Das Ölimperium schlägt zurück

Der DOSSIER-Bericht über OMV-Konzernchef Rainer Seele sorgte für internationales Aufsehen. Dann wurde intern geprüft und nach außen verkündet: alles paletti – wirkliche Aufklärung sieht jedoch anders aus.

Text: Ashwien Sankholkar

Andere Themen28.5.2020 

Aufmacherbild: Foto: Martin Schachermayer (CC BY-NC-ND 2.0), Collage: DOSSIER

Flüge im Privatjet, teures Sponsoring des russischen Fußballs ­– die DOSSIER-Story über OMV-Konzernchef Rainer Seele zog weite Kreise. International berichteten unter anderem das deutsche Handelsblatt und die New York Times. Die Reaktion folgte prompt.

Der Konzern engagierte den renommierten PR-Berater Wolfgang Rosam; Interviews mit ausgewählten Zeitungen wurden arrangiert, um die OMV aus der Krise zu manövrieren. Aufsichtsratsboss Wolfgang Berndt trat an die mediale Front.

Eigentlich sollte der 77-jährige Berndt zur Beruhigung beitragen. Doch der Schuss ging nach hinten los. Als Reaktion auf die DOSSIER-Story habe er die interne Revision eingeschaltet, erklärte Berndt gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Die Revision habe den Zeitraum 2017 bis 2019 zu untersuchen und das Prüfergebnis dem Aufsichtsrat bis Ende Juni zu präsentieren. Berndts Ansage machte Rainer Seele plötzlich auch in Russland und in den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Gesprächsthema.

Dass pikante Interna über OMV-Geschäfte mit Gazprom bei DOSSIER gelandet waren, ärgerte: Die geleakten Details rund um das Sponsoring von FC Zenit St. Petersburg sollten ein wohlbehütetes Geheimnis bleiben. Auch das Herrscherhaus in Abu Dhabi, der zweitgrößte OMV-Aktionär, war alarmiert. Immerhin muss der jüngst verkündete Vier-Milliarden-Euro-Deal um das Aktienpaket am Kunststoffspezialisten Borealis noch eingetütet werden.

Mit dem Reuters-Interview hatte Berndt jedenfalls eine mediale Lawine losgetreten. Obwohl Berndt gegenüber Reuters eine sorgfältige Prüfung ohne Zeitdruck angekündigt hatte – avisierter Abschluss: Ende Juni –, machte man plötzlich Tempo: Der OMV-Revisionschef musste die Causa Seele bis zur außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am 20. Mai abschließen.

Mutierte die Prüfung damit zur Farce?

Denn die Möglichkeit, bei einem derart heiklen Thema einen externen Prüfer einzusetzen, ließ man aus. Stattdessen fahndet die renommierte Rechtsanwaltskanzlei Wolf Theiss nach den Maulwürfen im Unternehmen.

Für die Untersuchungen im Fall Seele wurde hingegen ausgerechnet ein Senior Vice President eingesetzt, der laut OMV-Organigramm Rainer Seele direkt unterstellt ist: der Leiter der Abteilung Internal Audit & Compliance.

Durchsichtige Entlastungsoffensive

Der intern hurtig erstellte Persilschein diente PR-Profi Wolfgang Rosam als Grundstein für seine mediale Entlastungsoffensive. Das erfreuliche Prüfergebnis wurde am Wochenende wohlgesonnenen Medien gesteckt. „Rückendeckung für den OMV-Boss“ titelte die Kronen Zeitung am Samstag, 23. Mai 2020. „Spesen- und Sponsoring-Vorwürfe geprüft und entkräftet, Aufsichtsrat unterstützt auch Seeles neue Konzern-Strategie voll.“

Am Sonntag zogen Kurier und Handelsblatt nach. „Die Untersuchung hat gezeigt, dass die in den Medien genannten Flüge völlig korrekt abgewickelt wurden“, wird Aufsichtsratsboss Berndt zitiert. Und weiter: „Auch das Sponsoring. Dieses wurde sogar durch ein Gutachten bestätigt. Darüber hinaus hat die Untersuchung auch das Kostenbewusstsein des jetzigen Vorstandes unterstrichen. Das wird dadurch deutlich, dass die Kosten für Jetflüge um 80 Prozent zu früher gesenkt wurden!“

Der letzte Satz ist ein Frontalangriff gegen Seeles Vorgänger Gerhard Roiss. Dass Berndt ihm ankreidet, im Vergleich zu Seele fünfmal so hohe Kosten für Privatjets verursacht zu haben, ist bemerkenswert, da somit ein ehemaliger Vorstand in aktuelle Geschehnisse hineingezogen wird. Ebenso die Sache mit dem Gutachten für das Zenit-Sponsoring.

Laut Medienberichten beauftragte Seele vor Abschluss des Millionensponsorings mit den Russen einen gerichtlich beeideten Sachverständigen, die Rechtmäßigkeit zu attestieren. Warum diese Absicherung nötig war, bleibt ein Rätsel.

Zu knapper Prüfzeitraum

Die OMV verweigert DOSSIER indes die Einsichtnahme in den Prüfbericht und in das Zenit-Gutachten. Dabei ist schon der Prüfzeitraum ein Murks: Die interne Revision untersuchte laut Berndt die Jahre 2017 bis 2019. Eine Untersuchung von 1. Juli 2015 bis Mai 2020, also ab Seeles Eintritt in die OMV bis zur Corona-Krise, wäre treffender gewesen. So waren die beträchtlichen Jetreisen der Jahre 2015 und 2016 nicht Teil der Revisionsprüfung.

Auch Seeles Irland-Flüge im Frühjahr 2020 waren nicht Prüfgegenstand. Damit bleibt ungeklärt, ob die OMV die Flüge während der Corona-Krise bezahlt hat. Seele behauptet felsenfest, dass er private Reisen stets privat bezahlt hat. Wann Seele die Kosten refundiert hat, bleibt ungeklärt. Wirkliche Aufklärung und Transparenz sehen anders aus.