Boom des investigativen Theaters

Die Kooperation zwischen dem Wiener Volkstheater und DOSSIER ­brachte bisher vier investigative Theaterstücke hervor. Im März wurde das jüngste Werk uraufgeführt: »Aufstieg und Fall des Herrn René Benko«.

Bühne frei!9.4.2024 

Die Suche nach neuen journalistischen Darstellungsformen beschäftigt uns bei DOSSIER seit der Gründung. Mit investigativem Theater haben wir mit unserem Kooperationspartner, dem Wiener Volkstheater, eine besonders kreative und abwechslungsreiche Erzählform gefunden. Was mit einer Idee begann, hat sich mittlerweile als moderne journalistische Ausdrucksform etabliert, die nicht zuletzt beim Publikum gut ankommt. 

Einen regelrechten Ansturm auf die Tickets gab es beim neuesten Stück: Am 16. März 2024 fand die Uraufführung unseres vierten Bühnenprojekts Aufstieg und Fall des Herrn René Benko statt. Ursprünglich war die Premiere in der Dunkelkammer geplant, einer kleineren Bühne des Volkstheaters. Doch nur wenige Stunden nach dem Start des Vorverkaufs waren sämtliche Vorstellungen ausverkauft. Die Theaterkasse registrierte großes Interesse an retournierten Tickets, die Warteliste wurde immer länger. Volkstheater-Intendant Kay Voges fackelte nicht lange und verlegte die Premiere auf die Hauptbühne – und wieder: alles ausverkauft.

Auch bei unseren Theaterproduktionen steht die investigative Recherche im Fokus. Wenn im Theater Fakt und Fiktion aufeinandertreffen, dann gelten die journalistischen Grundsätze unverändert: Fairness, Transparenz und Sorgfalt. Vor diesem Hintergrund wählen wir mit Regisseur und Autor Calle Fuhr die Themen aus und suchen eine für das Theaterpublikum passende Erzählform. So entstanden bereits drei weitere Theaterstücke.

DOSSIER-Redakteur·innen in Aktion: Szenen aus »Aufstieg und Fall des Herrn René Benko«
Fotos: Max Hammel

Im Februar 2020 – es war gerade Lockdown – waren die Zuseher·innen via Livestream im Theater und verfolgten unsere Recherchen zu Red Bull in der Inszenierung Die Recherche-Show. Ab Herbst 2021 lief das nächste Stück im Volkstheater in den Bezirken: Heldenplätze mit der Schauspielerin Gerti Drassl (unter anderem Vorstadtweiber). In einem Monolog wird Österreichs Nationalheld Toni Sailer dekonstruiert. Das Stück stützt sich auf die DOSSIER-Recherchen zum Akt Toni Sailer, die Anfang 2018 veröffentlicht wurden. Im Zentrum stehen Vergewaltigungsvorwürfe aus den 1970er-Jahren, die damals von den Spitzen der Republik in Sailers Sinne vertuscht wurden. Heldenplätze wurde bisher mehr als 40-mal gespielt.

Ein Jahr später hatte Die Redaktion ihr Debüt auf der Bühne – und wieder war Gerti Drassl dabei. In dem Stück geht es um unsere OMV-Recherchen. Reichlich Stoff lieferten die Drohungen und Klagen der OMV wegen kritischer DOSSIER-Artikel über das Luxusleben der OMV-Chefetage, das Sponsoring von Wladimir Putins Lieblingsfußballklub sowie den Milliardenkrimi rund um den Borealis-Deal. Regisseur Calle Fuhr inszenierte die journalistische und emotionale Achterbahnfahrt des ­DOSSIER-Teams. Die Redaktion kam mehr als 25-mal auf die Bühne und läuft noch bis Ende April 2024 im Volkstheater.

Das Phänomen »investigatives Theater« zieht auch das Interesse österreichischer und internationaler Medien auf sich: So brachte die Ö1-Sendung Doublecheck Anfang Februar einen Beitrag mit dem Titel »Viel Theater um Journalismus«. Aktueller Anlass war eine erfolgreiche Investigativproduktion in Deutschland: Auf der Bühne des Berliner Ensembles fand eine szenische Lesung über das vom Medienhaus ­Correctiv aufgedeckte Rechtsextrementreffen bei Potsdam statt. Dahinter steckte ebenfalls das Volkstheater-Team rund um Kay Voges. In dem Ö1-Beitrag sprach Regisseur Fuhr auch über die Zusammenarbeit mit DOSSIER. Und das Global Investigative Journalism Network – ein weltweites Netzwerk von investigativen Journalist·innen – nahm Die Redaktion zum Anlass, um die ­DOSSIER-Redaktion zu ­porträtieren.