Das Geschäft mit dem Gaul

Ein Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule wurde an die Tochter des Aufsichtsratschefs verkauft. Vielleicht zu billig? Der Versicherungswert des Pferdes liegt bei 170.000 Euro. Die Finanzprokuratur hat sich nun eingeschaltet.

Text: Ashwien Sankholkar

Aktuelles , aktualisiert: 16.11.2022

Aufmacherbild: Spanische Hofreitschule / Sabrina Mallick

Wie viel ist ein Lipizzaner wert? Diese Frage beschäftigt die Justiz seit fast einem Jahr. »Unsere Ermittlungen sind abgeschlossen. Der Vorhabensbericht ist fertig«, sagt Nina Bussek, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien. Nun ist die Strafakte rund um den Hengst Maestoso Fantasca-67 auf dem Weg ins Justizministerium. In der Sache geht es um den Verdacht der Untreue: Wurde ein Pferd der Spanischen Hofreitschule (SRS) unter seinem Wert verkauft?

DOSSIER liegen exklusive SRS-Informationen vor, die wohl für gehörigen Wirbel in der Manege sorgen dürften. Die Vorgeschichte: Elisabeth Gürtler, Erwin Klissenbauer und Johann Marihart wurden laut Krone Ende 2021 bei der Staatsanwaltschaft Wien angezeigt. Der Grund: 2013 hatten die damaligen SRS-Geschäftsführer·innen Gürtler und Klissenbauer einen jungen Hengst um 12.000 Euro an die Tochter ihres Aufsichtsratschefs Marihart verkauft. Rückblickend war das fast geschenkt. Denn das Pferd wurde in der Folge in der Hofreitschule auf Steuerzahler·innenkosten teuer ausgebildet. 

Maestoso Fantasca-67 soll heute 170.000 Euro wert sein, wie aus DOSSIER vorliegenden SRS-Unterlagen hervorgeht. Die vertraulichen Papiere dokumentieren den Wert von mehr als 40 Lipizzanern. Diese SRS-Liste umfasst Name, Jahrgang und Ausbildungsstand jedes einzelnen Pferdes und wird zum Abschluss von Tierlebensversicherungen herangezogen. 

Die Aufstellung ist sowohl für das Justizministerium als auch für die Finanzprokuratur von Interesse. Letztere vertritt die Republik Österreich bei der Verfolgung zivilrechtlicher Ansprüche. Die Liste legt nahe, dass Maestoso zu günstig verkauft worden sein könnte und kann als Basis für etwaige Rückforderungsansprüche herangezogen werden.

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Wertvoller Ausbildungsvertrag

Das Insidergeschäft wurde im Oktober 2021 vom Rechnungshof nach einer Routineprüfung der SRS aufgedeckt. Johann Marihart war nicht nur seit 2009 Aufsichtsratsvorsitzender der Hofreitschule, sondern seit 1988 auch Vorstand des Zuckerkonzerns Agrana AG, eines langjährigen Sponsors der SRS. Aus der Agrana schied Marihart 2021 aus. Nachdem die Affäre publik geworden war, legte er auch sein SRS-Mandat nieder. 

»Maestoso Fantasca war der Einzige in der Equipe, der nicht der Republik Österreich gehörte«, schreibt der Falter im Jänner 2022. Nach der Veräußerung verblieb der Hengst in der Hofreitschule. Eine Bereiterin bildete ihn aus und gab der Besitzerin laut Falter »Reitstunden in ihrer Dienstzeit« – und das alles auf Kosten der Steuerzahler·innen.

Fakt ist: Dass ein Privatpferd in der Spanischen Hofreitschule ausgebildet wird, ist eine Seltenheit in der seit mehr als 300 Jahren bestehenden Kulturinstitution. Und der geheime Ausbildungsvertrag machte den Pferdekauf erst zum lukrativen Deal. 

Offenbar wusste Elisabeth Gürtler, dass Lipizzaner mit den Ausbildungsjahren wertvoller werden. »3.000 bis 30.000 Euro kostet ein Lipizzaner aus Piber«, schreibt Die Welt am 15. Mai 2009 nach einem Gespräch mit Gürtler. »Eine geringe Summe verglichen mit den rund 350.000 Euro, die man der Hofreitschule für einen ausgebildeten Hengst zahlen müsste, um allein die Kosten für die bis zu zwölfjährige Lehrzeit zu ersetzen.« Pro Ausbildungsjahr gewinnt ein Lipizzaner 30.000 Euro an Wert. Die 350.000 Euro errechnen sich somit aus der investierten Arbeit und den Ausgaben für Training, Pflege, Futter und Co. 

Bis auf die 12.000 Euro Kaufpreis zahlten die Mariharts laut OTS-Aussendung vom 18. November 2021 das Notwendigste: »1.200 Euro pro Monat für die Unterbringung und das regelmäßige Bewegen, Longieren oder Führen – sechsmal die Woche für jeweils eine halbe Stunde.« Die wertvolle Ausbildung bekamen sie quasi gratis dazu.

Ein Pferd für den Präsidenten

Johann Marihart wird in der DOSSIER vorliegenden Strafanzeige vom November 2021 vorgeworfen, seine Privilegien als Aufsichtsratspräsident zum Vorteil seiner Familie ausgenutzt zu haben: So soll »es durch die laufende Ausbildung zu einer ungerechtfertigten Vermögensverschiebung« von der SRS zu Mariharts Tochter gekommen sein.

»Das sind haltlose Unterstellungen«, sagt Johann Marihart gegenüber DOSSIER und verweist auf seine OTS-Aussendung, in der er seine Sicht der Dinge präsentiert. Marihart: »Diese Vorwürfe ärgern mich, und ich werde mich dazu nach Abschluss des Verfahrens öffentlich äußern.«

 Die 14-seitige Sachverhaltsdarstellung wurde vom ehemaligen ersten Oberbereiter der SRS, Klaus Krzisch, bei der Staatsanwaltschaft Wien eingebracht. »Der erstmalige Verkauf eines vollausgebildeten Spanischen Schulhengstes (würde) mehrere Hunderttausend Euro betragen«, heißt es in der Strafanzeige. Der Kaufpreis von 12.000 Euro sei zu niedrig. »Wie aber auch bei der Versteigerung von seltenen und alten Gemälden, könnte auch ein weit höherer Preis erzielt werden.«

Das bringt uns zurück zur entscheidenden Frage: Wie viel ist ein Lipizzaner wert?

Finanzprokuratur beauftragt Gutachter

»Es ist unser Ziel, die Causa ohne finanziellen Schaden für die Republik Österreich zu bereinigen«, sagt Finanzprokurator Wolfgang Peschorn gegenüber DOSSIER. Als ersten Schritt hat Peschorn den Sachverständigen Ludwig Hoffmann beauftragt, den Wert von Maestoso Fantasca-67 zu erheben. Als Präsident des Steirischen Pferdesportverbandes und gerichtlich zertifizierter und beeideter Gutachter für Pferdesport blickt Hoffmann auf eine langjährige Erfahrung in der Bestimmung von Liebhaber-, Markt- und Versicherungswerten zurück. 

»Für den Turnierbetrieb ist ein Lipizzaner eher nicht geeignet«, erklärt Hoffmann gegenüber DOSSIER. In diesem Bereich liege der Marktwert bei weniger als 30.000 Euro. Details aus dem Bewertungsgutachten will er nicht preisgeben: »Dafür ist die Finanzprokuratur zuständig.«

Fakt ist: Lipizzaner werden nicht für Turniere gezüchtet, sondern ziehen eher Liebhaber an. Darf man Oldtimer mit Rennwagen vergleichen? Und wie viel Geld kann ein Oldtimer bringen? 

»Die Versicherung kann von Bedeutung sein«, sagt Pferdeexperte Hoffmann. Die Versicherungssumme ist das, was in der Polizze steht, also worauf sich Versicherungsnehmer·innen und Assekuranz wertmäßig einigen. So wie ein Oldtimer können auch Lipizzaner versichert werden.

Wertangaben für die Versicherung 

»Die Versicherung wird vom Veranstalter oder vom Spediteur abgeschlossen«, präzisiert SRS-Co-Geschäftsführer Erwin Klissenbauer gegenüber DOSSIER. Die SRS selbst schließe keine Versicherungen für Tourneen ab. Klissenbauer: »Wir liefern den Versicherungsnehmern eine Wertangabe für jedes Pferd.« Die Bandbreite liegt derzeit zwischen 150.000 und 220.000 Euro und beinhaltet potenzielle Vermögensschäden, die infolge des Ausfalls eines Lipizzaners entstehen.

Die deutsche R+V Versicherung ist spezialisiert auf Pferde und häufig erste Adresse für Veranstalter und Spediteure. »Versicherungssummen sollen dem Wert der Tiere entsprechen«, heißt es in den »Allgemeinen Bedingungen für die Tierlebenversicherung von Pferden und anderen Einhufern« der R+V.

Und weiter: »Liebhaberwerte bleiben außer Betracht. Der Versicherer und der Versicherungsnehmer können die Versicherungssummen durch einseitige Erklärung mit sofortiger Wirkung herabsetzen, wenn sie nachweislich zu hoch sind.« Mit anderen Worten: Man einigt sich auf realistische Bewertungen. 

Die Hofreitschule führt eine Liste mit dem Titel »Vorführungspferde«. Darauf wird zurückgegriffen, wenn Lipizzaner versichert werden. Von November 2022 bis Jänner 2023 sind bis zu 26 Pferde auf Tournee im deutschen Neumünster, in Kopenhagen und in Oslo sowie in Basel und Paris – und durch eine Versicherung gedeckt.

In der DOSSIER vorliegenden SRS-Liste wird für Maestoso Fantasca-67 ein Wert von 170.000 Euro angegeben. »Im Versicherungsfall hat der Eigentümer Anspruch auf die Versicherungssumme«, sagt Klissenbauer. Dann wäre der edle Gaul nicht mehr Liebhaberei, sondern ein gutes Geschäft für die Mariharts.