Klasnic, habe Jesionek gesagt, es sei nichts bekannt. Mit der Rechercheanfrage von DOSSIER habe Jesionek sie aber informiert, „dass bislang zwölf Meldungen über ,Machtmissbrauch im Sportbereich eingegangen seien“.

Hohe Dunkelziffer bei sexueller Gewalt

Tatsächlich dürften es deutlich mehr Fälle gewesen sein, denn ein Großteil wird nie gemeldet. „Gerade bei Verletzungen der sexuellen Integrität und der Selbstbestimmung muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden“, sagt Nachbaur.

Eine Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung an der Universität Wien aus dem Jahr 2011 zeige unter anderem, dass „nahezu ein Drittel aller Frauen (...) sexuelle Gewalt erfahren“ habe.

Die Dunkelziffer beim Tatbestand Vergewaltigung liege  bei eins zu elf: Von elf Vergewaltigungen wird lediglich eine den Strafverfolgungsbehörden bekanntgegeben.

Auch bei der Plattform #WeTogether, die Nicola Werdenigg und die Psychologin Chris Karl vor einigen Monaten zur Prävention von Machtmissbrauch im Sport gegründet hatten, langten wesentlich mehr Meldungen ein als bei der Klasnic-Kommission des ÖSV.

33 Meldungen zu Übergriffen im Skisport bei Werdenigg

Neben den Meldungen bei #WeTogether gingen bei Werdenigg persönlich 33 Meldungen von Übergriffen im alpinen Skisport ein. 29 Namen von mutmaßlich Betroffenen und acht Namen von Beschuldigten liegen ihr vor.

Vier der Beschuldigten tauchen in mehreren Fällen auf. Die Übergriffe ereigneten sich im Zeitraum von 1968 bis zum November 2017. Die schwersten Vorwürfe sind: Gruppenvergewaltigung, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch Minderjähriger, Sex mit schutzbefohlenen Minderjährigen.

Der ÖSV verweist auf den Klasnic-Bericht: „Angaben von Frau Werdenigg können und wollen wir nicht kommentieren“, schreibt ÖSV-Generalsekretär Klaus Leistner in einer E-Mail.

Er sei „ein wenig verwundert“, dass „der offensive, gründliche und offene Umgang des ÖSV mit der Thematik und die nach sorgfältiger Untersuchung und Evaluierung abgegebenen Stellungnahmen kompetenter namhafter Experten dazu nicht ausreichend scheinen“.

Renommierte Expertinnen, zweifelhafter Schluss

Tatsächlich setzte der ÖSV auf namhafte Fachleute: Zusätzlich zu Klasnics Team, dem unter anderen der Psychiater Reinhard Haller, die Präsidentin des Landesgerichts für Strafsachen Graz, Caroline List, und Wiens ehemaliger Stadtschulratspräsident, Kurt Scholz, angehörten, wurde die Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger mit der Analyse der Strukturen im ÖSV beauftragt.

Mitte Juni legte auch Leibovici-Mühlberger den Medien ein dreiseitiges Statement vor. Leibovici führte nach eigenen Angaben Tiefeninterviews mit ausgewählten Trainern und Athleten durch, mit Betroffenen sprach sie nicht.

Wie Klasnic fand auch die Therapeutin bloß „eine bei der Staatsanwaltschaft bereits seit fünf Jahren anhängige Causa“. Sie kommt zu dem Schluss:

Damit kann als Ergebnis der Analyse zum Bereich fraglicher sexueller Übergriffigkeit im ÖSV deutlich auf ein weitaus geringeres Vorkommen als üblicherweise vorkommend geschlossen werden, wenn man Unternehmen mit einer vergleichbaren Größe von bis zu 500 Mitarbeitern als Referenz heranzieht, für die, laut rezenter Aussage der Arbeiterkammer/Abteilung Arbeitsrecht, von einer durchschnittlichen Inzidenz zwischen 4–5 % sexueller Übergriffigkeit am Arbeitsplatz ausgegangen werden muss.

Das erscheint in mehrfacher Hinsicht zweifelhaft. Leibovici-Mühlberger führt als einzigen Grund für ihr Fazit die Tatsache an, dass in ihrer Analyse bloß einen Fall mutmaßlicher Übergriffigkeit sichtbar geworden sei.

Im selben Zeitraum hatten Werdenigg und der Weiße Ring allerdings deutlich mehr Meldungen über mutmaßliche Missbräuche im ÖSV protokolliert.

Legt man die zitierte durchschnittliche Häufigkeit von sexueller Übergriffigkeit am Arbeitsplatz mit vier bis fünf Prozent zugrunde, käme man beim ÖSV bei rund 500 Mitarbeitern (Betreuer und Sportler) in einen Bereich, der den von Werdenigg genannten Zahlen entspricht: 20 bis 25 Fälle.

Weiter für den ÖSV tätig

Leibovici-Mühlberger hält nun Trainerkurse für den ÖSV ab. Ob sie dafür Geld bekommt und wann die Vereinbarung getroffen wurde, muss unbeantwortet bleiben. Leibovici war für DOSSIER bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen. Sie befände sich auf Familienurlaub, wie ihre Büroleiterin schreibt.

Auch Waltraud Klasnic arbeitet nach dem Ende der Expertenkommission weiter für den Skiverband. Sie leitet die neue ständige Ombudsstelle des ÖSV, bei der sich Betroffene melden können.

Auf die Frage, ob sie oder die Firma Dreischritt GmbH, an der sie beteiligt ist, dafür vom ÖSV Geld erhalten, schreibt Klasnic: „Mein Name gilt als Anlaufstelle, und es gibt keine Absprache oder Vereinbarung zum Thema Geld, weder mit mir noch mit der Dreischritt GmbH.“

Beim ÖSV ließ man Fragen zu Klasnics und Leibovicis Engagement unbeantwortet.