Im Schnitt 23 Tage

Hohe Zäune, Überwachungskameras, Wachmänner – das Areal ist gut gesichert. Keinesfalls sollen Unbefugte Zutritt zu Österreichs größtem Flüchtlingslager bekommen. Das nimmt man im Innenministerium ernst. Im Jänner 2013 hieß es sogar für die damalige Volksanwältin Terezija Stoisits: draußen bleiben. Sie forderte Kontrollbefugnisse für den Menschenrechtsbeirat der Volksanwaltschaft, erst nach einigem juristischen Tauziehen stimmte das Ministerium zu. Auch Vertreterinnen und Vertreter der Flüchtlingsorganisation SOS Mitmensch wurden nicht in die Erstaufnahmestelle Traiskirchen gelassen. Immer wieder geriet die strenge Zutrittspolitik des Innenministeriums in die öffentliche Kritik. Die Maßnahme sei notwendig, um den Schutz der Asylsuchenden zu gewährleisten, heißt es dazu von offiziellen Stellen. Im Dezember 2013 öffnen sich für DOSSIER die Türen. Ein dreiköpfiges Journalistenteam darf die Anlage betreten – unter Auflagen: kein Kontakt zu den Asylwerbenden, keine Videoaufnahmen, Fotos nur nach Absprache.

Die besten 10

Quartier

Ort

Bewertung

1.

2320 Schwechat

35,5

2.

3150 Wilhelmsburg

35

3.

7201 Neudörfl

34

3.

3100 St. Pölten

34

5.

5760 Saalfelden

33,5

6.

5760 Saalfelden

33

6.

2514 Traiskirchen

33

8.

2832 Thernberg

32

8.

3180 Lilienfeld

32

8.

3180 Lilienfeld

32

DOSSIER bietet sich bei dem fast dreistündigen Rundgang im Flüchtlingslager ein überraschendes Bild: Sowohl die Unterbringung als auch die Versorgung scheinen weitgehend reibungslos zu klappen. In der DOSSIER-Untersuchung erreicht die Erstaufnahmestelle Traiskirchen (BB1) 33 Punkte und somit den sechsten Platz im Gesamt-Ranking. Von innen wirkt das Lager in Traiskirchen wie eine Kaserne. Die Anlage wurde 1903 als k. u. k. Kadettenschule errichtet, der militärische Flair ist geblieben. Schranken am Tor, auf den weitläufigen Straßen zwischen den Gebäuden sind kaum Menschen zu sehen. Küche und Speisesaal sind ausgestattet, Massen zu verpflegen – bis zu 3.000 Menschen könnten hier im Ernstfall versorgt werden. Wo einst Soldaten exerzierten, befinden sich heute Spielplätze. Im ehemaligen Hallenbad werden Babykleidung, Regenjacken, Decken und Zahnpasta gelagert und über den Beckenrand ausgegeben. Die meisten Flüchtlinge erreichen Österreich ohne jegliches Hab und Gut, sie sind auf die Kleidungsausgabe angewiesen. Zudem kommen viele Asylsuchende in körperlich desolatem Zustand und zum Teil schwer traumatisiert in Österreich an. 

Flüchtet ein Mensch aus seiner Heimat und sucht in Österreich um Asyl an, ist das Bundesministerium für Inneres in der Pflicht und zuallererst für Unterbringung, Verpflegung, medizinische Betreuung, kurz: für dessen Grundversorgung verantwortlich. Die Verteilung der staatlichen Verantwortung regelt die Grundversorgungsvereinbarung aus dem Jahr 2004. Die meisten der momentan rund 20.000 Asylsuchenden haben Österreich zuerst in Traiskirchen kennengelernt. Im Schnitt bleiben sie 23 Tage in der Obhut des Bundes, bis sie die Antwort auf die Frage bekommen, ob sie zum Asylverfahren zugelassen werden oder nicht. Zum Zeitpunkt der Recherche warten rund 700 Menschen in der Erstaufnahmestelle Traiskirchen auf die Beantwortung dieser Frage. Lautet die Antwort „Ja“, wird er oder sie in eine Unterkunft in einem der Bundesländer verlegt. Dort beginnt das Warten auf den Ausgang des eigentlichen Asylverfahrens.

In den ersten 23 Tagen ist in Traiskirchen für das Notwendigste gesorgt. Die Zimmer wirken karg – alte Bundesheerbetten und Matratzen, Holz- und Metallspinde, ein Tisch, Stühle. Trotzdem: Die Erstaufnahmestelle schneidet bei der DOSSIER-Bewertung besser ab als viele der Quartiere, die im Zuständigkeitsbereich der Bundesländer liegen. Traiskirchen punktet mit guter Verpflegung, intensiver Betreuung und speziellen Einrichtungen wie einer Schulklasse oder einem Frauenhaus, in dem Asylwerberinnen bei Bedarf in Einzelzimmern schlafen können. Dass Männer mitunter in 25-Betten-Zimmern untergebracht werden, sei der stark schwankenden Belegung geschuldet, sagt Gernot Maier, im Innenministerium zuständiger Beamter für die Bundesbetreuungsstellen. Die Flüchtlinge kämen rund um die Uhr, oft in großen Gruppen und dann brauche es schnell viele Betten. Komfort ist zweitrangig.

Der Betrieb der Unterkunft wurde 2011 an das Schweizer Privatunternehmen ORS ausgelagert, das sich auf die Betreuung von Asylsuchenden spezialisiert hat – das Unternehmen hatte sich in einer Ausschreibung gegen den vorherigen Betreiber EHC (European Homecare) durchgesetzt. Die Firma habe vertragliche Verpflichtungen zu erfüllen, das betreffe Punkte wie Hygiene oder Qualität der Verpflegung, sagt Gernot Maier. Gibt es Probleme mit der Sauberkeit oder beschweren sich die Flüchtlinge über das Essen, nimmt das Ministerium ORS als Auftragnehmer in die Pflicht. Laut Maier funktioniert diese Form der Aufgabenteilung. In der bisherigen DOSSIER-Recherche hat sich kein einziger Asylsuchender über Missstände in Österreichs größtem Flüchtlingslager beschwert.

Traiskirchen: Eine Zeitreise

Traiskirchen steht wie kein anderer Ort in Österreich für Asyl. Am 5. November 1956 wird hier, rund 30 Autominuten südlich von Wien, erstmals ein Flüchtlingslager eingerichtet – nachdem sowjetische Streitkräfte den Ungarischen Volksaufstand brutal niedergeschlagen hatten, flohen Tausende westwärts nach Österreich. An die 6.000 Flüchtlinge kamen alleine am ersten Tag im provisorisch eingerichteten Lager Traiskirchen an. Die Stadt selbst zählte damals rund 6.300 Einwohner. Seitdem ist das Flüchtlingslager das größte und bekannteste des Landes – und ist immer wieder Anlass für Diskussionen.