Es gibt Dinge, auf die man selbst nicht kommt. Aus Investigativjournalismus Theater machen? Inszenierte Fakten? Gespielte Wirklichkeit? Uns ist das nicht eingefallen. Es waren zwei Theatermacher, die 2019 mit dieser Idee auf DOSSIER zukamen: Calle Fuhr, damals designierter Leiter des Volkstheaters in den Bezirken, und sein Chef, der designierte künstlerische Direktor des Volkstheaters, Kay Voges.
Zu Beginn der Spielzeit 2020/21 wechselten die beiden Düsseldorfer nach Wien. Mit im Gepäck: die Vision, das Theater mit zeitgenössischen Stücken für gesellschaftspolitische Diskussionen zu öffnen – und hier kamen wir ins Spiel.
Man wolle sich treffen, etwas besprechen, schrieb uns Fuhr in einer E-Mail: das Experiment, unsere Recherchen auf die Theaterbühne zu heben. Spannend! Aber geht das? Und können wir das? Wie so oft gesellten sich zu dieser neuen Idee neben Euphorie bald Zweifel. Aber was soll’s, wird schon schiefgehen!
Wir stimmten zu, die Reise begann – und kam schon bald wieder ins Stocken. Die Covid-19-Pandemie brach aus. Theater kämpften, wie so viele Lebensbereiche, mit den Folgen der globalen Gesundheitskrise.
Bei unserem ersten gemeinsamen Stück, der Recherche-Show über den Getränkekonzern Red Bull, standen wir vor einer Herausforderung: Wie erzählt man auf einer Bühne von einer Recherche, wenn gerade Lockdown ist?
Kreativität war gefragt – und die Lösung bald gefunden: »Guten Abend! Wir glauben nicht daran, dass es jemals wieder Live-Theater geben wird«, begrüßte die Schauspielerin Pia Hierzegger die Gäste zu unserer ersten Theater-Zoom-Session. »Deshalb haben wir ins Theater Fernsehstudios eingebaut. Und einmal im Monat hüpfen wir aus unseren Pyjamas und machen für Sie eine Show.«
Die Recherche-Show kam gut an, wohl auch weil Hierzegger viel Humor bewies: etwa als sie Ferdinand Wegscheider, den Programmchef von Red Bulls hauseigenem Fernsehsender Servus TV, als Handpuppe buchstäblich auf den Arm nahm. Das per Zoom zugeschaltete Publikum lachte, auch die Kritiken nach der Premiere waren nicht übel. Also machten wir weiter, und schon bald sollte Fuhr mit Ideen für Theaterstücke auf uns zukommen, die es in sich hatten.
Bühne und Fakten

Das gelungene Zusammenspiel von Recherche und Inszenierung zeigt, dass die Verschränkung von Journalismus und Theater nicht nur möglich, sondern zukunftsweisend ist. Beide Disziplinen tragen dazu bei, brisante Themen sichtbar und verständlich zu machen. Im Zentrum der gemeinsamen Produktionen stehen gesellschaftlich relevante und investigativ recherchierte Geschichten.
DOSSIER setzt auf journalistische Grundsätze wie Fairness, Transparenz und Sorgfalt, während das Theater die Inhalte künstlerisch inszeniert und dadurch emotional erlebbar macht. Von dieser Zusammenarbeit profitieren beide Seiten: Aktualität, Relevanz sowie Tiefgang in der Recherche werden mit der Möglichkeit kombiniert, komplexe Sachverhalte niederschwellig und ansprechend zu vermitteln.
Dass diese Form des Storytellings beim Publikum gut ankommt, zeigt sich an den verlängerten Spielzeiten der Inszenierungen. Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Zeitraum 2020/21 bis 2024/25 verkaufte das Volkstheater 17.633 Karten für die gemeinsam mit DOSSIER entwickelten Stücke.
Unsere Produktionen wurden auch von nationalen und internationalen Medien aufgegriffen und als inspirierendes Beispiel einer neuen Erzählkultur hervorgehoben. So fragte die renommierte Financial Times anlässlich der Premiere des Stücks Aufstieg und Fall des Herrn René Benko im März 2024: »Could theatre be the future of investigative journalism?« (Könnte Theater die Zukunft des Investigativjournalismus sein?)
Dass die Stücke nicht nur in Österreich auf Interesse stoßen, zeigen unsere Gastspiele am Berliner Ensemble, am Südtiroler Kulturinstitut und im Budapester Kulturzentrum Turbina. Das Schauspiel Köln – mit Kay Voges als neuem Direktor und Calle Fuhr als neuem Hausregisseur – nahm das Benko-Stück in den Spielplan 2025/26 auf. Die Premiere im Oktober 2025 war ein voller Erfolg.
Zukunftsweisende Investition

Die nachhaltige Wirkung unserer Produktionen wurde Ende 2024 vom damals neu gegründeten Media Forward Fund (MFF) mit einer Förderung in Höhe von 390.000 Euro gewürdigt. Ziel des Fonds ist es, gemeinwohlorientierten Qualitätsjournalismus und innovative, tragfähige Geschäftsmodelle in Österreich, Deutschland und der Schweiz zu unterstützen.
Die Förderung soll dazu beitragen, ein neues Genre mit immersivem Charakter für die Branche zu etablieren und neue Mitglieder für unser werbefreies Medium zu gewinnen – ein bedeutsamer Schritt hin zu einem Erlösmodell, das unabhängige Recherche und mediale Innovation verbindet.
Die Förderung ermöglicht uns, die Zusammenarbeit mit Theatermacher·innen und Schauspieler·innen auszuweiten, neue Live-Journalismus-Formate zu konzipieren und weiterhin Theaterstücke mitzuentwickeln. Zudem konnten wir mit Sebastian Reiter einen neuen Kollegen ins Team holen, der uns dabei hilft, unsere Bühnenformate auszubauen und auf wirtschaftlich tragfähige Beine zu stellen.
Wenn Sie keines unserer Events verpassen möchten, dann werfen Sie einen Blick in den Veranstaltungskalender auf unserer Website. Dort finden Sie fortan die Termine für Hinterzimmer, Theateraufführungen, Workshops, Podiumsdiskussionen und vieles mehr. Für DOSSIER-Mitglieder haben wir immer ein Kontingent an Karten reserviert, das ihnen entweder einen vergünstigten oder oftmals kostenlosen Eintritt garantiert. Wir freuen uns auf Ihren Besuch – die nächste Vorstellung kommt bestimmt.
