»Bei diesem Syndikat kommt man mit Compliance-Verstößen davon«,polterte Florian Beckermann auf der Hauptversammlung (HV) der OMV AG am 31. Mai 2023. Als Präsident des Interessenverbands für Anleger empörte sich Beckermann über das aus Staatsholding Öbag und Abu Dhabi National Oil Company (Adnoc) bestehende Syndikat.
Das Aktionärsduo, dem zusammen 56,4 Prozent an der OMV gehören, hatte entgegen der ausdrücklichen Empfehlung großer internationaler Stimmrechtsberater einen heiklen Antrag durchgeboxt: nämlich Ex-OMV-Boss Rainer Seele die Entlastung zu erteilen.
In der HV 2022 wurde Seele die aktienrechtliche Absolution verweigert, weil er seinem Compliance-Chef Robert Eichler heimlich einen Sideletter zugeschanzt hatte, der diesem finanzielle Vorteile zusicherte. Dass Seele dabei die Geschäftsordnung verletzt hatte, wie DOSSIER berichtete, wurde nach einer Sonderprüfung bestätigt.
Die OMV-Anwält·innen stellten jedoch »kein einklagbares Fehlverhalten« fest. Das erlaubte dem Öbag-Adnoc-Syndikat eine nachträgliche Entlastung. Seele kam mit einem blauen Auge davon. Internationalen Investoren wurde damit signalisiert: Compliance ist bei der OMV bloß ein Lippenbekenntnis.
Auf der HV 2023 wurden auch DOSSIER-Berichte diskutiert, die wenige Wochen zuvor veröffentlicht worden waren: von der »Frage der Entlastung« von Rainer Seele über den »Krach wegen Kallo«, eines belgischen Borealis-Werks, bis zur »Maulwurfjagd im Ölkonzern«.
Letzterer erzählt davon, wie die OMV im Jahr 2020 die E-Mails von Betriebsratsmitgliedern überwachte. Die Observation beinhaltete auch deren private Kommunikation mit Politiker·innen und Journalist·innen.
Die Hinweise auf die dubiose Maulwurfjagd kamen vom ehemaligen OMV-Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Berndt, der sich während einer Befragung im parlamentarischen ÖVP-Untersuchungsausschuss im September 2022 verplappert hatte. Berndt hatte im U-Ausschuss aus privaten E-Mails zitiert, die Dokumente hatte er laut eigenen Angaben aus einer »forensischen Untersuchung«.
Die OMV wird nun verdächtigt, gegen das Datenschutzgesetz verstoßen zu haben, weil sie private Daten ohne Zustimmung der Betroffenen verarbeitet hat. Und es ist nicht das erste Mal. Der Konzern hat eine unrühmliche Historie im Umgang mit Kritiker·innen, von der Überwachung von Umweltaktivist·innen in Österreich und Neuseeland über das Scannen von Mails und Diensthandys von Mitarbeiter·innen bis hin zur Einschüchterungsklage gegen DOSSIER.
Nicht nur die fieberhafte Jagd nach Whistleblowern, die Medien mit OMV-Informationen versorgt hatten, oder das OMV-Sponsoring für Wladimir Putins Lieblingsfußballklub Zenit St. Petersburg oder die umstrittenen Gaslieferverträge mit Russland waren Thema auf der Hauptversammlung.
Auch über ein neues Bühnenwerk wurde reichlich diskutiert: Die Redaktion feierte am 28. April 2023 Premiere im Volkstheater in den Bezirken. Und die Inszenierung der OMV-Recherchen von DOSSIER entpuppte sich als Publikumserfolg. Darum wird das Theaterstück mit TV-Star Gerti Drassl (Vorstadtweiber) in die Verlängerung gehen – diesmal sogar auf der großen Bühne: Die Redaktion ist ab 12. Oktober im Volkstheater Wien zu sehen.
