„Das kann die Unesco nicht hinnehmen“

Gabriele Eschig (62) ist seit 2000 Generalsekretärin der österreichischen Unesco-Kommission und setzt sich in dieser Funktion für den Erhalt des Weltkulturerbes ein.

DOSSIER: Wiens Gemeinderat hat dem Bau des Hochhauses am Heumarkt entgegen den Warnungen der Unesco zugestimmt. Haben Sie damit gerechnet?
Gabriele Eschig: Ich habe das Ergebnis so befürchtet. Die Regierungsparteien haben sich schon vorher festgelegt und sich in den letzten fünf Jahren durch nichts beeinflussen lassen. Das Projekt wurde mehrmals begutachtet. Bereits 2013 wurde festgestellt, dass das Bauprojekt nicht so hoch ausfallen dürfe. Die Stadtregierung ist darauf in keiner Weise eingegangen.

Kommt Wien nun auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes?
Ja. Wien wird auf die Rote Liste gesetzt.

Bedeutet das auch die Aberkennung des Welterbestatus?
Ich rechne damit. Bis jetzt hatte der Investor ja keinen Anspruch – das war ja alles nur projektiert, aber jetzt – mit dem Gemeinderatsbeschluss – hat er ihn. Dass man drei Wochen vor der Sitzung des Welterbekomitees in Krakau diesen Beschluss gefasst hat, ist ja kein Zufall. Man hat Fakten geschaffen, und das wird die Reaktion des Komitees beeinflussen. Wenn keine positiven Veränderungen im Hinblick auf die Unesco-Forderungen stattfinden beziehungsweise die Stadt Wien keine Schritte in diese Richtung unternimmt, glaube ich nicht, dass es länger als ein Jahr bis zur Aberkennung dauert. Die Signale der Stadtregierung sind nicht so, dass ich hier optimistisch sein kann.

Glauben Sie, dass die Stadt mit dieser Terminsetzung die Unesco bewusst ausgespielt hat?
Ich glaube schon, dass das bewusst passiert ist. Es hat ja Abänderungsanträge gegeben, die Entscheidung zu verschieben und Krakau abzuwarten, aber das wurde mit Mehrheit abgelehnt.

Worin besteht das Problem mit dem Hochhausprojekt am Heumarkt?
Wien und Österreich haben den außergewöhnlichen universellen Wert des historischen Zentrums von Wien unter Welterbeschutz gestellt – ein kleiner Teil der Stadt, der die Geschlossenheit der Bebauung des zweiten Jahrtausends, also sprich Mittelalter, Barock und Gründerzeit, in einer weltweit einzigartigen Qualität widerspiegelt. Der Heumarkt liegt hier in der Kernzone, und das Bauprojekt ist von Anfang an in der Höhe weit über den transparent kommunizierten Unesco-Auflagen geplant worden. Es ist eben ein Unterschied, ob ein Bauprojekt außerhalb des Welterbegebietes liegt, so wie in Köln zum Beispiel. Hier wurden gegenüber dem Dom Hochhäuser geplant. Die Stadt Köln hat auf die Kritik der Unesco reagiert und die Bauhöhe beträchtlich verringert. Damit kam Köln wieder von der Roten Liste.

Besteht nicht die Möglichkeit, dass Wien einfach auf der Roten Liste bleibt?
Wenn keine Schritte in die richtige Richtung unternommen werden, dann schließe ich das aus. Sie müssen ja an die Folgewirkungen denken. Eine derart massive, konkrete Planung gegen mehrere Empfehlungen und Entschlüsse des Komitees – das kann die Unesco nicht hinnehmen. Sie verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie immer nur droht und keine Konsequenzen folgen lässt. Ich glaube, dass das jetzt eher schnell gehen wird.

Welche Maßnahmen müsste Wien setzen, um wieder von der Liste zu kommen?
Verbindliche Planungsinstrumente zum Schutz des Welterbes schaffen, damit in Zukunft derartiges nicht mehr passieren kann, und das Projekt völlig neu aufstellen – so, dass die Vorgaben in Kubatur und Höhe eingehalten werden. Das scheint mir aber sehr unwahrscheinlich. Das passt ja sehr gut ins Bild. Die Stadtregierung möchte, aus welchem Grund auch immer, dem Investor den Wohnturm ermöglichen.