Übermalt und vertuscht

„Wenn das wer sieht, zahlen Sie drauf“, sagt der Kontrolleur des Landes zu Erich T., dem Betreiber einer Asylunterkunft in Grimmenstein, Niederösterreich. So erzählt es T., als er am 10. November von DOSSIER erstmals auf die Missstände in seinem Quartier angesprochen wird – von denen gibt es einige. Das dringendste Problem: Bei zwei Lokalaugenscheinen im August und Oktober 2013 wuchert in der Küche nicht nur oberflächlich Schimmel. Vor Ort stellt Peter Tappler, Gerichtssachverständiger für Schimmelbelastungen in Innenräumen, eine um das 6-fache erhöhte Konzentration an Schimmelpilzsporen in der Raumluft fest. Das Fazit des Gutachters: 

Die Räume sollten aufgrund akuter Gesundheitsgefährdung bis zu einer fachgerechten Sanierung nicht mehr benutzt werden.

 
Aufnahmen des Quartiers am 5. August 2013

Am 23. November, knapp eine Woche nach Erstveröffentlichung der DOSSIER-Recherchen, lässt die zuständige Landesrätin Elisabeth Kaufmann-Bruckberger (Team NÖ) in der Tageszeitung „Kurier“ verkünden, dass

in der Vorwoche die zuständige Fachabteilung sieben der kritisierten Asylquartiere besucht habe. Dort seien zwar Mängel festgestellt worden, aber keine gesundheitsgefährdenden. „Wenn die Situation so kritisch gewesen wäre, hätten wir die Unterkünfte zugesperrt.

Schon bevor DOSSIER seine Rechercheergebnisse veröffentlichte, hatte Betreiber Erich T. den Zuruf des Kontrolleurs und den Ernst der Lage verstanden. Die Sanierung war angelaufen: Im Bad werden Schäden im Mauerwerk beseitigt, Fugen erneuert. In der Küche soll eine neue Arbeitsfläche kommen. Ein Maler rückt an. Seine Aufgabe ist es, den Schimmel an den Wänden mit einer speziellen Schimmelfarbe zu übermalen. Nach knapp einer Stunde ist er fertig, wird er später am Telefon sagen: „Der Auftrag war, die paar Flecken zu verschönern. Es hat schnell gehen müssen.“

Offizielle Besichtigung  

Dienstag, 19. November, offizielle Besichtigung. Eine Kommission betritt die Unterkunft, die vom Gerichtssachverständigen Peter Tappler als „akut gesundheitsgefährdend“ eingestuft wurde: Peter Anerinhof, verantwortlicher Beamter für die Grundversorgung in Niederösterreich, gehört ihr an. Ebenso die Amtsärztin der Bezirkshauptmannschaft Neunkirchen, Elisabeth Hecher-Korinek, der Sachverständige für Bauphysik, Gerhard Burian, der Bürgermeister der Gemeinde Engelbert Pichler (ÖVP) sowie Verhandlungsleiter Michael Oliver Engel.

Erneut wird in der Küche gemessen. Der Experte für Bauphysik setzt Selbsttest-Sets ein. 69,90 Euro kostet so ein Test im Handel. Vier bis sechs Stunden sind die Probeschalen auszulegen, die Ergebnisse liefern schließlich die Labors in Seibersdorf. Burian nennt die Sets „Schimmelfallen“, der Sachverständige Tappler „unbrauchbar. Das ist wie wenn ein Zahnarzt einen Akku-Bohrer nehmen würde.“ Laut Joseph Strauss, Mitentwickler der Schimmeltests und Professor für Genetik und Funktionelle Genomforschung von Pilzen, dienen Schimmelfallen einer „ersten Indikation. Wenn mit diesem international wissenschaftlich validierten Test festgestellt wird, dass ein mögliches Problem vorliegt, ist der nächste Schritt, den Gutachter zu holen.“

Schimmelfalle hin oder her. Am Schauplatz Grimmenstein ist bei der offiziellen Besichtigung das medizinische Urteil der Amtsärztin wesentlich. Das Bild, das sich ihr vor den übermalten Stellen zeigt, lässt sie zum Schluss kommen: kein akutes Gesundheitsrisiko – zumindest bis zur Auswertung der Selbsttest-Proben. Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien sieht das kritisch: „In diesem Fall braucht man nicht auf die Ergebnisse der Messung warten“, sagt der Umweltmediziner.

Eine gesundheitliche Beurteilung kann basierend auf den Ergebnissen der Messung von Herrn Tappler durchgeführt werden.

Laufende Kontrollen

Genau das passierte bisher nicht. Denn nicht das Gutachten des Gerichtssachverständigen ist für die Verantwortlichen im Land ausschlaggebend, die Ergebnisse der Selbst-Tests sollen es sein. Statt eine fachgerechte Sanierung der Unterkunft anzuordnen, die – so beurteilen es der Gerichtssachverständige und der Maler – mehrere Monate dauern würde, setzt man in der zuständigen Abteilung am Tag nach der Begehung ein Schreiben an Betreiber Erich T. auf: Die Missstände seien „binnen 14 Tagen“ zu entfernen. In der Lokalpresse beruhigt ÖVP-Bürgermeister Pichler. „Bei meinem Besuch dort konnte ich keine Art von Schimmelspuren feststellen, es wird alles laufend kontrolliert“, sagte er zu den "Niederösterreichischen Nachrichten".

Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter Form am 2. Dezember 2013 in der Tageszeitung „Kurier“.

Tatsächlich hatte die Caritas bereits im Juni 2013 auf die Missstände im Quartier hingewiesen. Passiert war damals auch nichts. Rund 40 Asylsuchende leben nach wie vor in der Unterkunft. Weder die verantwortliche Landesrätin, der zuständige Beamte, die Amtsärztin, der Verhandlungsleiter noch Neunkirchens Bezirkshauptfrau waren bisher für eine Stellungnahme zu erreichen. Laut einem Bericht von "ORF Niederösterreich" soll eine Sonderkommission in den kommenden Wochen sieben „desolate“ Quartiere überprüfen. Landesrätin Elisabeth Kaufmann-Bruckberger begründete den Schritt so: „Das ist kein Eingeständnis, sondern wir wollen die Vorwürfe kontrollieren und eigentlich auch widerlegen.“